«Unterstützung braucht es auch in normalen Zeiten»

5 Fragen an Aline Masé zur sozialen Entwicklung in der Corona-Krise - Mediendienst 12/2021

Vielen Menschen sei erst in der Corona-Krise bewusst geworden, dass sich ein Teil der Schweizer Bevölkerung täglich damit auseinandersetzen müsse, ob das Geld zum Leben reiche, sagt Aline Masé, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik der Caritas Schweiz. Der Staat hat rasche und unkomplizierte Hilfe geleistet. Dies sollte auch in «normalen» Zeiten möglich sein. Grund zur Entwarnung sieht sie bei der Entwicklung der Armut nicht.

Die Arbeitslosigkeit liegt mit 2,5 Prozent im November auf Vorkrisenniveau. Und bisher haben nicht mehr Menschen Sozialhilfe bezogen als vor der Pandemie. Ist alles gar nicht so schlimm wie befürchtet?

Die Corona-Krise ist leider noch nicht überwunden, wie die jüngsten Entwicklungen zeigen. Die Wirtschaft hat sich bis anhin aber rascher erholt als erwartet und die konjunkturelle Arbeitslosigkeit ist relativ tief. Die massive Ausweitung der Kurzarbeit hat laut einer Studie der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse etwa 120 000 Arbeitsplätze gerettet. Ohne dieses Instrument wäre die Arbeitslosenquote im Jahr 2020 vermutlich deutlich über 5 Prozent geklettert statt auf 3,3 Prozent. Ob der Stellenabbau tatsächlich verhindert oder lediglich aufgeschoben wurde, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die sogenannte strukturelle Arbeitslosigkeit durch die Pandemie zugenommen hat. Das führt vermutlich auch zu einer Erhöhung der Sockelarbeitslosigkeit.

Strukturelle Arbeitslosigkeit, erhöhte Sockelarbeitslosigkeit: Was passiert denn da genau auf dem Arbeitsmarkt?

Die Krise beschleunigt gewisse Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt, unter anderem weil die Digitalisierung noch forciert wurde. Das führt dazu, dass die Qualifikation der arbeitslosen Personen und die gesuchten Profile oft nicht mehr zusammenpassen. Der Fachkräftemangel-Index der Uni Zürich deutet darauf hin, dass vor allem Gutausgebildete stärker gesucht werden. Für Personen, die keine Berufsbildung haben, aber auch für ältere Menschen wird es hingegen noch schwieriger, nach einem Stellenverlust wieder eine Arbeit zu finden. Das zeigt sich auch an der Zahl der Langzeiterwerbslosen, die seit Beginn der Pandemie praktisch ununterbrochen zugenommen hat. Im 2. Quartal 2021 waren 44 Prozent aller Erwerbslosen seit mehr als einem Jahr ohne Arbeit, fast die Hälfte davon ist über 50 Jahre alt. Mit anderen Worten: Die Zahl der Menschen, die jahrelang erwerbslos sind oder gar keine Stelle mehr finden, hat deutlich zugenommen.

Und was ist mit der Sozialhilfe? Die Anzahl der Bezügerinnen und Bezüger ist nicht angestiegen, wie das zu Beginn der Krise erwartet wurde. Wie lässt sich das erklären?

Mich erstaunt das eigentlich nicht. Erstens haben Bund, Kantone und Gemeinden umfassende Massnahmen ergriffen, um die sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern. Die Kurzarbeitsentschädigung, die Erwerbsausfallentschädigung für Selbständigerwerbende, die zusätzlichen Taggeldansprüche in der Arbeitslosenversicherung und andere Leistungen unterstützen bis heute viele Menschen. Zweitens kann nur Sozialhilfe beziehen, wer sein ganzes Vermögen aufgebraucht hat. Selbständige zum Beispiel, die ihre Existenzgrundlage verloren haben, brauchen nun zuerst ihre Reserven auf, bevor sie zum Sozialamt gehen. Und schliesslich haben namentlich Ausländerinnen und Ausländer Angst, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, weil sie ihre Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung verlieren können, wenn sie Sozialhilfe beziehen. Wie viele Menschen aus diesem Grund auf Sozialhilfe verzichten, obwohl sie dringend Unterstützung bräuchten, ist nicht bekannt. Es dürften aber viele sein. Caritas und andere Hilfswerke haben das in der Krise deutlich zu spüren bekommen. Fazit: Bisher konnten die sozialen Folgen der Pandemie aufgefangen werden. Die tatsächlichen Auswirkungen werden sich später zeigen, wenn die Krisen-Instrumente auslaufen.

Caritas hat seit Beginn der Pandemie über 20 000 Personen unterstützt, die dringend auf Hilfe angewiesen waren. Wer sind diese Menschen?

Bund, Kantone und Gemeinden haben in der Krise gut und rasch reagiert und versucht, möglichst all jene zu unterstützen, deren Einkommen durch die angeordneten Massnahmen eingebrochen ist. Trotzdem sind viele Menschen in Not geraten. Bei einigen hat es einfach zu lange gedauert, bis die staatliche Hilfe ankam. Bei anderen reichte die Unterstützung nicht: Service-Angestellte in der Gastronomie und Hotellerie erhielten zwar eine Kurzarbeitsentschädigung. Allerdings fehlten ihnen die Trinkgelder, die einen wichtigen Teil ihres Einkommens ausmachen und fest im Budget eingeplant waren. Auch für viele Selbständige mit wenig Umsatz und tiefen Einkommen waren die Entschädigungen aufgrund der Berechnungsweise zu tief. Und schliesslich gibt es jene, die kein Anrecht auf Leistungen haben oder sie aus Angst vor den Konsequenzen nicht beziehen. Ausländerinnen und Ausländer müssen von Gesetzes wegen gar mit einer Ausweisung aus der Schweiz rechnen, wenn sie länger auf Sozialhilfe angewiesen sind. Solche Hürden halten Menschen davon ab, staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Wobei die Hürden in diesem Fall vom Bundesparlament absichtlich aufgebaut wurden und deshalb wohl auch nicht so schnell wieder abgebaut werden.

Gibt es auch einen Hoffnungsschimmer, den wir ins neue Jahr mitnehmen können?

Die Corona-Krise hat Armut und Ungleichheit in der Schweiz sichtbar gemacht. Vielen Menschen ist erst jetzt bewusst geworden, dass ein Teil der Bevölkerung sich täglich damit auseinandersetzen muss, ob das Geld zum Leben reicht. In der Politik hat diese Sichtbarkeit auch dazu geführt, dass die Armutsbekämpfung wieder als wichtige Herausforderung anerkannt wird. So haben die eidgenössischen Räte im Sommer 2020 den Bundesrat beauftragt, ein Armutsmonitoring einzurichten, um die Entwicklung der Armut zu beobachten. Die Problematik der Verknüpfung von Ausländerrecht und Sozialhilfebezug wird immerhin im Parlament diskutiert. Und einige Städte haben zusätzliche Unterstützungsangebote für jene Menschen lanciert, die keinen Zugang zu den regulären staatlichen Leistungen haben.

Die Corona-Krise zeigt, dass der Staat rasch und unkompliziert Hilfe leisten kann, wenn es nötig ist. Es sollte also auch möglich sein, in «normalen» Zeiten allen Menschen die nötige Unterstützung zu bieten. Dass die Armutsbekämpfung wieder auf der politischen Traktandenliste steht, ist für mich ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten Jahren mindestens in einzelnen Fragen einen Schritt weiterkommen.

Bild: Caritas Schweiz

Unsere Aktion: Appell für eine Schweiz ohne Armut