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Schutz für besonders verletzliche Flüchtlinge

Resettlement: Sichere Fluchtwege retten Leben - Mediendienst 10/2018

Der Kanton Freiburg hat vier syrische Flüchtlingsfamilien und ein minderjähriges unbegleitetes Mädchen aus dem Resettlement-Programm aufgenommen. Sie werden von Caritas Schweiz im «Haus der Bildung und Integration» auf ihr Leben in der Schweiz vorbereitet.

Schutz für besonders verletzliche FlüchtlingeDer Begriff «Resettlement» kommt aus dem Englischen und bedeutet «Neuansiedlung» oder «Wiederansiedlung». Dieses internationale Programm – eine Zusammenarbeit von zahlreichen Staaten mit dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen UNHCR – ermöglicht es etwa einem Prozent der weltweit 22 Millionen Menschen auf der Flucht, in einem Resettlement-Staat eine sichere Existenz und Zukunft für sich und ihre Familien aufzubauen.

Da die Zahl der international bereitgestellten Resettlement-Plätze beschränkt ist, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um ins Programm aufgenommen zu werden. Als erstes wird der Flüchtlingsstatus im Erstfluchtland vom UNHCR anerkannt: eine Rückkehr in ihre Heimat ist nicht möglich, weil dort Verfolgung, Krieg oder Gewalt droht. Die Flüchtlinge können jedoch nicht dauerhaft im Erstzufluchtsstaat bleiben, weil sie zum Teil in prekären Verhältnissen leben und ihre fundamentalen Menschenrechte gefährdet sind. Des Weiteren können nur besonders schutzbedürftige Menschen an Resettlement-Staaten weitervermittelt werden. Es handelt sich dabei um Folteropfer, traumatisierte, kranke, minderjährige oder aufgrund ihres Geschlechtes besonderen Risiken ausgesetzte Menschen.

Sicher und legal in die Schweiz

Am 9. Dezember 2016 beschloss der Bundesrat die zusätzliche Aufnahme von 2000 Resettlement-Flüchtlingen bis im Frühling 2019. Zum heutigen Zeitpunkt sind etwas mehr als die Hälfte in die Schweiz eingereist und nach dem offiziellen Verteilschlüssel sowie genauen Absprachen zwischen dem SEM und den Kantonen gruppenweise im Lande verteilt worden.

Im Kanton Freiburg traf anfangs Juli eine Gruppe aus vier sechsköpfigen syrischen Familien und einem unbegleiteten minderjährigen Mädchen ein. Da die Einreise aus dem Erstfluchtland Libanon kontrolliert und mit der Zustimmung des Bundes erfolgte, wurden ihnen die Risiken der gefährlichen, illegalen Fluchtwege erspart. Zudem konnten im Kanton die notwendigen Verfahren und Betreuungsmassnamen, welche für diese besonders schutzbedürftigen Menschen nötig sind, vorbereitet werden.

Traumatische Erinnerungen kommen hoch

Im Auftrag des Kantons Freiburg unterstützt Caritas Schweiz rund 1800 anerkannte Flüchtlinge mit professioneller Beratung, materieller Hilfe und vielseitigen Massnahmen zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Die Resettlement-Flüchtlinge finden zuerst Aufnahme im von Caritas Schweiz geführten «Haus der Bildung und Integration», einem ehemaligen Redemptoristen-Kollegium unweit der Kantonshauptstadt. Dort werden sie während etwa sechs Monaten auf ihr selbständiges Leben in der Schweiz vorbereitet, bevor sie in individuelle Wohnungen einziehen. In einem wohlwollenden Umfeld knüpfen sie ihre ersten Beziehungen und üben das Zusammenleben in der Schweiz und mit ihren Mitbewohnern – etwa zwölf Jugendliche und junge Erwachsene –, die unbegleitet auf den herkömmlichen Fluchtwegen in die Schweiz gelangt sind.

Die rund um die Uhr anwesenden Mitarbeitenden von Caritas – Coach, Sozialpädagoge, Lehrerin, Praxisausbildner, Nachtwächter und andere – sind mit der Begleitung der Resettlement-Familien vor neue Herausforderungen gestellt. Kleine Spannungen unter den Landsleuten sind normal aufgrund unterschiedlicher Herkunft, sozialem Status und Bildungsniveau. Nervliche Überreaktionen auf unwesentliche Vorkommnisse hingegen stehen in direktem Zusammenhang mit der jahrelang erlittenen Überlebensangst und einem Körper, der sich noch immer im Kriegszustand befindet.

Die in der Schweiz aufgenommenen Flüchtlinge bleiben in Kontakt mit zurückgebliebenen Angehörigen. Sie fühlen sich schuldig, weil sie und ihre Familien in Sicherheit sind während ihre Brüder, Tanten und Neffen im Kriegsgebiet bleiben mussten und weiterhin täglich in Lebensgefahr schweben. Diese Belastung beeinträchtigt die Aufnahmefähigkeit und die psychische Widerstandsfähigkeit. In regelmässig stattfindenden Diskussionsgruppen sowie in der psychologischen Beratung können sie über ihre Sorgen sprechen. 

Die Resettlement-Flüchtlinge haben einen enormen Aufholbedarf an medizinischer Betreuung jeglicher Art. Einerseits wegen der medizinischen Unterversorgung im Erstfluchtland und andererseits, weil im sicheren Umfeld verdrängte Verletzungen physischer und psychischer Art sich einen Weg an die Oberfläche suchen. Unnötig zu betonen, dass es enorm schwierig ist, Hausärzte für 25 Personen auf einen Schlag zu finden und die Verständigung ohne Dolmetschende schlicht unmöglich ist.

Französisch ist ein wichtiger Schritt zur Integration

Drei Wochen nach ihrer Ankunft im Kanton besuchten die Erwachsenen den ersten Französischunterricht im Rahmen eines neunmonatigen Zyklus. Heute, zwei Monate später, stehen sie immer noch hoch motiviert an drei Tagen in der Woche an der Bushaltestelle, um pünktlich im Klassenzimmer zu sein. Erste Verständigungen in der neuen Sprache werden langsam möglich.

Die Kinder im Schulalter von 4 bis 16 Jahren werden intern auf die öffentliche Schule vorbereitet, die sie dann nach dem Umzug in eine eigene Wohnung in der entsprechenden Gemeinde besuchen werden. Die Bildungsunterschiede der Kinder sind gewaltig. Einige waren noch nie in der Schule und sind im Teenageralter Analphabeten in ihrer Muttersprache, andere beherrschen bereits Englisch.

Mitarbeit und verschiedene Aktivitäten im Haus strukturieren die Woche der Resettlement-Familien. Sie sind dankbar für jeden Austausch mit den Einwohnerinnen und Einwohnern der Gemeinde oder den freiwilligen Helfern und zeigen sich sehr hilfsbereit und gastfreundlich, wenn anlässlich spezieller Gelegenheiten Besucher empfangen werden im Haus.

Der zuständige Berufsintegrationsberater hat die Lebensläufe und vorhandenen Kompetenzen aller Familienmitglieder im arbeitsfähigen Alter aufgezeichnet. Ihre Erwartungen bezüglich einer zukünftigen beruflichen Tätigkeit schätzt er bei etwa drei Viertel der Personen als realistisch ein.

Bild: Das «Haus der Bildung und Integration» in Matran, FR. (c) Fabian Biasio

Caritas-Engagement im Flüchtlings- und Integrationsbereich, Fribourg

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