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Rohingya benötigen weiterhin humanitäre Hilfe

Ein Ende der Flüchtlingskrise in Bangladesch ist nicht in Sicht - Mediendienst 1/2018

Seit der Eskalation des Konfliktes mit der Regierung Mitte 2017 sind über 650 000 Angehörige der Rohingya-Minderheit aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Die Herausforderungen sind enorm und die weitere Entwicklung ist ungewiss. Eine Rückkehrbewegung im grösseren Umfang ist trotz eines entsprechenden Abkommens kaum zu erwarten. Hilfsorganisationen wie die Caritas müssen ihre humanitäre Hilfe flexibel gestalten.

Die Rohingya werden in Myanmar offiziell nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt und systematisch benachteiligt. Da sie als «staatenlos» gelten, wurden ihnen in Myanmar diverse Grundrechte wie Wahlrecht, Zugang zu höherer Bildung oder privater Landbesitz aberkannt. Es gab daher in der Vergangenheit schon diverse Flüchtlingswellen in das benachbarte Bangladesch, jedoch bei weitem nicht im aktuellen Ausmass. Insgesamt lebt in der grenznahen Region Cox’s Bazar inzwischen nahezu eine Million Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar. Viele der Flüchtlinge, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, sind aufgrund der erlebten Gewalt in Myanmar schwer traumatisiert und zudem völlig mittellos. Die Kapazitäten des Staates waren wegen der hohen, unerwarteten Flüchtlingszahlen innert kürzester Zeit ˗ innerhalb nur eines Monats floh über eine halbe Million Menschen ˗ vollkommen überlastet. Die Situation stellen Bangladeschs Regierung sowie die Hilfsorganisationen immer noch vor grosse Herausforderungen. Die Flüchtlinge haben sich nach ihrer Ankunft in Bangladesch grösstenteils in den vielen spontanen Camps angesiedelt, ohne dass dort bereits die nötige Infrastruktur wie Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen bestanden hätte. Die Registrierung der Flüchtlinge und Koordination der Hilfsmassnahmen war erschwert. Dies sorgte insbesondere am Anfang der Krise für chaotische Zustände. 

Dramatische Versorgungslage
 

Die Versorgungslage der Flüchtlinge ist an manchen Orten noch immer dramatisch. Viele Camps sind überfüllt, was die Sicherheitslage gefährdet und das Risiko des Ausbruchs von Infektionskrankheiten drastisch erhöht. Die mit Dschungel bewachsene hügelige Landschaft, fehlende Strassen, der Monsunregen und die aktuell kühleren Temperaturen stellen eine grosse Herausforderung in Bezug auf Logistik und Infrastruktur wie Zelte oder sanitären Einrichtunge sowie hinsichtlich einer ausreichenden Gesundheitsversorgung dar. Cox’s Bazar hat ein besonders hohes Risiko für Naturkatastrophen und ist regelmässig von Zyklonen, Überschwemmungen oder Erdrutschen betroffen, was auch für die lokale Bevölkerung in den letzten Jahren dramatische Folgen hatte. Die Region zählt zu den ärmsten in Bangladesch und hat ohnehin schon mit einer sehr hohen Bevölkerungsdichte zu kämpfen. Zwischen den neu ankommenden Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung entstehen daher Konflikte.

Keine Rückkehr ohne verbesserte Sicherheit 

Die weitere Zukunft der Flüchtlinge ist unsicher, trotz des zwischen den Regierungen von Bangladesch und Myanmar im November 2017 geschlossenen Rücknahmeabkommens. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Flüchtlinge in ihre Herkunftsregionen zurückkehren, aus denen sie erst kürzlich aufgrund der gewaltsamen Auseinandersetzungen geflohen sind, wenn es keine substanziellen Änderungen der Rahmenbedingungen im Konflikt oder eine Garantie für ihre Sicherheit gibt. Hierzu müssen noch diverse Fragen geklärt werden, und dafür braucht es definitiv noch Zeit. Es gibt von Seiten der Regierung in Bangladesch diverse Szenarien, so etwa die Umsiedlungen der Flüchtlinge in grössere, strukturiertere Camps an andere Standorte in der Region. Diese Pläne haben sich jedoch bisher nur teilweise konkretisiert. Die unklaren Rahmenbedingungen stellen Hilfsorganisationen wie Caritas Schweiz und die lokale Partnerorganisation Caritas Bangladesch bezüglich der mittel- und langfristigen Planung vor eine grosse Herausforderung. In der aktuellen Situation müssen sie flexibel sein, um auf die jeweiligen Entwicklungen bedarfsgerecht reagieren und bei Änderungen der Situation die Hilfsleistungen anpassen zu können.

Lokale Bevölkerung einbeziehen 

Aktuell steht nach wie vor die Grundversorgung mit Nahrung, Wasser, sanitären Einrichtungen, Gesundheit, Zelten und weiteren Hilfsgütern im Vordergrund. Noch wurden nicht alle Flüchtlinge erreicht, und natürlich besteht kontinuierlicher Bedarf. Caritas plant aber auch Hilfe in anderen Bereichen wie Bildung, Traumatherapie oder einkommensschaffende Massnahmen. Dabei ist es wichtig, die jeweiligen Aktivitäten mit den vielen weiteren Hilfsorganisationen vor Ort zu koordinieren, um Versorgungslücken und Überlappungen zu vermeiden. Aus den zahlreichen vergangenen humanitären Krisen in Bangladesch verfügen Caritas Schweiz und Caritas Bangladesch über jahrzehntelange Erfahrung, Expertisen und gutes, engagiertes Personal. Sie gelten für Regierung, UNO und die anderen Hilfsorganisationen als verlässliche Partner. Um möglichen Konflikten vorzubeugen, ist die Akzeptanz innerhalb der lokalen Aufnahmebevölkerung und auch deren Einbezug von besonderer Bedeutung. Caritas kommt zugute, dass sie bereits zuvor in der Region aktiv war und dabei immer sehr eng mit den lokalen Gemeinden zusammengearbeitet hat.

Caritas stellt sich auf einen mittel- bis langfristigen Unterstützungsbedarf für die Rohingya ein. Zusammen mit der Caritas-Partnerorganisation in Myanmar wäre jedoch auch ein aktiver Beitrag auf beiden Seiten der Grenzen möglich, sollten sich die Bedingungen für eine Rückkehr der Rohingya nachhaltig verbessern.

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