Nahrung ist ein Menschenrecht

Die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit im Kampf gegen den Hunger - Mediendienst 09/2020

Die Hungerbekämpfung muss auf eine gerechte sozioökonomische Weltordnung abzielen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an den Erfordernissen der globalen Ökonomie. Das ist nicht nur angesichts der Verwerfungen durch die Corona-Krise vordringlich: Der Klimawandel zerstört die Ernährungsgrundlagen gerade in den ärmsten Ländern der Welt. 

Nahrung ist ein MenschenrechtWeltweit haben noch immer mehr als 690 Millionen Menschen zu wenig zu essen und leiden an Hunger. Die Zahl der Hungernden hat sich in den letzten Jahren sogar erhöht; die Corona-Pandemie dürfte die Situation zusätzlich verschärfen. Die Rückschläge in der Hungerbekämpfung haben allerdings strukturelle Ursachen und sind unter anderem auf die weltweiten Machtasymmetrien im Agrar- und Ernährungssystem zurückzuführen, die sich durch die rasanten Konzentrationsprozesse in den vergangenen zehn Jahren weiter vertieft haben. Hinzu kommt, dass die industrielle Landwirtschaft sozial, gesundheitlich und ökologisch problematisch ist. Sie erzeugt enorme Umweltschäden; Monokulturen sind anfälliger gegen Wetterextreme und Krankheiten, und die Ressourcen werden wenig nachhaltig genutzt. Die industrielle Landwirtschaft kann die Folgen des Klimawandels daher denkbar schlecht auffangen.

Faire Einkommen garantieren

Für das Ernährungssystem der Zukunft braucht es nicht nur eine ökologische Landwirtschaft; die Bäuerinnen und Bauern müssen auch ein faires Einkommen für ihre Arbeit bekommen. Lösungsansätze sind kaum erfolgreich, wenn das Unrecht nicht strukturell angegangen wird und sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Die Einkommensförderung lokaler Produzenten und Produzentinnen im Rahmen von Programmen der internationalen Zusammenarbeit mag aus ökonomischer Sicht unprofitabel sein; sie sind jedoch die wichtigsten Glieder in der globalen Ernährungskette, erarbeiten sie doch rund 70 Prozent des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs. Diese Bevölkerungsgruppen unterstützende Programme sind vielversprechend, weil bei ihnen die soziale und wirtschaftliche Integration der Armutsbetroffenen im Vordergrund steht und versucht wird, die Lücken zu schliessen zwischen der profitorientierten Ökonomie und dem informellen Sektor. 

Die Ernährungsprogramme und -projekte der internationalen Zusammenarbeit sind ein Ansatzpunkt, reichen aber bei weitem nicht aus. Die aktuelle Situation zeigt deutlich, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten und gegen die Rechte anderer beanspruchen und verteidigen. Die Lebensbedingungen in reichen Ländern mit unbegrenztem Zugriff auf natürliche und Arbeitsressourcen gründen auf der Armut anderer. Es wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass Menschen in armen Ländern Verzicht üben sollten, und es wird hingenommen, dass ein grosser Teil der weltweiten Bevölkerung hungert. 

Wenn der Fussabdruck zu gross ist

Das globale Hunger- und Armutsproblem ist die Folge mangelhafter Ressourcenverteilung sowohl global als auch auf Länderebene. Der von den Industrieländern beanspruchte Zugang zu globalen Ressourcen kann weder generalisiert werden noch ist er nachhaltig; er geht auf Kosten der ärmeren Länder. Eine gerechte politische und ökonomische Ordnung hätte allerdings schwerwiegende Veränderungen unserer wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen zur Folge, denn unser ökologischer Fussabdruck übersteigt die Kapazitäten der Erde um ein Vielfaches. 

Dass Menschen hungern, ist nicht akzeptabel

Der Hunger wurde bisher nicht erfolgreich genug bekämpft. Wir können uns diese Tatsache auch nicht dadurch vereinfachen, dass wir die Hungernden oder die Armen weiter ausdifferenzieren in Arme und extrem Arme. Dass Menschen überhaupt hungern müssen, ist nicht akzeptabel. Grundlegende ökonomische und politische Strukturveränderungen müssen geschehen. Es fehlt uns dazu bekanntlich weder an technologischen Möglichkeiten noch an griffigen Abkommen noch an Verlautbarungen von Staaten, multilateralen Akteuren oder überstaatlichen Gefässen.
Entscheidend ist die Durchsetzung des Anspruchs, den Hunger aus der Welt zu schaffen, durch die politischen und wirtschaftlichen Akteure und die Zivilgesellschaft. Das ist zugleich die grösste Herausforderung. Wir können den Hunger nicht besiegen, ohne selber zu zum Teil schmerzlichen Veränderungen unserer Gewohnheiten bereit zu sein.

Bild: Uganda, Subcounty Lale, 2020. (c) Fabian Biasio/Caritas Schweiz

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