Massenexodus aus Venezuela

Die grösste Flüchtlingskrise in der Geschichte Südamerikas - Mediendienst 03/2019

Venezuela steckt in einer tiefen Krise. Das Land ist gespalten und die Wirtschaft am Boden. Mehr als 80 Prozent der Menschen leben in Armut, viele hungern, die staatliche Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen. Vier Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner sind bisher in die benachbarten Länder geflohen. Ein Ende der humanitären Krise ist nicht in Sicht. 

Blog: Massenexodus aus Venezuela Politische Unruhen, Waffengewalt, Bedrohungen und Angst prägen das Venezuela von heute. Jahrelange Misswirtschaft hat das Land in den Bankrott geführt. Wegen fehlender Devisen kann die Regierung kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Produkte des täglichen Bedarfs importieren und in dem einst reichen Land gibt es eine massive Versorgungskrise. Der Internationale Währungsfonds hat für 2018 eine Inflationsrate von 33'000 Prozent errechnet. Im Juni 2018 kostete beispielsweise ein Kilogramm Waschmittel 6,3 Mio. Bolivar, eine Packung Butter 3,3 Mio. – bei einem Mindestlohn von 5,2 Mio. Bolivar. Dies entspricht rund acht Franken. 

Die Nahrungsmittelknappheit ist derart gravierend, dass im Jahr 2017 drei Viertel der Venezolanerinnen und Venezolaner wegen mangelhafter Ernährung im Durchschnitt acht Kilo an Gewicht verloren. Studien der Zentraluniversität Venezuelas belegten schon 2016, dass 90 Prozent der Haushalte nicht ausreichend Lebensmittel kaufen konnten. Seit Jahren schlägt Caritas Venezuela Alarm, weil immer mehr Kinder unterernährt sind: Zwölf Prozent waren es 2018. Fast 300’000 Kinder sind so stark unterernährt, dass sie in Gefahr sind, an den Folgen ihrer Unterernährung zu sterben. 

Die verhängten und im Januar zusätzlich verschärften Wirtschaftssanktionen treffen die Bevölkerung Venezuelas hart. Beobachter warnen, dass neue Sanktionen die Versorgungslage für die Menschen im Land weiter verschlechtern und die galoppierende Inflation zusätzlich anheizen. Der politische Machtkampf in Venezuela wird auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen und der Streit um humanitäre Hilfe für die Bevölkerung scheint zu eskalieren. Die Menschen Venezuelas fordern einen humanitären Korridor, damit das Land mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden kann. Bis heute blockiert das venezolanische Militär jegliche internationalen Hilfslieferungen ins Land. 

Offene Grenzen und kollektive Verantwortung  

Vor dem Elend in ihrer Heimat und auf der Suche nach Sicherheit und Schutz sind nach Schätzungen seit 2015 bereits vier Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner in die benachbarten Länder geflohen. Die genauen Zahlen schwanken, weil nicht bekannt ist, wie viele über die grüne Grenze nach Kolumbien oder Brasilien ausgewandert sind.

Die Krise in Venezuela erfordert auch von den Aufnahmeländern grösste Kraftanstrengungen. Die Auswirkungen der Massen von ankommenden Venezolanerinnen und Venezolaner auf die Dienstleistungen und Volkswirtschaften sind immens und überlasten deren institutionelle und finanzielle Leistungsfähigkeit. Allein Kolumbien hat mittlerweile weit über eine Millionen Menschen aufgenommen. Und ein Ende der Migrationswelle ist nicht in Sicht. 

Als Antwort auf die Krise haben sich die Staaten Lateinamerikas erstmals gemeinsam an einen Tisch gesetzt, um nationale Pläne und Massnahmen zur Deckung des dringendsten humanitären Bedarfs zu koordinieren. Der Ansatz und der Aktionsplan, die im Rahmen des Quito-Prozesses vereinbart wurden, betonen die Bereitschaft und grosse Solidarität der Länder in der Region, eine koordinierte regionale Antwort auf die dringende humanitäre Situation zu finden. 

Schliesslich ist dies auch ein Aufruf an die Gebergemeinschaft, einschliesslich der internationalen Finanzinstitutionen und der Entwicklungsakteure, in dieser Situation eine Schlüsselrolle zu spielen. Es ist Zeit, Venezuela und die umliegenden Länder mit ausreichend humanitärer Hilfe auszustatten. 

Bild:  Felipe Larozza

Unser Engagement: Hilfe für Flüchtlinge aus Venezuela