Marktförderung zu Gunsten der Ärmsten

Wirksame Entwicklungszusammenarbeit - Mediendienst 06/2019

«Markets for the Poor»: Mit diesem Entwicklungsansatz will Caritas Schweiz die Funktionsweise der Märkte zugunsten der Armen verbessern und ihnen Zugang dazu verschaffen. Wie dies konkret funktionieren kann, zeigen Projekte im Tschad, in Uganda, in Bosnien und im Kosovo.

Blog: Marktförderung zu Gunsten der Ärmsten Die meisten Menschen auf der Welt sind heute in wirtschaftliche Prozesse integriert, entweder als Konsumentinnen und Konsumenten, als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oder als Produzentinnen und Produzenten, lokal und global. Dies trifft immer mehr auch auf die Ärmsten zu, die sich über die Selbstversorgung hinaus auch ein Einkommen erwirtschaften müssen, um Bildung für ihre Kinder und die verbesserten Gesundheitsdienstleistungen finanzieren zu können. Studien zeigen aber, dass vor allem arme Menschen ungenügend von einer solchen wirtschaftlichen Einbindung profitieren und oft auch ausgenutzt werden. Ihr Marktzugang ist stark eingeschränkt. Es fehlt ihnen zum Beispiel an Know-how und Informationen, wie sie ihre Produkte marktfähig machen und wie sie auch profitieren können von der daraus entstehenden Wertschöpfung. Es ist ein Unterschied, ob jede Bauernfamilie ihre Tomaten direkt auf dem örtlichen Markt verkauft oder ob sie sich zusammenschliessen, um sie systematisch, konkurrenzfähig und zu besseren Preisen zu verkaufen. Die Marktanbindung schafft auch Arbeitsplätze, die den Ärmsten in vielen Fällen unzugänglich bleiben. 

«Markets for the Poor» heisst der Entwicklungsansatz, den Caritas Schweiz verwendet, um diese Situation zu verbessern. Dieser Ansatz zielt darauf ab, Marktopportunitäten zu finden und die Funktionsweise der Märkte zugunsten der Armen zu verbessern. Projekte sollen einer sozial und ökologisch nachhaltigen wie auch einer wirtschaftlichen Entwicklung verpflichtet sein. Um dies zu gewährleisten, müssen Marktanalysen mit sozioökonomischen Analysen sowie Umwelt- und Klimaerhebungen ergänzt werden. Sie sind Ausgangspunkt für eine fairere Wirtschaft, die den lokalen Märkten Priorität einräumt und Lösungen ermöglicht, welche die lokalen Bedürfnisse, Ressourcen und Kapazitäten besser berücksichtigt und arme Menschen besser integriert. 

Wie dies konkret funktionieren kann, zeigen folgende Beispiele aus der Arbeit der Caritas Schweiz.

Faire Marktintegration im Tschad

Im Tschad vernetzen sich Bäuerinnen und Bauern in Genossenschaften, welche den Verkauf von Erdnüssen und Sheabutter ankurbeln. Dank Weiterbildung, besserem Saatgut und hygienischer Weiterverarbeitung konnten die Bäuerinnen und Bauern die Qualität ihrer Produkte steigern und höhere Preise erzielen. Dies lohnt sich auch für die Händler, da sie bei den genossenschaftlich betriebenen Lagerhallen grössere Mengen abholen können. Die Genossenschafter können aber auch besser verhandeln, da sie über transparente Marktinformationen verfügen und dank eines innovativen Kreditproduktes bereits auf ihre Ernte Kredit aufnehmen können. Somit entfällt der Druck zum Verkauf ab Feld. Damit dieses System funktioniert, ist eine enge Zusammenarbeit und die Unterstützung der Händler, der Verarbeitungsindustrie und der Banken nötig. Diese wiederum profitieren von der Vergrösserung ihres Kundenkreises und können dank des Wachstums ihre eigene Kostenstruktur optimieren. 

Neues Bio-Produkt auf dem ugandischen Markt lanciert

In Norduganda sind viele Familien nach dem jahrzehntlangen Krieg in ihre Dörfer und zur Subsistenzlandwirtschaft zurückgekehrt. Mit dem neu lancierten Anbau von Moringa produzieren sie Lebensmittel und Futtermittel für ihren eigenen Betrieb und den lokalen Markt. Gemeinsam arbeiten sie auf einer Plantage, welche auf biologischen Anbau umgestellt hat und getrocknetes Moringapulver herstellt. Die Bio-Zertifizierung ist sehr attraktiv für viele internationale Händler. Damit sichert sie den Absatz, die Arbeitsplätze und den wichtigen Zusatzverdienst für die Familien. 

Kommerzielle Landwirtschaft als europäische Perspektive

Durch Vernetzung, Weiterbildung und Zugang zu Kleinkrediten sind bosnische und kosovarische Kleinbauern zu wichtigen europäischen Akteuren auf dem Markt für Himbeeren und Cornichon geworden. Der Umstieg auf die biologische Produktion erweist sich als weiteren Erfolgsfaktor. Sie beliefern ihre eigenen Märkte und grosse Kühlhäuser für die europäische Lebensmittelindustrie. So werden viele neue Arbeitsplätze geschaffen, die Einkommen erhöht und Zukunftsperspektiven im eigenen Land verbessert.

Unabdingbar für eine nachhaltige Armutsminderung ist ein leistungsfähiger Privatsektor als wichtiger Arbeitgeber. Er erweitert dank seiner Innovationsfähigkeit und den finanziellen Mitteln das Arbeitsplatzangebot.

Bild: Mitglieder der lokalen Moringa-Gruppe des gemeinsamen Projekts «Moringa Value Chain Development (MVCD)» von Caritas Schweiz und Tecoma kochen eine Mahlzeit mit Moringa-Blättern. © Foto: Fabian Biasio / Caritas Schweiz, Juni 2019

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