Luft nach oben in der Klimadiplomatie

Vor der UN-Klimakonferenz in Glasgow - Mediendienst 10/2021

Am 31. Oktober beginnt die UN-Klimakonferenz in Glasgow. Sie dient der Umsetzung des 2015 beschlossenen Klima-Übereinkommens. Die Erderhitzung schreitet voran und die Weltgemeinschaft ist nicht auf Kurs. Umso mehr muss die Schweiz Verantwortung übernehmen, Leadership zeigen und sich für eine ambitionierte Klimapolitik weltweit einsetzen – aus Solidarität mit den Ärmsten, die schon heute besonders stark unter der Klimakrise leiden. Aber auch im eigenen Interesse an einer lebenswerten Zukunft für uns und unsere Kinder.

Blog: Luft nach oben in der KlimadiplomatieDie Schweiz ist klein. Doch sie gehört als stark globalisiertes Land mit einem sehr hohen Lebensstandard zu den klimaschädlichsten Ländern der Welt. Nur Staaten wie die USA und Kanada, Singapur und Hongkong, die Golfstaaten oder Australien verursachen pro Kopf gerechnet noch mehr Treibhausgase. Der Treibhausgas-Fussabdruck der Schweiz ist laut Bundesamt für Umwelt (BAFU) mit rund 14 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Person mehr als doppelt so gross wie der weltweite Durchschnitt. Weit unter einer Tonne Treibhausgase pro Person und Jahr kommen die armen Entwicklungsländer zu liegen. Bei der Begrenzung der Erderhitzung kommt Ländern wie der Schweiz also eine besondere Verantwortung zu.

Mehr Klimagerechtigkeit für die Ärmsten

Während die reichen Länder für die Erderhitzung verantwortlich sind, spüren die ärmsten Länder die fatalen Folgen der Klimaveränderung am deutlichsten. Arme Menschen verfügen weder über die nötigen Mittel und Kapazitäten, um sich vor Dürren oder Sturzfluten zu schützen, die immer häufiger und verheerender werden, noch können sie auf öffentliche Versorgung und soziale Sicherung oder auf private Versicherungsleistungen zurückgreifen.

Die Erwärmung der Erde wird erst gestoppt, wenn es die Länder gemeinsam schaffen, keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre zu entlassen. Um das 1,5-Grad-Limit des Pariser Klimaabkommens einzuhalten, müssen sämtliche Staaten in den kommenden 30 Jahren konsequent und dauerhaft aus der klimaschädlichen fossilen Energie aussteigen. Damit dies weltweit gelingen kann, sind Entwicklungsländer auf die Unterstützung reicher Länder wie der Schweiz angewiesen.

Mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft klare und wichtige Leitlinien und Ziele festgelegt. Auch die Schweiz muss auf Klimagerechtigkeit hinwirken – indem sie ihre eigenen Treibhausgase auf ein absolutes Minimum reduziert und gleichzeitig klimaexponierte Länder und verletzliche Menschen unterstützt.

Erwartungen an die Schweiz

An der diesjährigen Klimakonferenz bietet sich der Schweiz die Gelegenheit, ein verantwortungsvoller, ambitionierter und verlässlicher Partner in der multilateralen Klimadiplomatie zu sein und weitsichtige Zusagen zu machen: Caritas erwartet, dass der Bund seine Beiträge an die «internationale Klimafinanzierung» für Klimaschutz (Mitigation) und Anpassung (Adaptation) erhöht und sukzessive auf rund eine Milliarde Schweizer Franken ausbaut – neu und zusätzlich zum Entwicklungshilfe-Budget der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).

Dringlich ist es, die Unterstützung für den Klimaschutz in Entwicklungsländern auszubauen – für erneuerbare Energien und emissionsarme Technologien, für Waldaufforstung und Moorschutz, für nachhaltige Ressourcennutzung und saubere Wertschöpfungsketten. Ebenso wichtig ist es, die Ärmsten und Verletzlichsten stärker darin zu unterstützen, sich an die verheerenden Folgen der Klimakrise anpassen zu können – durch dürreresistentes Saatgut und wassersparende Bewässerungsmethoden in der Landwirtschaft, oder mittels Küstendeichen und Wasserreservoirs, damit sich die Menschen besser vor Hochwasser beziehungsweise Trockenheit schützen können.

Zwei weitere Aspekte kommen hinzu: Zum einen sollte der Bund Hand bieten für tragfähige Lösungen beim Thema Verluste und Schäden (loss and damage). Vermehrt müssen Staaten wie die Schweiz, gemeinsam mit fossilen Energiekonzernen und klimaschädlichen Unternehmen, erlittene Schäden durch Klimakatastrophen sowie Verluste von Existenzgrundlagen in den ärmsten und klimaexponierten Ländern entschädigen. Zum anderen braucht die Schweiz selbst ehrgeizige und sozialverträgliche Massnahmen für die Reduktion von Emissionen im Inland. Im Juni scheiterte das neue CO2-Gesetz als zentrales Gerüst für die nächsten Jahrzehnte an der Urne. Grosse Teile der «langfristigen Klimastrategie der Schweiz» bis 2050 sind dadurch nicht mehr umsetzbar. Hier gilt es, griffige, verursachergerechte und mehrheitsfähige ebenso wie ambitionierte, wirtschaftsfreundliche und sozialverträgliche Lösungen zu finden. Die Zeit drängt.

Bild: Kambodscha. (c) Bente Stachowske, Caritas Deutschland

Caritas-Positionspapiere:

«Ernährung gerechter und klimaverträglich gestalten»
«Klimagerechtigkeit schaffen»