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Klimawandel macht wohlhabende Bauern zu Bettlern

Hunger in Somaliland - Mediendienst 7/2018

Beim Besuch von Somaliland, diesem eigenständigen, von der Staatengemeinschaft in seiner Eigenstaatlichkeit jedoch nicht anerkannten Wüstenstaat am Golf von Aden, wird vor allem eines klar: Darüber, ob der Klimawandel existiert oder nicht, muss hier nicht mehr gestritten werden. Die Folgen zeigen sich nicht in dreissig Jahren, sondern hier und jetzt.

Wenn der Viehbauer Abdullahi Hashi Yusuf von der grossen Dürre erzählt, scheint sogar die Wüste beschämt zu lauschen. Kein Vorwurf liegt in seiner Stimme, keine Wut über das harte Schicksal. Abdullahi ordnet seine Gedanken, Wort für Wort. Um selber zu verstehen, was ihm und seiner Familie widerfahren ist. «Uns hat es an nichts gefehlt», sagt der 52-Jährige. «Wir haben von unseren mehr als 450 Tieren gut gelebt. Wir waren stolz. Drei Tiere sind uns geblieben. Die Dürre hat uns zu Bettlern gemacht.» Brutal und ohne Erbarmen. Der Klimawandel ist in Lamodheere, wo Abdullahi mit seinen zwei Frauen und seinen Kindern Zuflucht gefunden hat, kein Gegenstand des politischen Streits. Die Männer, die etwas abseits vom Dorfplatz in einer Gruppe zusammenstehen, beschäftigt nicht die Frage nach zwei oder sechs Grad mehr in den kommenden dreissig Jahren. Sie versuchen, das nackte Überleben zu organisieren. Hier und jetzt.

95 Prozent des Viehbestandes verloren

Lamodheere im Hochland von Burao, der zweitgrössten Stadt Somalilands, ist eines von unzähligen Dörfern, die in den vergangenen drei Jahren neu entstanden sind. In der Sprache der Regierung und der Helfer sind es «IDP-Camps». IDP steht für «Internally Displaced People». Es sind die neuen Dörfer von aus ihrem Leben vertriebenen Nomaden. Es sind die Dörfer der Klimaflüchtlinge. Sie siedeln sich dort an, wo es wenigstens Wasser gibt, einen Brunnen, einen Berkad. Zehntausende von Nomadenfamilien haben in den vergangenen drei Jahren ihre ökonomische Basis an die Dürre verloren. In Lamodheere beklagen die Viehzüchter den Verlust von 95 Prozent des Viehbestandes. Ein einst stolzer, wohlhabender Mittelstand wurde von der Dürre hinweggefegt und in die Armut und den Hunger getrieben. Und nicht nur für die einzelnen Familien, sondern für den ganzen Staat Somaliland, dessen Volkswirtschaft wesentlich von der Viehzucht abhängt, ist die Dürre der letzten Jahre ein beispielloses Drama.

Abdullahi führt uns hinaus in den Busch. Dorthin, wo sie die Kadaver hingetragen und zu Haufen gestapelt haben. Jede Familie einzeln. Manchmal, erzählt Abdullahi, sei der Leichengeruch so penetrant gewesen, dass sie die Haufen mit teurem Diesel übergossen und angezündet hätten. Aus Angst, dass die Kinder vom Gestank krank würden.

Die Erzählungen der Menschen wiederholen sich: Selbstverständlich habe es immer wieder Zeiten der Dürre gegeben, berichten sie. Die Älteren erinnern sich an die Katastrophe im Jahr 1974, als Diktator Siad Barre ganze Regionen evakuieren liess und die umgesiedelten Viehzüchter zu Bauern und Fischern umerziehen wollte. Aber das Ausmass und die Dauer der praktisch regenlosen Zeit der letzten drei Jahre, das ist auch für sie eine neue Dimension des Elends.

«Es wird immer heisser, der Regen verdunstet», sagt Abdullahi Hashi. Wir messen 50 Grad. Ein zufälliges, einmaliges Ereignis? Fehlanzeige, sagen die Klimamodelle, sagt die Forschung. Die Menschen in Somaliland werden nie mehr in die Vergangenheit zurückkehren. Die Hoffnung der Viehbauern, dass sich ihre Herden in drei bis fünf Jahren wieder erholt haben werden und der Wohlstand zurückkehrt, ist mehr als unrealistisch.

«Oder wir lernen, als Maurer oder Schneider zu arbeiten»

Die Klimaflüchtlinge in Lamodheere haben keinen Plan, wie es weitergehen soll. «Aber wir haben Ideen, wie wir wieder auf die Beine kommen», meint Abdullahi. «Vielleicht erholt sich unser Tierbestand wieder. Vielleicht müssen wir uns andere Fähigkeiten aneignen, damit wir unsere Existenz sichern können und zu Jobs kommen. Vielleicht müssen wir lernen, den Boden zu bearbeiten und Wasser zu speichern. Oder wir lernen, als Maurer oder Schneider zu arbeiten. Dann haben wir vielleicht eine Chance.»

Das Leben der Klimaflüchtlinge in Somaliland steht im Zeichen des Konjunktivs. Sahra, die Frau von Abdullahi, hat keine Illusionen. Sie ist als Nomadenkind aufgewachsen und nicht einmal der Hunger treibt sie in die Stadt. Aber sie ist überzeugt, dass die einzige Option für ihre Kinder eine Berufsausbildung ist. Sie weiss, dass sich das ganze Land damit verändern wird: «Wenn man Geld hat, hat man zu leben, wer kein Geld hat, ist nichts. Ich glaube, dass wir in Zukunft in der Stadt leben werden.» Doch bis dahin bleibt ihr nur eine Hoffnung: dass Gott ihnen hilft, über diese schlimme Zeit hinweg zu kommen.

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