Kampf gegen Covid-19 und den Hunger

Venezolanische Flüchtlinge in Brasilien - Mediendienst 07/2021

Brasilien wurde hart von der Covid-19-Pandemie getroffen und weist eine der höchsten Todesraten weltweit auf. Besonders betroffen ist die Amazonasregion im Norden Brasiliens, wo in den letzten Jahren Hunderttausende Menschen aus Venezuela über die Grenze gekommen sind. Die Geflüchteten finden nur schwer ein Auskommen, eine Weiterreise wird durch die riesigen Distanzen erschwert. Jean Paul Farias wagte den 750 Kilometer langen Fussmarsch nach Manaus.

Blog: Kampf gegen Covid-19 und den HungerDie Covid-19-Pandemie hat die brasilianische Bevölkerung mit voller Wucht getroffen. Mit weniger als 3 Prozent der Weltbevölkerung verzeichnet Brasilien 13 Prozent der weltweiten Covid-19-Todesfälle. Die Pandemie löste einen Kollaps des öffentlichen Gesundheitssystems aus. Zudem wurden unzählige Menschen in tiefe Armut gestürzt.

Da eine gezielte Strategie zur Pandemie-Bekämpfung fehlt, breiten sich aggressive Virusvarianten aus. Dies führt zu einem Anstieg von schweren Krankheitsverläufen und rasant steigenden Todesraten auch bei jüngeren Menschen. Das nationale Impfprogramm kommt aufgrund fehlender Impfstoffe nur schleppend voran. Vielerorts fehlen Medikamente, medizinische Ausrüstung und Sauerstoff, eine angemessene Behandlung von Covid-19-Patienten ist nicht gewährleistet.

Hochrangige Vertreter der brasilianischen Regierung, welche die üblichen Schutzmassnahmen – Gesichtsmasken und Abstandhalten – verunglimpfen, müssen sich nun vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss verantworten. Währenddessen wütet das Virus weiter unkontrolliert im Land. Experten gehen von einem neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen aus.

Amazonien: Viele Menschen leben vom halben Mindestlohn

Besonders betroffen ist die Amazonasregion im nördlichen Brasilien, die strukturell vernachlässigt ist. Aktuellen Studien zufolge leben 61 Prozent der Menschen im Norden des Landes von weniger als 95 Franken im Monat; dies entspricht lediglich einem halben Mindestlohn. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren viele Menschen aus Venezuela in diese Region geflüchtet sind, darunter Tausende indigene Migrantinnen und Migranten. Aktuell leben knapp 300 000 venezolanische Geflüchtete in Brasilien. Die Amazonasregion kommt wegen ihrer enormen Distanzen und geographischen Eigenheiten einer Sackgasse gleich. Reisen ist oft nur per Schiff oder Flugzeug möglich und für die Geflüchteten zu teuer. So bleibt ihnen der Zugang zu anderen Regionen, wo sie bessere Perspektiven für die Integration in den Arbeitsmarkt hätten, verwehrt.

Viele der Migranten dieser Gegend sind im informellen Arbeitsmarkt tätig. Sie arbeiten als Tagelöhner, Strassenhändler oder Hausangestellte, um ihr tägliches Überleben zu sichern. Diese Menschen sind besonders von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie betroffen, da sie dem Virus auf den lokalen Märkten direkt ausgesetzt sind. Mindestens jeder zweite Erwerbstätige im Norden Brasiliens ist informell beschäftigt und hat somit keinen Zugang zur staatlichen Sozialversicherung im Falle eines Verdienstausfalles. Die brasilianische Regierung unterstützt diese Menschen während der Pandemie zwar mit einem Betrag von durchschnittlich 43 Franken pro Monat und Familie. Dies entspricht jedoch weniger als einem Viertel des nationalen Mindestlohns. Um ihre Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Gesundheitsversorgung zu decken, sind diese Menschen deshalb auf zusätzliche Einkünfte angewiesen.

Der lange Weg zum neuen Leben in Manaus

Auch Jean Paul Farias, ein 32-jährige Arzt, floh Anfang 2018 von Venezuela in den Bundesstaat Roraima im Norden Brasiliens, um das Überleben seiner Familie zu sichern. «In Venezuela hatte ich gleichzeitig drei Jobs. Ich arbeitete quasi rund um die Uhr – und trotzdem reichten meine Einkünfte nicht aus, um meine Familie zu versorgen», erzählt er. Kaum in Roraima angekommen, wurde er seiner wenigen Habseligkeiten beraubt und lebte wochenlang auf der Strasse.

«Die Pandemie ist in Brasilien allgegenwärtig. Aber was die Menschen in ihrem Alltag wirklich beschäftigt, ist der Hunger», sagt Farias. Eines Tages beschloss er, den Weg in das 750 Kilometer entfernte Manaus im Bundestaat Amazonas zu wagen. Zu Fuss – um dort Arbeit zu finden. Der beschwerliche Weg führte ihn durch die riesigen Weiten des brasilianischen Amazonasgebiets, vorbei an Reservaten indigener Gemeinden und kleinen Dörfern, wo er und seine Wegbegleiter etwas Essen und Trinkwasser erbetteln konnten. Die tropischen Regenfälle erschwerten den Fussmarsch zusätzlich, oft watete Jean Paul Farias knietief durch den Matsch. Dennoch erreichte er eines Tages das Stadtgebiet von Manaus, wo er Unterstützung bei einer lokalen Hilfsorganisation fand.

Monatelang arbeitete Jean Paul Farias als Reinigungskraft, bis er schliesslich ein kleines Bistro aufmachen konnte, wo er lokale Speisen verkaufte. Gleichzeitig war er als ehrenamtlicher Mitarbeitender bei der Hilfsorganisation aktiv, die ihm bei seiner Ankunft in Manaus Schutz geboten hatte. Heute arbeitet Jean Paul Farias in einem von Caritas Schweiz finanzierten Hilfsprojekt zur Bekämpfung der fatalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in Nordbrasilien. «Ich bin froh, durch meine Arbeit meinen Landsleuten helfen zu können. Dieser Job hat mein Leben verändert und ich möchte mir hier in Manaus eine neue Zukunft aufbauen», so Farias.

Covid-Nothilfe von Caritas Schweiz

Um die fatalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu bekämpfen, leistet Caritas Schweiz in Brasilien gemeinsam mit ihren lokalen Partnerorganisationen Nothilfe für besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen: Sie verteilt Hygiene- und Reinigungsmaterialien und gewährt besonders Schutzbedürftigen finanzielle Überbrückungshilfen. So können die Menschen ihre Grundbedürfnisse wie Miete, Lebensmittel und Gesundheitsversorgung decken und ihre Grundrechte sind auch während der Pandemie gewahrt. Aktuell unterstützt Caritas Schweiz etwa 25 000 Menschen im Norden Brasiliens.

Bild: SPM

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