Innovativ in die Inklusion 

Projekt «Cantons zéro chômeurs de longue durée» der Westschweizer Caritas-Organisationen - Mediendienst 06/2020

Vielleicht sind noch nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu finden? Das Westschweizer Caritas-Netz entwickelt für Langzeitarbeitslose ein neues Modell inklusiver Arbeitsplätze. Auch wenn sie in der Gesellschaft kaum sichtbar sind, so haben dennoch mehrere Tausend Menschen in der Schweiz seit mehr als zwei Jahren keinen Arbeitsplatz. Das Projekt der Westschweizer Caritas-Organisationen gibt den mehr als 10 000 Langzeitarbeitslosen die Hoffnung, dass sie es doch wieder schaffen können. 

Der Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit ist auch der Kampf gegen die Armut, unter der mehr als 660 000 Menschen in der Schweiz leiden. Durch den wirtschaftlichen Abschwung infolge der Corona-Pandemie steigt das Risiko keinen Arbeitsplatz zu finden. Mit ihrem Projekt «Cantons zéro chômeurs de longue durée» (CZLD, Kantone mit null Langzeitarbeitslosen) kämpfen die Westschweizer Caritas-Organisationen Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg, Wallis und Waadt auch gegen die Armut, die rund 660 000 Menschen in der Schweiz betrifft.    

Nach dem Vorbild eines derzeit in Frankreich mit Erfolg durchgeführten Modellprojekts zur Integration von Langzeitarbeitslosen entwickelten die Westschweizer Caritas-Organisationen eine partizipatives Projekt, in dem auch andere karitative Organisationen Mitglied werden können. Das Projekt wurde Arbeitslosen, Verbandspartnern und Vertretern der öffentlichen Hand im Rahmen von Panels vorgestellt und sehr positiv aufgenommen. 

«Viele Menschen, die ausgesteuert werden, verzweifeln an ihrer Situation und sehen keinen Ausweg mehr», erzählt Dominique Froidevaux, Direktor der Caritas Genf. «Wir haben deshalb entschieden, die Situation gemeinsam mit den Betroffenen zu analysieren. Es ist höchste Zeit, alternative Wege zu entwickeln. Sich einer Gemeinschaft durch seine eigene Arbeit nützlich zu erweisen und dadurch seine Würde wiederzufinden, ist ein Menschenrecht, auf das auch Langzeitarbeitslose einen Anspruch haben.»

Michel Cornut, der ehemalige Verantwortliche des Sozialdienstes Lausanne, erarbeitet im Auftrag der Westschweizer Caritas-Organisationen die Projektstruktur. «Wenn es nicht mehr möglich ist – wie in der klassischen Arbeitsintegration üblich –, die Nachfrage an das Angebot anzupassen, so bleibt doch die Möglichkeit, das Angebot besser auf die Nachfrage auszurichten», so die Überzeugung des Experten. Der innovative Ansatz zielt darauf ab, ein inklusives Arbeitsplatzangebot zu entwickeln – ein Angebot von nur einem Prozent solcher Arbeitsplätze würde ausreichen, um in der Schweiz die Langzeitarbeitslosigkeit zu absorbieren. Ein inklusiver Arbeitsplatz bietet eine Tätigkeit, die jeder Mensch unabhängig seines Alters, seiner Herkunft, seiner Qualifizierung und seiner psychischen oder physischen Beeinträchtigungen ausüben kann; es kann sich also um ein massgeschneidertes Angebot handeln, einen Arbeitsplatz, der speziell geschaffen wurde, um einem arbeitssuchenden Menschen ein Stellenangebot machen zu können.  

Das Modell der Westschweizer Caritas-Organisationen zielt darauf ab, bei interessierten Arbeitgebern und falls notwendig auch bei Sozialfirmen reguläre Arbeitsverhältnisse zu akquirieren, deren Kosten teilweise oder vollumfänglich den kantonalen Sozialhilfekassen belastet werden können. Diese können dann wiederum zur Begleichung dieser Zahlungen die Mittel der Arbeitslosenkasse einsetzen.  
600 Millionen Franken Unterstützungszahlungen für Langzeitarbeitslose, die rund 20 Prozent des Personenkreises ausmachen, der in der Schweiz Sozialhilfe in Höhe von rund 3 Milliarden Franken bezieht, können auf diese Art und Weise in Lohnzahlungen verwandelt werden. Langfristig kann man dann, weil diese Menschen Sozialabgaben zahlen statt Sozialhilfe zu beziehen, einen gewissen Return on Invest erzielen. Statt bezahlt zu werden, ohne zu arbeiten, werden 10 000 Männer und Frauen in der Westschweiz auf Arbeitsplätze in Unternehmen vermittelt, ein wichtiger Schritt in Richtung Autonomie und Würde. Die Agentur, deren Aufgabe es ist, diese Inklusionsarbeitsplätze zu akquirieren, wird derzeit gegründet. 

«Cantons zéro chômeurs de longue durée» wird mit Unterstützung der Fachhochschule Westschweiz als Modellprojekt über einen Zeitraum von fünf Jahren in Rahmen des Programms «recherche-action -collaborative» umgesetzt. Ziel ist, herauszufinden, ob sich die Projekthypothese als praxistauglich erweist. Freie Entscheidung und Inklusion fördern Comittment und Eingliederung. 

«Es fühlt sich an wie ein Knoten im Hals», erzählt ein 57-jährigen Industriemaler. Ihm wurde zweimal aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten seines Betriebs gekündigt. Seit über drei Jahren ist er auf Arbeitssuche und hatte keine andere Wahl, als Sozialhilfe zu beantragen. Sein grösster Wunsch ist es, wieder eine Arbeit zu finden. Im Laufe der Zeit wurde er psychisch und sozial immer instabiler. Das Caritas-Projekt «Cantons zéro chômeurs de longue durée» gibt ihm wieder Hoffnung: «Wenn ein Arbeitgeber mich braucht, bin ich bereit!» 

Unsere Aktion: Leben an der Armutsgrenze in der Schweiz