Hunger und Armut weltweit auf dem Vormarsch

Internationale Zusammenarbeit (IZA) 2021-2024 der Schweiz - Mediendienst 08/2020

Mit der doppelten Corona- und Klimakrise verschlechtert sich die Ernährungslage in vielen Entwicklungsländern. Der weltweite Hunger steigt. Ebenso droht die Zahl «extrem armer» Menschen, die weltweit von weniger als 2 Franken pro Tag leben, um hunderte Millionen anzusteigen. Ein weiterer Grund, entschieden in internationale Solidarität und nachhaltig wirksame Entwicklungs- und Nothilfe zu investieren.

Hunger und Armut weltweit auf dem VormarschNach wie vor breitet sich Covid-19 im Globalen Süden aus – mit verheerenden Folgen: Vielerorts sind die Gesundheitssysteme unzureichend. Häufig ist die nächste Ärztin oder der nächste Arzt (zu) weit entfernt. Es fehlt an Medizin, geschultem medizinischem Personal und angemessenen Behandlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig bricht die Wirtschaft ein, wodurch viele Menschen ihre Verdienstmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven verlieren.

Wegen der Corona-Krise werden der weltweite Hunger und die extreme Armut stark zunehmen. Die Weltbank spricht von bis zu 100 Millionen Menschen, die durch die Pandemie in extreme Armut abgleiten. Die UNO geht im schlimmsten Fall sogar von knapp 400 Millionen aus. Damit würde sich die Zahl der Menschen, die weltweit von weniger als 2 Franken pro Tag leben, auf mehr als eine Milliarde erhöhen. Die Corona-Krise droht die weltweiten Fortschritte bei der Armutsbekämpfung um 20 Jahre zurückzuwerfen.

Armut, gewaltsame Konflikte und die Klimaveränderung

Bereits vor Corona hatte sich die Ernährungssituation verschlechtert: Nach Jahren des Rückgangs steigt der Hunger seit 2014 wieder an. Derzeit sind laut der UNO mindestens 690 Millionen Menschen unterernährt. Knapp 150 Millionen Kinder weisen Wachstumsverzögerungen auf, was sich negativ auf ihre Entwicklung und die Lernfähigkeit auswirkt. Durch den Mangel an essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen leiden insgesamt zwei Milliarden, jede vierte Person auf der Welt, an «verborgenem Hunger». Düster sehen die Prognosen für lateinamerikanische und vor allem für subsahara-afrikanische Länder aus, wo sich die Ernährungslage noch verschlechtern dürfte. 

Die UNO führt den steigenden Hunger zurück auf die nach wie vor beissende Armut und Ungleichheit auf der Welt, auf die unsichere Lage in konfliktbelasteten Regionen sowie, in zunehmendem Masse, auf die fortschreitende Klimaveränderung: Bereits stellen klimabedingte Schocks für die UNO eine der Hauptursachen für akute Ernährungskrisen dar. Seit Anfang der 1990er Jahre haben sich Katastrophen durch extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen verdoppelt. Darunter leiden Bäuerinnen und Bauern besonders: Die verheerenden Klimaauswirkungen zerstören ihre Ernte und ihren Viehbestand, ihre Häuser und Höfe, und somit unmittelbar ihre Lebensgrundlage.

Die Klimakrise darf nicht zur Hungerkatastrophe werden

Angesichts der doppelten Corona- und Klimakrise im Süden ist ein beherztes und solidarisches Handeln der Schweiz angezeigt: Für akut Hungerleidende im Zuge der Corona-Krise braucht es in ländlichen Gebieten, Konfliktregionen und Flüchtlingslagern mehr humanitäre Nothilfe. Gleichzeitig sollte die Entwicklungszusammenarbeit ausgebaut werden, um damit die Ernährungs- und Einkommenssicherung von armen und verletzlichen Menschen zu verbessern. Etwa, indem eine selbstgestimmte und agrarökologische, widerstandsfähige und klimaverträgliche Landwirtschaft unterstützt wird, die auf ausreichendes und gesundes Essen abzielt. Hierzulande sind ambitionierte Klimamassnahmen gegen die fortschreitende Erderhitzung, unter der die Ärmsten im Süden besonders leiden, dringend notwendig.

Leider geben manche Entscheide in der abgelaufenen Sommersession wenig Grund zur Hoffnung: Zwar ist der Nationalrat nach der «Klimawahl» im Herbst 2019 insgesamt etwas ökologischer und gesellschaftsliberaler geworden. Bei internationalen Themen dominieren aber nach wie vor bürgerlich-konservative Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Besonders zeigte sich dies, als der Nationalrat erstmalig die Internationale Zusammenarbeit (IZA) der Schweiz für die Jahre 2021 bis 2024 beriet.
Bei der Höhe der finanziellen Mittel für die IZA der kommenden vier Jahre folgte der Nationalrat dem bundesrätlichen Vorschlag. Dies, obwohl seine Aussenpolitische Kommission eine Erhöhung der IZA-Mittel empfohlen hatte. Mit dem Entscheid des Nationalrates wird die «öffentliche Entwicklungshilfe» nicht einmal 0,5 Prozent der schweizerischen Wirtschaftsleistung erreichen. Der UNO-Zielwert, den auch die Schweiz im Grundsatz befürwortet, läge bei 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens.
Nun liegt es am Ständerat. Unbedingt sollte dieser sich in der kommenden Herbstsession für eine Erhöhung der IZA-Mittel aussprechen. Angesichts der verheerenden gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen und humanitären Folgen der Covid-19-Pandemie gibt es nun einen wichtigen Grund mehr, internationale Solidarität, nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Nothilfe zu stärken.

Bild: Somaliland, Sahil. Stabilisierungszentrum Berbera, wo unterernährte Kinder und ihre Mütter aufgenommen werden. (c) Fabian Biasio/Caritas Schweiz

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