Humanitäre Katastrophe mit Ansage

Bosnien-Herzegowina: Neue Flüchtlingskrise auf dem Balkan bahnt sich an - Mediendienst 03/2020

An Europas Aussengrenze werden Schutzsuchende einmal mehr zum Spielball politischer Auseinandersetzungen. Die Türkei öffnet ihre Grenzen für Flüchtlinge. Griechenland reagiert mit einem Tabubruch und setzt das Menschenrecht auf Asyl zeitweise aus. Die EU kann sich nicht auf gemeinsames Vorgehen einigen. Die Zeche für diesen politischen, strategischen und moralischen Schiffbruch zahlen die Flüchtlinge – und arme Länder wie Bosnien-Herzegowina. Den absehbaren Anstieg der Flüchtlingszahlen wird das bereits jetzt stark geforderte Land nicht ohne Hilfe bewältigen können. Die Situation wird zusätzlich überschattet von der Corona-Krise, die Flüchtlinge und lokale Bevölkerung gleichermassen bedroht.

Zum ersten Mal in seiner noch jungen Geschichte sieht sich Bosnien mit der Ankunft von Flüchtlingen und Migranten konfrontiert. 29 000 waren es allein im letzten Jahr. Für sie ist Bosnien nicht das Ziel, sondern Durchgangsland auf dem Weg in die EU, auch wenn diese aufgrund der zunehmenden Abschottung unerreichbar scheint. Viele kehren um oder versuchen es über alternative Routen. Übrig bleiben gemäss Schätzungen des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR rund 7200 Menschen. Sie sind in Bosnien gestrandet, mit den Grenzschliessungen wegen der Corona-Situation auf unbestimmte Zeit. Ihre Lage ist prekär: Bereits jetzt sind in Bosnien-Herzegowina die meisten der sechs offiziellen Unterbringungszentren voll oder sogar überfüllt. Zusätzlicher Raum für Isolierstationen musste wegen der drohenden Pandemie vorbereitet werden. Während die Polizei Migrantinnen und Migranten von der Strasse einsammelt und in die Camps bringt, ziehen es viele vor, sich zu verstecken und schlafen im Freien, in verlassenen Häusern oder improvisierten Zeltlagern. 

Logistische und politische Herausforderung

Die EU stellte Bosnien-Herzegowina bisher mehr als 38 Millionen Franken für Versorgung und Grenzsicherung zur Verfügung. Erst Ende 2019 wurde das provisorische Flüchtlingscamp Vučjak nahe der kroatischen Grenze im Nordwesten des Landes geschlossen, in welchem katastrophale humanitäre Zustände herrschten. Für Bosnien ist es eine enorme logistische Herausforderung, nur schon eine minimale Versorgung der geflüchteten Menschen sicherzustellen und etwa geeignete Unterkünfte zu finden.

Aber auch die politische Situation in Bosnien-Herzegowina verhindert den Aufbau effizienter Hilfsstrukturen: Die Republika Srpska verweigert seit Jahren die Aufnahme jeglicher Geflüchteter. Gemeinden und Kantone wollen die politische Verantwortung für die Präsenz von Migrantinnen und Migranten in ihrem Gebiet nicht übernehmen und fühlen sich von den nationalen Institutionen im Stich gelassen. Während einerseits die bosnische Bevölkerung viel Solidarität mit den Flüchtlingen zeigt, hat es insbesondere im Nordwesten des Landes immer wieder Proteste gegeben.

Aufgrund der Entwicklung an der türkisch-griechischen Grenze und der Corona-Pandemie sieht Bosnien nun noch viel grössere Schwierigkeit auf sich zukommen. Mit der Schliessung der nördlichen Balkanroute über Serbien und Ungarn bleibt für Flüchtlinge auf dem weg aus Griechenland Richtung EU nur der Weg über Bosnien. Sobald die Grenzen wieder passierbar sind, erwartet man in Bosnien-Herzegowina die Ankunft von neuen Migranten. Es ist keine Frage: bereits die geringste Zunahme von Flüchtlingszahlen wird die Möglichkeiten, Kapazitäten und das Asylmanagement der Bosnier vor unlösbare Schwierigkeiten stellen – mit unabsehbaren Folgen für die fragile Stabilität im Land und in der Region. 

Hilfe dringend nötig

Caritas Schweiz setzt sich in Bosnien-Herzegowina in- und ausserhalb der Unterbringungszentren für bessere Lebensbedingungen für gestrandete Migrantinnen und Migranten ein. In Zusammenarbeit mit anderen Caritas-Organisationen werden Essens- und Hygienepakete verteilt. In einfachen Begegnungsstätten erhalten die Menschen psychologische Unterstützung, warme Getränke und einen Zufluchtsort zum Durchatmen. Mit grosser Dankbarkeit nutzen die Schutzsuchenden zudem die im Unterbringungszentrum Bira betriebene Wäscherei sowie den mobilen Wäscheservice in Tuzla. Über tausend Menschen lassen dort monatlich ihre Kleidung reinigen. Caritas beobachtet die laufenden Entwicklungen, um flexibel auf Veränderungen zu reagieren und ihre Hilfsangebote bei Bedarf anzupassen. Um eine humanitäre Tragödie zu verhindern, ist Bosnien auf die Hilfe und Solidarität der internationalen, insbesondere europäischen Staatengemeinschaft angewiesen. Die Schweiz sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Unterstützung für Bosnien erhöhen. 

Wie Caritas Schweiz in Bosnien auf Coronavirus-Pandemie reagiert

Auf die Bedrohung durch die Coronavirus-Pandemie und den verordneten Shut-down hat Caritas Schweiz sofort reagiert und Anfang April ein Nothilfeprojekt zur Unterstützung der am stärksten betroffenen lokalen Bevölkerung aufgegleist. Äusserst kritisch ist die Lage in den Flüchtlingszentren, wo das Infektionsrisiko besonders hoch ist. Die Caritas führt ihre bisherigen Projektaktivitäten weiter und klärt in Anbetracht der vollen Lager ab, inwiefern sie Hilfsleistungen ausbauen und an die neue Situation anpassen kann. 

Bild: Lager Vucjak in Bihac. November 2019. (c) Denis Ruvić
 

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