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Handlungsbedarf aus Armutsperspektive

Früher und durchlässiger: Bildung für mehr Chancengerechtigkeit - Mediendienst 7/2017

In der Bekämpfung und Verhinderung von Armut spielt Bildung eine entscheidende Rolle. So sind hierzulande Personen ohne nachobligatorische Bildung doppelt so häufig von Armut betroffen wie solche mit einem tertiären Schulabschluss. Handelt es sich bei den Betroffenen um Eltern, geben diese die Armut überdurchschnittlich oft an ihre Kinder weiter. Hauptgründe dafür sind der späte Eintritt in den Kindergarten sowie das selektionierende Schulsystem.

Die Frage nach Chancengerechtigkeit beschäftigt die Bildungsforschung seit längerem. Studien bestätigten jüngst die Bedeutung der sozialen Herkunft für die Ungleichbehandlung im Schweizer Bildungssystem. So stammen zwei Drittel aller jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss aus einem Elternhaus ohne berufliche Grundausbildung. Während mehr als ein Drittel aller Kinder aus Akademikerfamilien den tertiären Bildungsabschluss schafft, sind es bei Kindern mit Eltern ohne nachobligatorische Bildung nur zehn Prozent. Das heisst, die soziale Herkunft beeinflusst den Bildungsweg stark. Die Bildungsmobilität ist relativ gering. Noch allzu oft gilt: Wie die Mutter so die Tochter.

 

Später Kindergarteneintritt verstärkt die Ungleichheit

Kinder brauchen ein anregendes Umfeld, um ihr Potenzial zu entwickeln. Die ersten Lebensjahre sind da entscheidend. Verschiedene Spielformen, drinnen und draussen, mit anderen Kindern, altersdurchmischt, aber auch Singen, Zuhören, Streiten: Das alles will gelernt sein. Kinder aus armutsbetroffenen Familien geraten hier häufig ins Hintertreffen und tragen die Konsequenzen daraus ein Leben lang. Die ungleichen Startchancen können während der obligatorischen Schulzeit nicht wettgemacht werden. Untersuchungen zeigen hingegen, dass Kinder, welche ein Vorschulprogramm absolvieren, bessere Schulleistungen, höhere Bildungsabschlüsse, tiefere Klassenwiederholungsraten und eine bessere Gesundheit aufweisen. Aus armutspolitischer Perspektive ist die frühe Kindheit – also die Zeit vor dem Kindergarteneintritt – zentral für die spätere Entwicklung. Von Früher Förderung profitieren alle Kinder, Kinder aus benachteiligten Familien aber überdurchschnittlich.

 

Selektionierende Schule vergrössert den Einfluss der sozialen Herkunft

Auch wenn die obligatorische Schule Ungleichheiten nicht aus der Welt schafft, kann sie diese dennoch vermindern oder verstärken. Hier zeigt sich, dass Schulsysteme, welche die Schülerinnen und Schüler nach Leistung trennen und eine frühe Selektion auf der Sekundarstufe vollziehen, Ungleichheiten im Kompetenzerwerb erhöhen. Mit anderen Worten: Eine frühe Unterteilung in Real- und Sekundarschule oder Untergymnasium generiert mehr Ungleichheit. Im Gegensatz dazu schneiden durchlässige Schulsysteme hinsichtlich Chancengerechtigkeit besser ab. In diesen spielt die soziale Herkunft eine kleinere Rolle. Das heisst, je selektiver ein Schulsystem, desto stärker hängen die Fähigkeiten von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler ab und desto geringer ist die Chancengerechtigkeit.

Derzeit bestimmt die soziale Herkunft die Lebenschancen in der Schweiz massgeblich. So sind armutsbetroffene Kinder im Erwachsenenleben oft selbst wieder von Armut betroffen. Aus Armutsperspektive liegen die Schritte für mehr Chancengerechtigkeit auf der Hand. Erstens braucht es landesweit qualitativ gute und bezahlbare Frühe Förderung, die Kinder ressourcenorientiert stärkt, und zweitens sind die kantonalen Schulsysteme durchlässig und integrativ zu gestalten.

Wollen wir Armut in der Schweiz konsequent bekämpfen, müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Die in der Sommersession beschlossenen Finanzhilfen für familienergänzende Kinderbetreuung des Bundes gehen in die richtige Richtung. Jetzt ist es an den Kantonen und Gemeinden, diese Kostensenkung in der familienexternen Betreuung zu realisieren und ihr Schulsystem integrativ auf Chancengerechtigkeit zu trimmen. Die Investitionen in die Bildung lohnen sich. Sie werden die Armut künftig reduzieren. 

Text: Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik, Caritas Schweiz

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