Eine Antwort auf das Versagen der globalen Klimapolitik

Integrierte Projekte zur Anpassung an den Klimawandel - Mediendienst 11/2021

Als «Blablabla» kritisieren junge Klimaaktivisten wie Greta Thunberg den internationalen Dialog zur Klimapolitik. Daran hat sich auch an der diesjährigen Klimakonferenz in Glasgow nicht viel geändert. Die Weltgemeinschaft liegt nicht auf Kurs, die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2 Grad Celsius, geschweige denn 1,5 Grad Celsius zu erreichen. Derweil drohen Millionen von Menschen im Globalen Süden angesichts vermehrter und stärkerer Naturgefahren in extreme Armut zurückzufallen. Caritas Schweiz setzt auf integrierte Klimaprojekte, um die Resilienz der vulnerablen Bevölkerung gegenüber Klimarisiken zu stärken und Lebensgrundlagen zu sichern. 

Seit 1995 treffen sich die 197 Staaten und Territorien, welche das United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) unterschrieben haben, zur jährlichen Konferenz der Vertragsparteien (COP). Das Pariser Klimaabkommen wurde 2015 als Durchbruch gefeiert, denn im Gegenzug zum Kyoto-Protokoll, welches nur von 36 Staaten aus dem Globalen Norden unterzeichnet wurde, umfasst es die ganze Staatengemeinschaft. 

Doch was hat man bisher erreicht? Selbst wenn die vor der Klimakonferenz eingereichten nationalen Emissionsziele alle erreicht würden, sind wir gemäss dem «Emissions Gap Report» der UNO momentan auf dem Weg zu einem äusserst bersorgniserregenden globalen Temperaturanstieg von etwa 2,7 Grad Celsius. Globale Treibhausgasemissionen erreichen trotz wirtschaftlichem Abschwung durch die Covid-Pandemie 2020 neue Rekordwerte. 

Die Gründe für das bisherige Scheitern, die globalen Emissionen unter Kontrolle zu bringen, sind vielfältig. So gibt das Pariser Abkommen zwar vor, dass die Staaten ihre Emissionsziele alle fünf Jahre überarbeiten und strenger definieren müssen; wie und in welchem Umfang dies jedoch geschieht, liegt bei den Staaten selbst. Staaten, die als sogenannte «Trittbrettfahrer» agieren, das heisst lieber darauf warten, bis die anderen Staaten ihre Emissionen reduziert haben, machen die Bemühungen anderer Staaten zunichte. Kurz, ohne international verbindliche Massnahmen stehen die kurzfristigen politischen und wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Staaten einer griffigen Klimastrategie im Wege. 

Die Bedeutung der Klimawandelanpassung im Globalen Süden

Das Versäumnis der internationalen Staatengemeinschaft, griffige Klimaschutzmechanismen durchzubringen, erhöht die Dringlichkeit von Anpassungsmassnahmen im Globalen Süden, welcher überproportional von der Erderhitzung betroffen ist, jedoch kaum dazu beigetragen haben. Und trotz aller Dringlichkeit wurden die international versprochenen 100 Milliarden Dollar für Klimaschutz und insbesondere für Klimaanpassungs­massnahmen bisher nicht erreicht. 

Durch die langjährige Erfahrung der Caritas Schweiz in der Armutsreduktion und im Naturressourcenmanagement hat sich gezeigt, dass die Resilienz der gefährdeten Bevölkerung im Global Süden gegenüber Klimarisiken nur durch ganzheitliche Ansätze verbessert werden kann. Ganzheitlich oder «integriert» bedeutet, dass Barrieren aufgebrochen werden und soziale, ökologische, wirtschaftliche und institutionelle Dimensionen zusammengebracht werden. Klimaprojekte sollen nicht aus isolierten Interventionen bestehen, sondern ganzheitlich und auf der Landschaftsebene – wie beispielsweise einem Wassereinzugsgebiet – angesetzt werden. 

Durch die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen, etwa durch agrarökologische und klima-resiliente landwirtschaftliche Praktiken oder die nachhaltige Wiederaufforstung und kommunale Waldbewirtschaftung, wird die Funktionsweise von Ökosystemen über partizipative Steuerungsprozesse erhalten und wiederhergestellt. Dies stärkt die Resilienz der Bevölkerung gegenüber Klimarisiken. Die Sicherung und Diversifizierung der Einkommensquellen und der Marktzugang verbessern die Lebensbedingungen nachhaltig. Vulnerable Bevölkerungsgruppen werden befähigt ihre Interessen zu vertreten und ihre Chancengleichheit und Würde werden somit gestärkt. Zudem setzt Caritas Schweiz auf Forschungskooperationen mit renommierten lokalen und internationalen Partnern, wie der World Meteorological Organization (WMO) oder der Meteo Schweiz, um innovative Technologien und Ansätze einführen zu können. 

Die Erfahrungen aus den Klimaprojekten der Caritas Schweiz in Mali, Kambodscha, Tadschikistan und anderen Ländern haben gezeigt, dass lokale Eigenverantwortung und Engagement entscheidend sind für effektive und nachhaltige Anpassungen an den Klimawandel. Ausserdem ist ein flexibler Prozess erforderlich, der auf Beobachten, Lernen und der stetigen Anpassung beruht. Dadurch sollen arme und vulnerable Gemeinden aus dem Globalen Süden befähigt werden, Massnahmen für den Schutz der Ökosysteme und der Biodiversität umzusetzen und widerstandsfähige Systeme zu schaffen, und somit die Klimakrise nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance zu begreifen.
  
Sollten die in Glasgow beschlossenen Massnahmen umgesetzt werden, steuern wir im optimistischen Fall auf eine Erwärmung von rund 1,8 bis 2,4 Grad Celsius zu. Wiederum wurde an einer Klimakonferenz eine Chance verpasst, griffige Klimaschutzmechanismen und finanzielle Unterstützung für den Globalen Süden für Verluste und Schäden aus der Klimakrise zuzusagen. Als Lichtblick gilt, dass in der Schlusserklärung die Industriestaaten dazu gedrängt werden, die Mittel für die Klimawandelanpassung im Vergleich zu 2019 bis 2025 «mindestens zu verdoppeln». In Verbindung mit dem Umstand, dass sogenannte naturbasierte Lösungen einen wachsenden Stellenwert innerhalb der COP-Agenda einnehmen, ist zu hoffen, dass der ökosystembasierten Anpassung im Globalen Süden in naher Zukunft die ihr gebührenden Mittel zugestanden werden. Denn durch integrierte Klimaanpassungsprojekte werden die am stärksten von der Klimakrise betroffenen Menschen nicht nur darin unterstützt, die Resilienz gegenüber Klimarisiken zu erhöhen; naturbasierte Anpassungsprojekte tragen durch die Erhaltung und die Schaffung von natürlichen Kohlenstoffsenken – wie Wäldern, Feuchtgebieten, Weiden und landwirtschaftlichen Flächen – massgeblich auch zum Klimaschutz bei. Und damit zur Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft – trotz düsteren Aussichten – einen klimaresilienten Entwicklungspfad einschlagen kann. 

Bild: Kambodscha, 2021. (c) Nicolas Honore

Weiterführende Information in neu erschienenen Caritas-Themenpapier (englisch)