Drei Pfeiler einer wirkungsvollen Entwicklungs­zusammenarbeit nach Corona

Ein Jahr Corona-Krise im Globalen Süden - Mediendienst 03/2021

Wegen den gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise wird die weltweite Armuts- und Hungerbekämpfung um Jahre zurückgeworfen. Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie stellen sich Fragen zur künftigen Entwicklungszusammenarbeit. Aus Sicht von Caritas Schweiz ist die Pandemie ein Weckruf, die verwerfliche Ungleichheit und den skandalösen Hunger viel stärker zu bekämpfen und Klimagerechtigkeit ins Zentrum entwicklungspolitischer Bemühungen zu stellen.

Blog: Drei Pfeiler einer wirkungsvollen Entwicklungszusammenarbeit nach CoronaDie negativen Auswirkungen der weltweiten Corona-Krise werden uns noch lange beschäftigen. Bereits wissen wir: Die Pandemie und der damit verbundene globale Wirtschaftseinbruch machen Jahrzehnte weltweiter Bemühungen in der Bekämpfung von Armut, Ungleichheit und Hunger zunichte.

Jede Krise ist auch eine Gelegenheit, Dinge neu zu gestalten und Anpassungen vorzunehmen. Die Caritas macht drei Vorschläge für eine wirksame und nachhaltige Entwicklungshilfe nach Corona – und ruft dabei in Erinnerung: Entwicklungszusammenarbeit leistet die Schweiz nicht aus selbstloser Wohltätigkeit. Vielmehr ist Entwicklungshilfe eine internationale Verpflichtung, die auf gemeinsamer Verantwortung und weltweiter Solidarität beruht. Entwicklungszusammenarbeit dient nicht den nationalen Eigeninteressen der Schweiz, sondern zielt auf globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung weltweit ab. Wirksame Entwicklungshilfe richtet sich auf die legitimen Ansprüche der ärmsten und am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen aus und schützt Würde und Rechte dieser Menschen.

Pfeiler 1: Ungleichheit reduzieren – mit Investitionen in Bildung und soziale Sicherung

Mit der Corona-Krise drohen bestehende Einkommensungleichheiten und mangelnde Chancengerechtigkeit noch prekärer zu werden. Frauen sind besonders betroffen: Weltweit sind drei Viertel des Personals in sozialen Berufen und in der Pflege Frauen. Sie leisten den grössten Teil unbezahlter Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit. Frauen arbeiten häufiger ohne geregelte Anstellungsverhältnisse oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Einen coronabedingten Verdienstausfall können sie kaum abfedern.

Ebenso trifft es Millionen von Kindern im Globalen Süden: Über mehrere Monate hinweg mussten wegen Corona die Schulen von mehr als 250 Millionen Kindern und Jugendlichen geschlossen werden. Hinzu kommen noch einmal mindestens so viele Kinder, die schon vor der Pandemie nie ein Klassenzimmer von innen gesehen haben. Vielerorts sind die wirtschaftlichen Auswirkungen von
Covid-19 derart gravierend, dass sie Schülerinnen und Schüler aus ärmeren Familien in die Kinderarbeit treiben – auf Gemüsefeldern, in Textilfabriken oder im Bergbau. Sind Mädchen und Jungen erst in diesen Jobs gefangen, werden Bildung und gute Berufsaussichten zum fernen Traum.

Was auf die Schweiz zutrifft, gilt auch in Entwicklungsländern: Einkommen und Bildung der Eltern bestimmen, wie negativ die Folgen monatelanger Schulschliessungen für Schulkinder sein werden. Nach Corona sollte die Schweizer Entwicklungshilfe hochwertige öffentliche Schulsysteme und duale Berufsbildung noch stärker unterstützen und dadurch Chancen für alle und die lokale Privatwirtschaft stärken. Und sie sollte soziale Sicherung fördern, damit die Ärmsten und auch Frauen im Falle unerwarteter Ereignisse und Krisen besser geschützt sind und nicht wieder durch die Maschen fallen.

Pfeiler 2: Hunger bekämpfen – mit Agrarökologie für eine nachhaltige und gesunde Ernährung

Die UNO schätzt, dass in diesem Jahr mehr Menschen humanitäre Unterstützung und Nothilfe benötigen als je zuvor – insgesamt 235 Millionen, was einem Anstieg von 40 Prozent innerhalb eines Jahres entspricht. Nicht nur leiden diese Menschen unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie. Sie leiden auch unter Konflikten und Vertreibung, unter Dürren und Naturkatastrophen.

Bereits vor Monaten warnte die UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), dass die Corona-Krise zu einer globalen Hunger- und Nahrungsmittelkrise werden könnte. Rasch müssen
Massnahmen ergriffen werden, um die Ärmsten zu schützen, um die globalen Versorgungsketten aufrecht zu erhalten und um die negativen Auswirkungen der Pandemie auf das gesamte Ernährungssystem abzuschwächen.

Um Hunger, der mit Corona stark ansteigt, wirksam und nachhaltig zu bekämpfen, sollte die Schweiz im Rahmen ihrer Entwicklungshilfe noch stärker eine Landwirtschaft unterstützen, die sich an den agrarökologischen Prinzipien der FAO ausrichtet. Es gilt vermehrt auf gerechte, nachhaltige und krisenbeständige Ernährungssysteme auf lokaler und regionaler Ebenen zu setzen, wobei die Interessen von Kleinbauern und Kleinproduzentinnen, von Arbeiterinnen und Konsumenten stärker berücksichtigt werden als die Profitinteressen von Agrar- und Lebensmittelindustrie.

Menschen hungern nicht, weil es zu wenig Lebensmittel gibt, sondern weil sie extrem arm sind, ausgebeutet werden oder keinen Zugang zu Böden und Wasser haben. Ernährung ist ein öffentliches Gemeingut und darf nicht den Märkten überlassen werden. Das Recht auf Nahrung muss im Mittelpunkt stehen, agrarökologische Ansätze und faire Ernährungssysteme sollten entsprechend gefördert werden. Und die von Hunger betroffenen Menschen in ärmeren Ländern müssen ermächtigt werden, um selbst für sich eintreten und für gesunde und ausreichende Ernährung sorgen zu können.

Pfeiler 3: Klimagerechtigkeit schaffen – mit zusätzlichen Mitteln die Klimakrise angehen

Die Länder der afrikanischen Sahelregion verursachen weniger als zwei Prozent der Treibhausgase, die allein die USA ausstossen. Gleichzeitig erwärmt sich die Erde dort schneller als im weltweiten Durchschnitt. Schrumpft der Tschad-See wegen der Klimaveränderung, verschärft dies Arbeitslosigkeit und Armut, und es befeuert Konflikte und Gewalt. Wasserquellen versiegen, landwirtschaftliche Böden veröden, Trockenphasen und Regenfälle werden unberechenbarer. Dadurch verlieren immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage und die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Mancherorts verändern sich die Bedingungen derart gravierend, dass ein Leben in der eigenen Heimat nicht mehr möglich ist. Diese Menschen haben keine andere Wahl, als ihre Heimat dauerhaft zu verlassen. Die UNO geht davon aus, dass bis 2050 weltweit über 200 Millionen Menschen in Folge der Erderhitzung vertrieben werden. Dies würde bisherige Flucht- und Migrationsbewegungen in den Schatten stellen.
Die globale Klimaveränderung ist eine existenzbedrohende Herausforderung. Lösungen dafür, das zeigt auch die gegenwärtige Covid-Pandemie, sind nicht innerhalb nationaler Grenzen zu finden. Die Pandemie muss genutzt werden, um eine nachhaltige und klimafreundliche Wirtschaft zu fördern, im Norden wie im Süden. Je stärker die Länder gemeinsam darauf hinarbeiten, den Klimawandel auf 1,5 Grad zu beschränken, desto leichter und günstiger werden die Folgen für alle bewältigbar sein.

Im weltweiten Vergleich und besonders gegenüber von Entwicklungsländern ist der Schweizer Klima-Fussabdruck pro Kopf riesig. Entsprechend gross ist die schweizerische Mitverantwortung an der Begrenzung der Klimaveränderung und an der Bewältigung der verheerenden Auswirkungen durch die Erderhitzung. Mit der Klimakrise kommen Klimaschutz- und Anpassungsprojekte in ärmeren Ländern neu hinzu. Entsprechend muss das Entwicklungshilfe-Budget aufgestockt werden. Nur so wird die Schweiz dem Anspruch von ärmeren und klimaexponierten Ländern auf dringend notwendige Unterstützung für eine klimaneutrale und widerstandsfähige Entwicklung gerecht.

Bild: Übergabe von Hygiene-Kits an das CSREF von Kadiolo vor dem Bürgermeister und dem Präfekten, 2020, in Kadiolo (Sikasso). (c) Frédéric Sidibé/Caritas Schweiz

Caritas-Engagement: Unsere Solidarität mit armen Ländern ist gefordert