Dolmetschen als Schlüssel zum Verständnis

Wirksames Dolmetschen bei den Behörden und im Gericht erfordert Fachkompetenz - Mediendienst 08/2019

Blog: Dolmetschen als Schlüssel zum Verständnis Dem sinngenauen und möglichst wortgetreuen Dolmetschen bei den Behörden und im Gericht kommt eine Schlüsselrolle zu. Der Bedarf an gut ausgebildeten Dolmetschenden wird unterschätzt. Um der Nachfrage gerecht zu werden, bietet Caritas Schweiz speziell entwickelte Module im Bereich des Behördendolmetschens an.

Im Januar 2018 mussten sich drei Männer aus Ex-Jugoslawien beim Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt (Kanton Solothurn) wegen gemeinsam verübtem, versuchtem Diebstahl verantworten. Fälle dieser Art sind nichts Aussergewöhnliches. Aber dieser Fall wurde aufgrund einer unerwarteten Wende von den Medien aufgenommen. In besagter Gerichtsverhandlung bat der Dolmetscher nämlich, etwas sagen zu dürfen, was unüblich ist. Alle Parteien stimmten zu. So fügte der Dolmetscher an, dass einer der Angeklagten ein Analphabet sei und ein Dialekt der Roma spreche. Der Dolmetscher müsse alles in einfachen Worten erklären, wortwörtliches Übersetzen wäre eine Überforderung für den Betroffenen.

Ein entscheidender Input des Dolmetschers, denn bei offensichtlichen oder vermuteten Kommunikationsstörungen zwischen den Beteiligten trägt dieser laut dem Berufskodex der Dolmetschenden zu einer Klärung bei, indem er auf mögliche Missverständnisse aufmerksam macht. Sich der Rolle als Dolmetschenden so bewusst zu sein und dies in die Praxis umzusetzen, erfordert eine spezialisierte Schulung.

Weiter kam aus, dass der Angeklagte im Ermittlungsverfahren während mehreren Wochen von der Polizei ohne Verdolmetschung befragt wurde. Die Protokolle hatte er jeweils mit «Gelesen und verstanden» unterschrieben. Sie waren somit nichtig.

Notwendigkeit des Dolmetschens

In der Schweiz ist der Anspruch auf rechtliches Gehör und der Grundsatz der Fairness des Verfahrens gesetzlich geregelt – ganz nach dem Rechtsgrundsatz aus dem Römischen Recht «Audiatur et altera pars» (lateinisch «Man höre auch die andere Seite»). Demzufolge haben Kläger und Angeklagter beiderseits das Recht auf Anhörung. Doch wie will man die andere Seite hören, wenn sie Roma-Dialekt, Somali oder Farsi spricht? Wie lässt sich ein Verständnis entwickeln, wenn man ihre Sprache nicht versteht? Genau da ist das Dolmetschen eine Schlüsselfunktion. Die Dolmetschenden verleihen der «anderen Seite» eine Stimme, erst von da an wird das Recht eingefordert. Die Behörde nimmt den Betroffenen als Menschen ernst und nicht als blosses Objekt der Gerichtsverhandlung.

Die Dolmetschenden sind mit zahlreichen weiteren Herausforderungen konfrontiert. Dazu zählen juristischer Fachjargon, nicht identische Rechtsregelungen, verschiedene Wissensstände sowie allem voran kulturelle Unterschiede und Missverständnisse. Eine hohe Fach- sowie Handlungskompetenz unterstützt die Qualität der Verdolmetschung sowie den fairen Prozess und dessen Urteil. Eine fundierte, praxisnahe Ausbildung ermöglicht es, diese Kompetenzen zu erwerben und damit negative Konsequenzen zu vermeiden.

Seit 2016 bietet Caritas Schweiz ein Ausbildungsmodul für Dolmetschende an, spezialisiert auf das Setting bei Behörden und Gerichten. Diese Ausbildung sensibilisiert für herausfordernde Situationen im Gericht oder bei Untersuchungsbehörden und bietet eine aktive Auseinandersetzung damit. Der Berufskodex für interkulturelle Dolmetschende und Vermittelnde spielt dabei eine zentrale Rolle. Nur dank gut ausgebildeten Dolmetschenden gelingt ein faires Resultat und Kosten werden verringert.

Caritas-Engagement: Bildungsangebote Dolmetschen und Migration