Die Schweiz muss ihr Covid-19-Engagement erneuern

Ein Jahr Corona-Krise im Globalen Süden - Mediendienst 02/2021

In ärmeren Ländern führt die Corona-Krise zu massiven wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen. Gerade wird die weltweite Bekämpfung von Armut, Ungleichheit und Hunger um Jahre zurückgeworfen. Der Ausbruch der Pandemie jährt sich. Höchste Zeit, dass die Schweiz ihr Covid-19-Engagement erneuert. Caritas erwartet, dass der Bund seine humanitären und nachhaltigen Entwicklungsmassnahmen deutlich ausbaut.

Seit einem Jahr steckt die Welt in der Covid-19-Krise. Die weltweiten Lockdowns, die wegen der schwierigen Gesundheitslage notwendig wurden, haben dazu geführt, dass Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz, ihre Verdienstmöglichkeit im informellen Sektor, ihre Hoffnung auf ein besseres Leben verloren haben. Gerade wird Afrika stark von der zweiten Corona-Welle erfasst. Auch der südamerikanische Subkontinent wird um Jahre zurückgeworfen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten befinden sich die Entwicklungs- und Schwellenländer insgesamt in einer schweren Rezession.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor der Gefahr eines «verlorenen Jahrzehnts» für Entwicklungsländer. Erstmals seit den 1990er Jahren steigt die Zahl der «extrem Armen», die mit weniger als 2 Franken am Tag leben, wieder an. Laut einer vorsichtigen Schätzung der Weltbank werden nach der Pandemie bis zu 150 Millionen Menschen mehr um die nackte Existenz kämpfen als davor.

Die UNO geht davon aus, dass in diesem Jahr mehr Menschen humanitäre Unterstützung und Nothilfe brauchen als je zuvor – insgesamt 235 Millionen, ein Anstieg von 40 Prozent innerhalb eines Jahres. Diese Menschen leiden nicht nur unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie. Sie leiden auch unter Konflikten, Gewalt und Vertreibung, unter Dürren, Stürmen und Naturkatastrophen, die sich mit der Klimaveränderung zusehends verschärfen.

Entwicklungsländer benötigen unsere Unterstützung

Westliche Regierungen nehmen viel Geld in die Hand, um den gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen in ihren Ländern entgegenzutreten. Der IWF schätzt die bisherigen Rettungspakete reicher Länder auf gewaltige 12 Billionen US-Dollar. Ärmere Staaten im globalen Süden stehen wegen wegbrechenden Einnahmen hingegen vor der Herausforderung, wenigstens das bisherige Ausgabenniveau halten zu können.

Länder wie Tschad und Mali, Bolivien oder Haiti können sich umfassende staatliche Hilfen und wirtschaftliche Stimulus-Pakete schlicht nicht leisten. Steigende Gesundheitskosten und die weltweiten Lockdowns, Handelseinschränkungen und sinkende Exporteinnahmen sowie Kapitalflucht aus dem Süden treffen solche Volkswirtschaften hart. Hinzu kommt, dass viele Heimatüberweisungen von Staatsangehörigen im Ausland tiefer liegen oder ganz wegfallen. Dies trifft die zurückgebliebenen Menschen in den ärmeren Herkunftsländern empfindlich – es fehlt ihnen an Geld für ausreichendes Essen oder für lebensnotwendige Medikamente.

Rasch und entschlossen hat die UNO reagiert. Unter ihrem Dach laufen gezielte Covid-19-Massnahmen mit einem Gesamtbedarf von mindestens 13 Milliarden US-Dollar: Sie beinhalten die Deckung des unmittelbaren Gesundheitsbedarfs, einen Plan für globale humanitäre Massnahmen zur Abfederung der Pandemie-Auswirkungen auf 63 besonders arme Länder sowie Programme für eine klimaverträgliche und nachhaltige Erholung nach Covid-19. Damit die UNO jedoch all diese Massnahmen umsetzen kann, braucht sie deutlich mehr finanzielle Unterstützung durch die reichen Länder.

Schweiz muss Corona-Hilfspaket für Entwicklungsländer deutlich aufstocken

Zur Überwindung dieser Krise braucht es einen gesamtgesellschaftlichen und weltumspannenden Ansatz, der von Mitgefühl und Solidarität getragen ist. Nach einem Jahr ist es Zeit, dass die Schweiz ihr Engagement erneuert und ausbaut. Caritas erwartet, dass der Bund mehr in seine Internationale Zusammenarbeit (IZA) investiert und das humanitäre Corona-Hilfspaket für Entwicklungsländer deutlich aufstockt. Das im Frühling 2020 beschlossene Hilfspaket von 400 Millionen Franken – von dem lediglich 100 Millionen Franken neu gesprochen wurden – enthält kaum nicht-rückzahlbare Zuschüsse. Caritas erwartet, dass das gesamte 400-Millionen-Paket mit zusätzlichen Mitteln finanziert wird – und im Sinne von à fonds perdu-Beiträgen für humanitäre und Entwicklungsprojekte in besonders betroffenen Ländern und Regionen genutzt wird.

Impfzugang in Entwicklungsländern stärker unterstützen

In der Corona-Krise dürfen Impfungen selbst der Ärmsten und von Menschen auf der Flucht nicht am Preis oder am Zugang scheitern. Caritas erwartet, dass der Bund Covid-19-Massnahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Solidaritätsaktion Covax für einen angemessenen Impfzugang in Entwicklungsländern stärker unterstützt. Da es sich um eine Pandemie handelt, hat auch die Schweiz ein Interesse daran, dass Menschen im Süden möglichst rasch geimpft werden – weil es Leben rettet, die Gefahr neuer Mutationen verringert und letztlich allen dient.

Es braucht eine umfassende Entschuldung der ärmsten Länder

In den Entwicklungsländern ist die Wirtschaft stark eingebrochen. Gleichzeitig müssen viele ärmere Staaten neue Kredite aufnehmen, um lebensnotwendige Covid-19-Massnahmen in der Gesundheit, Bildung oder Wirtschaft finanzieren zu können. Dadurch verschärft sich die Schuldenkrise noch zusätzlich. Caritas erwartet, dass sich die Schweiz international dafür einsetzt, dass Schulden umfassend erlassen werden, damit ärmeren Ländern rasch wichtige Mittel zur Verfügung stehen, um die Folgen der Corona-Krise besser bewältigen zu können. Im Inland muss sich der Bund dafür einsetzen, dass sich auch private Gläubiger wie Banken an Entschuldungsaktionen beteiligen.


Bild: Kinder in Kambodscha lernen, wie sie sich mit korrektem Händewaschen und Desinfizieren vor dem Coronavirus schützen können. (c) Damnok Toek

Corona-Krise: Unsere Solidarität mit armen Ländern ist gefordert