Die Pandemie vergrössert die Not auf allen Ebenen

Migration aus Venezuela in das krisengebeutelte Kolumbien - Mediendienst 09/2021

Die Covid-19-Pandemie hat in Kolumbien die soziale Ungleichheit verschärft. Landesweit protestierten die Menschen dieses Jahr dagegen. Gleichzeitig suchen fast zwei Millionen venezolanische Flüchtlinge dort Zuflucht.  Kolumbien steht vor grossen Herausforderungen.

2021 war bislang ein schwieriges Jahr für Kolumbien. Protestwellen rollten im Frühjahr durch das Land, ausgelöst durch eine von Präsident Duque vorgeschlagene Steuerreform. Diese hätte insbesondere die Unter- und Mittelschicht stark betroffen. Die Polizei ging mit grosser Härte gegen die Demonstrierenden vor; es gab zahlreiche Tote und Vermisste. Die Proteste wurden zudem von der riesigen Ungleichheit sowie den schwerwiegenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie geschürt. Über Monate herrschten strikte Ausgangssperren und die Mobilität war stark eingeschränkt. Für weite Teile der Bevölkerung, die vom informellen Sektor abhängig sind, hatte dies schwerwiegende Konsequenzen. Laut der Weltbank schrumpfte Kolumbiens Wirtschaft um knapp 7 Prozent im Jahr 2020 und liess viele Menschen in der Armut zurück. Die Corona-Pandemie traf die gesamte südamerikanische Region stark. Lateinamerika und die Karibik wiesen 20 Prozent aller weltweiten Covid-19-Fälle und ein Drittel aller Todesfälle auf.

Zunahme der Gewalt während der Pandemie

Zu den ökonomischen und gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie kommt erschwerend hinzu, dass in Teilen Kolumbiens weiterhin bewaffnete Gruppierungen vorherrschen. Obwohl 2016 ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) geschlossen wurde, haben sich neue Gruppierungen herausgebildet und weiter etabliert. Unter dem Schatten der Pandemie hat die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zugenommen. Diese beeinträchtigt das Leben vieler Menschen, die in den – meist ländlichen – Konfliktgebieten leben, sehr stark. Nebst direkten Gewalterfahrungen werden sie Opfer von Erpressungen oder interner Vertreibung; Minderjährige werden von Guerrillagruppen oder paramilitärischen Kräften rekrutiert. Insbesondere Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Anführende von indigenen oder afro-kolumbianischen Gemeinden sowie Umweltschützende sind besonders gefährdet und fallen gezielten Tötungen zum Opfer. Kriminelle Aktivitäten wie illegaler Bergbau, Drogenanbau und -handel erschweren die Situation zusätzlich.

Ein Zufluchtsort für venezolanische Flüchtlinge

Die Fluchtbewegungen haben in der Pandemie trotz der Grenzschliessungen nicht abgenommen. Kolumbien ist das grösste Aufnahmeland für venezolanische Migrierende und beherbergt mehr als zwei der über fünf Millionen Geflüchteten. Die Menschen legen viele Kilometer lange Fussmärsche zurück, um nach Kolumbien zu gelangen. Dort sind sie zahlreichen Gefahren noch schutzloser ausgeliefert. Häufig werden sie Opfer von Menschenschmuggel, Raubüberfällen oder sexueller Gewalt. Oft sind die Migrierenden psychisch stark angeschlagen. Sie mussten ihre Familien und ihr Hab und Gut zurücklassen, ohne zu wissen, was sie am neuen Ort erwartet. So auch in der nördlichen Grenzregion zu Venezuela, in La Guajira. Diese Region, welche schon vorher von grosser Armut, fehlender Infrastruktur, Kriminalität und Korruption geprägt war, hat besonders unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten.  Einkommensschaffende Aktivitäten sind rar. Die Migrantinnen und Migranten arbeiten im informellen Sektor und verkaufen, was sie zur Hand haben: Kaffee, Brot oder frische Säfte. Durch die pandemiebedingten Ausgangssperren konnten sie jedoch bis zu drei Monate lang ihr Haus nicht verlassen und somit diesen Tätigkeiten nicht mehr nachgehen. Zahlreiche Flüchtlinge blieben so ohne jegliches Einkommen. Als Folge davon beschränkten sich ihre Mahlzeiten auf höchstens zwei pro Tag.

Unterstützung von Caritas Schweiz

Die wirtschaftliche und soziale Stabilität, welche die Migrierenden in den letzten Jahren in Kolumbien vorfanden, ist durch die Pandemie erheblich zurückgegangen. Diskriminierung nimmt zu, da sich die Situation im Land auch für die einheimische Bevölkerung stark verschlechtert hat. Erhält die venezolanische Migrationsgemeinschaft spezielle Unterstützungsleistungen, schürt dies auch die Fremdenfeindlichkeit. Die lokale Partnerorganisation der Caritas Schweiz konnte ihre Hilfe in der Region während der Pandemie entsprechend anpassen. Wo Besuche nicht möglich waren, führten sie mit den betroffenen Personen Telefongespräche, um sie psychologisch zu unterstützen. Die Migrierenden wurden auch rechtlich beraten und über Gefahren aufgeklärt. Sobald es möglich war, fuhren die Projektmitarbeitenden in die Gemeinden und verteilten Notpakete mit Essen oder Hygieneartikeln. Zudem führten sie Informationskampagnen durch, arbeiteten mit den Gemeindebehörden zusammen und schlossen in die Unterstützungsaktivitäten dabei auch immer die einheimische Bevölkerung mit ein. Denn wie die Projektkoordinatorin Liney Pimienta sagt: «Wir alle haben Rechte, allein durch unser Menschsein.»

Bessere Lebensbedingungen für venezolanische Geflüchtete - Projekt «Europana»