«Die grösste Gefahr geht noch immer vom Menschen aus, nicht von der Technik»

Interview mit dem Schriftsteller Jonas Lüscher zur Digitalisierung - Mediendienst 01/2019

Wie die Digitalisierung das Wettbewerbsprinzip verschärft und Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität untergräbt: Der Schriftsteller Jonas Lüscher nimmt die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch unter die Lupe. Sein Roman «Kraft» ist 2017 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden. Lüscher rechnet darin mit der ungebremsten Technologiegläubigkeit ab und entlarvt das unmenschliche Antlitz des Neoliberalismus.

Caritas Schweiz: Der Slogan von Google lautete einst «Don’t be evil» (Sei nicht böse). Auch Facebook tritt mit dem Anspruch auf, die Welt zum besseren Ort zu machen. Ist die Verteilungsgerechtigkeit im Silicon Valley überhaupt ein Thema?
Jonas Lüscher: Ja und Nein. Gesprochen wird viel darüber, aber es muss bezweifelt werden, wie ernst es den Entscheidungsträgern damit ist. Wie viel verstehen sie tatsächlich von den relevanten Problemen? Mir scheint, sie erkennen nicht einmal, wie viele Probleme sie mit ihrer eigenen Arbeit erschaffen. So wächst im Silicon Valley die Zahl der Menschen mit prekären Jobs und weiten Anfahrtswegen, weil sie sich eine Wohnung in der Gegend nicht mehr leisten können. Leute wie der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spenden zwar sehr viel Geld, aber diese philanthropische Gesellschaft ist ein zweischneidiges Schwert. Investiert wird dort, wo man es für sinnvoll erachtet. Aber es darf nicht sein, dass ärmere Menschen auf den Goodwill der Reichen angewiesen sind.

Begünstigt die Digitalisierung in den USA eine Art parallelen, privatisierten Wohlfahrtsstaat?
Ja, und diese Entwicklung ist hochproblematisch. Denn die Reichen halten das in Schuss, was sie für wichtig erachten. Das verstärkt die Segregation zwischen Arm und Reich, zwischen Schwarz und Weiss. Deutlich wird dies ja bereits rund um das Silicon Valley, wo die Infrastruktur noch jener eines Entwicklungslandes ähnelt, selbst wenn bereits der Oracle-Campus in Sichtweite ist.

Warum sollten uns solchen Entwicklungen auch in der Schweiz beunruhigen? 
Hier in der Schweiz haben wir einen vergleichsweise starken Wohlfahrtsstaat, aber das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Die libertären Kräfte haben zwar mit der No-Billag-Initiative eine Niederlage erlitten, aber auch in der Schweiz sind die Sozialleistungen regelmässig unter Beschuss. Gerne wird vergessen, für was der Wohlfahrtsstaat eigentlich steht und welches seine Wurzeln sind: Es geht darum, die ungerecht verteilten Ausgangsbedingungen im Leben auszugleichen. Diese sozialen Errungenschaften sind keineswegs in Stein gemeisselt.

Und warum sollte uns auch hierzulande die Marktmacht von Apple, Google, Microsoft, Facebook und Amazon zu denken geben?
Die grossen Internetkonzerne tun immer so, als gehe es ihnen um das Individuum, aber dabei haben sie das Individuum nur als Konsument im Fokus. Sie wollen letztlich nichts anderes, als den gläsernen Konsumenten erschaffen. Viele sind sich dessen nicht bewusst. Wir sind Teil dieser globalen Wirtschaft und verwenden diese Produkte und geben damit unsere Daten her. Die Angebote sind verlockend und machen uns vordergründig das Leben leichter. Aber sie schaffen eben auch neue Probleme, deren Dimensionen noch schwierig abzuschätzen sind. Der digitale Fortschritt führt in unserem kapitalistischen System ganz offensichtlichen zu einer Machtkonzentration bei einigen wenigen, meist privaten Akteuren. Die Macht der Internetkonzerne ist gigantisch – das verschärft die Gegensätze zwischen Arm und Reich, wie sich gerade im Silicon Valley beobachten lässt. Gleichzeitig ist global wie national die Regulierung verschlafen worden. Wir haben ja gesehen, wohin der publizistische Einfluss von Firmen wie Facebook, das selber gar keine Inhalte generiert, führen kann. Oder wie Twitter benutzt wird, um Wählerinnen und Wähler zu manipulieren. 

Sie sprechen damit die Tatsache an, dass die Digitalisierung mit einer Individualisierung einhergeht. Mit dem Sammeln und Verknüpfen von Daten kann jedes Individuum immer gezielter angesprochen werden. Wie wird das eine Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Solidarität verändern?
Am Anfang des Internets stand die Hoffnung, die Welt werde zum globalen Dorf, indem uns fremdes Leid nähergebracht wird und die Solidarität mit den weniger privilegierten Menschen wächst. Das ist nicht eingetreten. Ich beobachte eher eine Vereinzelung, gefördert auch durch die sozialen Medien. Die finanziellen Interessen, die hinter Plattformen wie Facebook stecken, sind zu wenig bewusst. Obwohl doch mittlerweile klar ist: Wer Gratisdienste nutzt, bezahlt mit seinen Daten.

Das eröffnet immer mehr Möglichkeiten der Überwachung oder der Einflussnahme auf das Verhalten von Individuen.
Das ist letztlich Ausdruck einer durchkapitalisierten und durchmonetarisierten Gesellschaft. Für den Kapitalismus ist die Quantifizierung elementar. Nur was messbar ist, kann in der kapitalistischen Logik existieren. Selbst abstrakte Güter wie Liebe, Freundschaft und Erfolg versucht man heute zu quantifizieren. Hinter diesem Vermessungswahn steckt der Wunsch, alles kontrollier- und planbar zu machen.

Was macht das mit uns? Was bleibt auf der Strecke?
Auf der Strecke bleibt sicher die Gelassenheit. Es herrscht eine konstante Aufregung, eine Art Getriebensein. Bedeutung hat in einem solchen Umfeld nur noch, was auch gemessen werden kann. In unserem Leben ist aber nicht alles mess- und quantifizierbar. Wir würden besser dem Zufall wieder mehr Raum geben. Der Quantifizierungswahn begünstigt es, dass wir das Gefühl haben, in allen Bereichen des Lebens in einem permanenten Wettbewerb zu stehen. 

Und für diesen Wettbewerb bringen nicht alle dieselben Voraussetzungen mit.
Das ist genau das Problem. In solch einer Wettbewerbsgesellschaft geht schnell vergessen, dass manche Menschen nicht so funktionieren, wie es der Markt, wie es die Leistungsgesellschaft erfordern würden. Und dass es eine solidarische Gesellschaft auszeichnet, diese Menschen mitzutragen. 

Ein beliebtes Argument lautet, dass die Digitalisierung die Wirtschaft und die Produktivität ankurble und alle davon profitieren würden.
Das ist das alte Trickle-down-Argument, ganz nach dem Motto: Stopft man genug Hafer in ein Pferd, so fällt hinten irgendwann auch etwas für die Spatzen aufs Pflaster. Die Digitalisierung hat zweifellos auch gute Jobs und Berufsmöglichkeiten geschaffen. Aber die Gegensätze verschärfen sich. 

Hegen Sie noch Hoffnung für eine humanere Zukunft?
Der Technologiewandel lässt sich nicht aufhalten. Und was technisch möglich ist, wird eines Tages auch gemacht. Aber wir haben nach wie vor die Wahl, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Es ist so wichtig wie noch nie, nicht in totalitären Strukturen zu leben. Ein totalitärer Staat, ausgerüstet mit digitalen Werkzeugen, das wäre dann die extreme Form einer Dystopie. 

Die direkte Demokratie als Schutzschild?
Ob direkte Demokratie oder eine gute repräsentative Demokratie spielt keine grosse Rolle. Hauptsache, liberale Demokratie. Im Moment leben wir allerdings in Zeiten, in denen Grobiane das Sagen haben. Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland: Wir erleben ein Revival maskulinistischer, machoider Haltungen. Das ist beängstigend. Wir müssen diesen Tendenzen viel Selbstbewusstsein entgegenhalten und Werte wie Ehrlichkeit und Anständigkeit aufrechterhalten. Die grösste Gefahr geht noch immer vom Menschen aus, nicht von der Technik.
 

Interview: Manuela Specker, Herausgeberin Sozialalmanach, Caritas Schweiz

Das Interview ist eine gekürzte Version des Beitrages, der im Sozialalmanach 2019 von Caritas Schweiz erschienen ist. Die Buchpublikation mit dem Schwerpunkt «Digitalisierung – und wo bleibt der Mensch?» ist bestellbar unter www.caritas.ch/shop
 

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