«Die gravierendsten Folgen der Corona-Pandemie stehen uns noch bevor»

Interview mit Peter Marbet, dem neuen Direktor von Caritas Schweiz - Mediendienst 01/2021

Für Peter Marbet liegt es auf der Hand: Die Hilfe für Armutsbetroffene muss für die Caritas auch weiterhin prioritär bleiben, denn gerade die Armen leiden am stärksten unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Menschen in Armut brauchen in dieser schwierigen Zeit Unterstützung. Ihre Anliegen müssen im politischen und öffentlichen Leben Gehör finden. Ein wichtiges Ziel der Caritas-Strategie ist es auch, die Folgen des Klimawandels für die Ärmsten zu lindern und sie bei notwendigen Anpassungen zu unterstützen.

Blog: Interview mit Peter Marbet, Direktor Caritas SchweizWelcher Werdegang brachte Sie zur Caritas Schweiz?

Die letzten 13 Jahre leitete ich das Berner Bildungszentrum Pflege, eine Höhere Fachschule für Krankenpflege. Hier wurde mir die Bedeutung der Berufsbildung für die soziale Integration der Menschen so richtig bewusst. International bringe ich Erfahrungen aufgrund der Austauschprogramme mit Institutionen in über 100 Ländern mit. Ich lernte, im internationalen Kontext zu verhandeln und unterschiedliche Interessen und Blickwinkel im Auge zu behalten. Ein Jahr verbrachte ich in den USA und zwei Jahre in Brasilien. Davor war ich Leiter Politik und Kommunikation bei santésuisse, dem Dachverband der Krankenversicherer. Dort lernte ich die Mechanismen der nationalen Politik und deren Entscheidungsprozesse kennen. Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik sowie Lobbyarbeit haben mich dem Aufgabengebiet von Caritas Schweiz nähergebracht.

Welche Organisation haben Sie als neuer Direktor dann vorgefunden?

Caritas Schweiz ist durch Vielfalt geprägt. Wir haben mehr als 400 Mitarbeitende in der Schweiz und in 15 Ländern weltweit, wovon mehr als ein Drittel frankophon sind. 16 juristisch unabhängige Regionale Caritas-Organisationen, mit denen wir eng zusammenarbeiten, prägen unsere Identität in den Kantonen. Ebenso pflegen wir die Kooperation über die Grenzen in Europa und auf der ganzen Welt. Unter dem Dach von Caritas Internationalis sind 165 Caritas-Länderorganisationen zusammengeschlossen – ein wertvolles Netzwerk für die Hilfe bei Katastrophen und die Entwicklungszusammenarbeit. Caritas hat systemrelevante Bedeutung, in der Schweiz und im Ausland. Wir helfen Menschen, denen der Zugang zu Ressourcen verwehrt bleibt. Caritas Schweiz ist trotz ihrer Erfahrung und Tradition aus 120 Jahren jung geblieben, wandlungsfähig und innovativ. Das Durchschnittsalter unserer Mitarbeitenden liegt bei 42,6 Jahren. Das Zusammenspiel aus Erfahrung und Dynamik ist eine Stärke.

Wie sehen Sie die Rolle der Nichtregierungsorganisationen in der Schweiz?

Die NGOs setzen sich für Menschen ein, deren Stimmen nur wenig Gehör finden. Damit übernehmen sie eine gesellschaftlich äusserst wichtige Aufgabe. Die politische und soziale Teilhabe aller Menschen ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, mangelnde Partizipation ein ernstzunehmendes Problem. Gemäss den offiziellen Statistiken sind in der Schweiz 8 Prozent der Menschen von Armut betroffen und 500 000 leben knapp über dem Existenzminimum. Das sind über eine Millionen Menschen, die weder in der «Arena» noch in «Infrarouge» zu Wort kommen. Für diese Menschen ist es schwierig, sich in der Politik Gehör zu verschaffen. Darum müssen NGOs ihre Interessen mit einer kräftigen Stimme vertreten. Nach der umstrittenen Kampagne zur Konzernverantwortungsinitiative werden Forderungen laut, den NGOs weniger Gehör zu schenken. Doch gerade bei kontroversen Themen ist es besonders wichtig, dass jede Seite ihren Standpunkt vertreten kann.

Die Corona-Pandemie hat im Jahr 2020 die Armut noch vergrössert. Was erwarten Sie von 2021 und welche Rolle wird Caritas spielen?

Das Jahr 2020 belastet die wirtschaftliche und soziale Bilanz bereits jetzt schwer. Doch die gravierendsten Folgen stehen uns noch bevor. Die Auswirkungen der Pandemie treffen die Menschen je nach ihrer finanziellen Situation sehr unterschiedlich. Wer trotz Pandemie Monat für Monat seinen Lohn unverändert erhält, ist abgesichert. Wenig geändert hat sich auch für all jene, die schon vor der Pandemie Leistungen der Sozialhilfe, IV-Renten oder Ergänzungsleistungen bezogen hatten. Am stärksten betroffen sind dagegen Menschen, die vor der Krise gerade so – ohne staatliche Hilfe – über die Runden kamen und dann von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen ganz oder teilweise verloren: ihre Teilzeitstelle, ihren Stundenlohn oder die Arbeit auf Abruf.

Genauso hart trifft es Selbstständige mit einem kleinen Gewerbe oder Geschäft. Für sie kam der Einbruch vollkommen unerwartet. Diese Menschen, die niemals zuvor Hilfe in Anspruch genommen hatten, sind die neuen Armen unserer Gesellschaft. Ihnen begegnet man jetzt in den Caritas-Märkten oder auf unserer Sozialberatung. Die englische NGO Oxfam rechnet damit, dass es zehn Jahre dauern wird, bis das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht ist. Caritas Italien schätzt, dass die neuen Armen rund 30 Prozent aller Unterstützungsbedürftigen im Jahr 2020 ausmachten. Für unser Sozialsystem ist es eine zusätzliche Herausforderung, diese Menschen so zu unterstützen, dass sie so schnell wie möglich wieder auf eigenen Füssen stehen.

Bei der Kurzarbeitsentschädigung werden Niedriglöhne nur noch bis Ende März auf 100 Prozent aufgestockt. Caritas fordert, dass diese Massnahme verlängert wird. Auch brauchen Niedriglohnbeziehende mehr Unterstützung bei den Krankenkassenprämien. Eine Direktzahlung in Höhe von 1000 Franken würde vielen Familien ermöglichen, ausstehende Rechnungen zu bezahlen.

Die Pandemie drängt den Klimawandel in den Hintergrund. Doch das Klimaproblem verliert ja durch Corona nicht an Dringlichkeit.

Die Pandemie hat den Ländern im Süden eine vierfache Krise beschert. Sie sehen sich mit einer wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und humanitären Krise konfrontiert. Ein Fünftel unseres Budgets 2020 für die Entwicklungs­zusammenarbeit und humanitäre Hilfe ging direkt in die Covid-Nothilfe, die wir in fast allen unseren Einsatzländern geleistet haben. Kurzfristig war dies nötig. Mittel- und längerfristig wird uns wieder der Klimawandel beschäftigen.

Ein wichtiges Ziel der Caritas-Strategie 2021-2025 ist es, die Folgen des Klimawandels für die Ärmsten zu lindern und sie bei notwendigen Anpassungen zu unterstützen. Zu oft noch werden Fragen des Klimawandels ohne Bezug zu Armutsbekämpfung und Ressourcengerechtigkeit diskutiert. In der Sahelzone zum Beispiel ist die Desertifikation weit fortgeschritten. Es besteht eine absolute Notwendigkeit zum Handeln. Massnahmen und Projekte müssen so ausgestaltet sein, dass sie sozial gerecht sind. Das gilt auch in der Schweiz: Die Erhöhung des Benzinpreises zum Beispiel ist eine effiziente Massnahme für die Umwelt.

Aber die sozialen Folgen müssen mitgedacht werden. Armut und die schwerwiegenden Folgen des Klimawandels sind Ausdruck einer weltweit ungerechten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Es ist nicht gerecht, dass die einen Hunger leiden müssen, um den Reichtum anderer zu ermöglichen. Caritas kämpft gegen Armut, für soziale Gerechtigkeit und gegen die Folgen des Klimawandels.

Bild: Peter Marbet, Direktor der Caritas Schweiz. (c) Nique Nager