Die Energiewende muss global gelingen

Almanach Entwicklungspolitik 2022: Klimaschutz und Energiewende - Mediendienst 10/2021

Hitzerekorde, Überschwemmungen, Dürreperioden: Während hierzulande das Bewusstsein wächst, dass der Klimawandel keine abstrakte Gefahr mehr ist, die nur künftige Generationen betrifft, sind die Menschen im globalen Süden den Folgen längst schutzlos ausgeliefert. An einer Abkehr von CO2-Emissionen führt kein Weg mehr vorbei. Doch wie kann die Energiewende global gelingen? Die neue Ausgabe des «Almanachs Entwicklungspolitik» von Caritas Schweiz nimmt sich dieser drängenden Frage an.

Der sechste Bericht des Weltklimarates macht unmissverständlich klar: Extreme Wetterereignisse haben mittlerweile fast überall auf der Welt zugenommen, auch vor der eigenen Haustüre. Davon zeugten diesen Sommer die sintflutartigen Regenfälle in Deutschland und in der Schweiz sowie die Waldbrände im Süden Europas. Länder im globalen Süden sind den Folgen der Erderhitzung noch viel stärker ausgesetzt. Hitzewellen, Dürreperioden und Überschwemmungen zerstören die Lebensgrundlagen der Menschen, die sowieso oft schon unter prekären Bedingungen ihre Existenz sichern müssen. Die Zeit drängt:  Klimaforscherinnen und Klimaforscher sagen seit Jahrzehnten voraus, was jetzt, sichtbar für alle, eintrifft. Selbst wenn weltweit die CO2-Emissionen per sofort drastisch gesenkt würden, muss laut Weltklimarat bis Ende dieses Jahrhunderts mit einem um bis zu 55cm höheren Meeresspiegel gerechnet werden. Der Handlungsspielraum wird immer kleiner; das in Paris 2015 beschlossene 1,5-Grad-Ziel rückt in weite Ferne.

An einer Dekarbonisierung führt kein Weg vorbei – und damit einer Abkehr von Kohle, Erdöl und Erdgas, jener fossilen Brennstoffe also, auf denen das Wachstum und die Entwicklung der Industrienationen basiert. Gerade reiche Länder wie die Schweiz stehen umso mehr in der Verantwortung, die Energiewende voranzutreiben. Der «Almanach Entwicklungspolitik 2022», der soeben unter dem Titel «Klimaschutz und Energiewende» erschienen ist, beleuchtet im ersten Teil die Verantwortung des Nordens und speziell der Schweiz. Würden alle Menschen der Welt so viele Emissionen generieren wie die Schweiz, bräuchten wir viereinhalb Planeten.

Neue Technologien allein reichen nicht aus

Wie ein roter Faden zieht sich die Erkenntnis durch das Buch, dass technologische Innovationen nicht ausreichen, um die CO2-Emissionen auf Null zu reduzieren. Es braucht neben erneuerbaren Energien und höherer Energieeffizienz auch Verhaltensänderungen und eine Wirtschaftsweise, die sich an der Klimagerechtigkeit orientiert. Man kann es gar nicht genug betonen: Die ärmsten Länder im globalen Süden gehören zu den geringsten Verursachern von Kohlendioxid, sind aber am stärksten von der Klimakrise betroffen.

Gleichzeitig haben aber nach wie vor weltweit gegen eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Den Menschen einen besseren Zugang zu Energiedienstleistungen zu verschaffen, ist also zentral in der Armutsbekämpfung. Doch wie kann dies im Sinne des Klimaschutzes ökologisch und energieeffizient gelingen, zumal die Menschen im globalen Süden genauso ein Recht auf Entwicklung haben, die in den reichen Industrienationen durch die Nutzung fossiler Brennstoffe vorangetrieben wurde? Der zweite Teil des «Almanachs Entwicklungspolitik» widmet sich der Frage, was der Energiewende im globalen Süden zum Durchbruch verhilft und welche Rolle dabei die Entwicklungszusammenarbeit spielt. Die Hoffnungen sind gross, dass Afrika zum Motor der grünen Energiewende wird und dereinst vollständig auf erneuerbare Energien zählen kann, da der Kontinent beste Voraussetzungen für die Nutzung von Sonnenenergie, Windenergie und Wasserkraft mitbringt. Diese Sichtweise verkennt aber zugleich die zahlreichen Hindernisse, denn für eine Energiewende in Afrika müssen die infrastrukturellen, ökonomischen, technischen und administrativen Rahmenbedingungen stimmen. Ohne massive Investitionen wird sich die Energieversorgung sogar verschlechtern, denn die Nachfrage nach Strom explodiert förmlich auf dem Kontinent.

Die Wirkung der Entwicklungs­zusammenarbeit

Bei allen Visionen und Hoffnungen darf nicht vergessen gehen, wo die Entwicklungs­zusammenarbeit grösste Wirkung erzielen kann: die Resilienz der vulnerablen und armen Bevölkerung gegenüber klimabedingten Extremwetter­ereignissen und Naturkatastrophen zu verbessern. Energieprojekte im Rahmen der Entwicklungs­zusammenarbeit tragen überdies vor allem dazu bei, soziale Benachteiligungen zu verringern und Fortschritte in Bildung und Gesundheit zu erzielen. Einen direkten Beitrag an die Ziele des Pariser Klimaübereinkommens können diese Projekte nur dann leisten, wenn nicht nur erneuerbare Energien ausgebaut, sondern fossile Kraftwerke stillgelegt werden. 

Almanach Entwicklungspolitik

Der Almanach Entwicklungspolitik ist ein Sammelband, der jedes Jahr von Caritas Schweiz herausgegeben wird. Die soeben erschienene Ausgabe 2022 unter dem Titel «Klimaschutz und Energiewende» ist erhältlich und bestellbar unter www.caritas.ch/shop.

Die Buchvernissage findet am Mittwoch, 27. Oktober 2021, 18.30 Uhr im Stattkino Luzern statt. Zur Anmeldung