Die Corona-Krise ist ein Weckruf für eine nachhaltige Entwicklung

Auch beim Klimawandel reicht courant normal nicht - Mediendienst 03/2020

Beim Klimawandel handeln wir zögerlich. Ganz anders bei der Corona-Pandemie: Plötzlich ist fast alles möglich. Weltweit werden milliardenschwere Rettungspakete zur Abfederung der Corona-Folgen verabschiedet. Es wird Geld investiert, das bislang für einen sozial-ökologischen Umbau im Geiste der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung scheinbar nie da gewesen ist. Warum eigentlich? 

Wegen der plötzlichen und unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus hat das Parlament seine Frühjahrssession im März vorzeitig abgebrochen. Wichtige politische Geschäfte wie die Behandlung der Konzernverantwortungs-Initiative oder das CO2-Gesetz nach 2021 konnten nicht fertig beraten werden und verzögern sich nun noch weiter. Seit Wochen befinden sich Geschäftswelt und Politik im Ausnahmezustand.

Das Coronavirus hat inzwischen nicht nur Menschen, sondern auch die Demokratie infiziert. So erhält der Bundesrat in der Krise ausserordentliche Kompetenzen. Eingriffe in Grundrechte sind möglich, die in «normalen» Zeiten undenkbar wären. Angesichts der Pandemie werden diese Entscheide weitherum akzeptiert.

Wie zahlreiche andere Länder erlegt auch die Schweiz zur Eindämmung des Coronavirus ihrer Bevölkerung und der hiesigen Wirtschaft ein regelrechtes «Schockprogramm» auf: Schulen wurden geschlossen, Restaurants und Läden bleiben zu, Anlässe und Gruppen mit mehr als fünf Personen sind verboten. Social distancing – korrekter: physical distancing – wird zum Wort des Jahres.

Von einer Krise in die nächste

Das staatlich verordnete Schockprogramm ist beispiellos in der jüngeren Landesgeschichte. Ebenso beispiellos sind auch die Hilfsmassnahmen von Bund und Kantonen zur Stützung der Wirtschaft. Dagegen sind die Reaktionen auf eine andere, sich zuspitzende und weit schwerwiegendere Krise geradezu harmlos: die existenzielle Bedrohung von Menschenleben durch die fortschreitende Erderhitzung und die Zerstörung der Artenvielfalt.

Während die Staaten bei der Corona-Pandemie erfreulich handlungsstark sind und für einmal kurzfristige wirtschaftliche (Wachstums-)Interessen zum Wohle der Gesundheit von Bürgerinnen und Bürgern hintanstellen, versagen sie bei der Klima-Frage seit 40 Jahren. Immer wieder werden Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den Wind geschlagen. Und Aufrufe der UNO zum sofortigen und entschiedenen Handeln gegen die drohende Klimakatastrophe verhallen beinahe ungehört.

Auch die Schweiz macht viel zu wenig

Auch in der Schweiz werden Forderungen nach wirkungsvollen Klimaschutzmassnahmen regelmässig mit dem Verweis zurückgewiesen, in die Freiheitsrechte von Menschen und Unternehmen dürfe man nicht zu stark eingreifen. Firmen sollen mehr Verantwortung in der Nachhaltigkeit übernehmen? Schadet dem Werkplatz Schweiz! Höhere Besteuerung von spritfressenden SUVs? Bevormundung der Bevölkerung! Einführung einer Flugticket-Abgabe? Zuerst brauchts eine globale Lösung! Fleischkonsum reduzieren? Ökodiktatur! Mehr Unterstützung für erneuerbare Energien? Gefährliche Marktverzerrung! Subventionen bei Hausisolationen? Ebenso!

Selbst eine verursachergerechte Lenkungsabgabe auf CO2-Emissionen, die an die gesamte Bevölkerung zurückerstattet wird (z.B. via Krankenkassen-Vergünstigung) – und dadurch Menschen zugutekommt, die ihren Lebenswandel anpassen und umweltschonender gestalten –, stösst nach wie vor auf viel Kritik in Politik und Gesellschaft. 

Doch warum bloss? Wenn wir nicht von fossilen Energieträgern wegkommen, schreitet die Erderhitzung ungebremst voran. Ebenso wenig lässt sich die Zerstörung der Biodiversität aufhalten, wenn wir Natur und Ressourcen nicht endlich nachhaltiger bewirtschaften.

Was ist anders?

Gewiss ist die Corona-Pandemie eine riesige Herausforderung für die Welt. Doch selbst nach den düstersten Prognosen wird sie um ein Vielfaches weniger tödlich sein als eine ungebremste Klimaveränderung. Selbstverständlich müssen wir in der Corona-Krise Menschen schützen, vor allem die Risikogruppen. Aber warum gilt das Gleiche nicht für die Hunderte Millionen von Klimaopfern? 

Die erste Antwort ist naheliegend: Anders als eine plötzliche Epidemie, verändert sich das Klima über einen langen Zeitraum. Unsere politischen Systeme sind hingegen auf kürzere Frist ausgelegt. Wenn pazifische Inseln und ein Drittel von Bangladesch überschwemmt, wenn die Sahelzone und grosse Teile Indiens durch Überhitzung nicht mehr bewohnbar sein werden, sind die Politikerinnen und Politiker, die heute die Weichen stellen, nicht mehr im Amt. 

Die zweite Antwort reicht tiefer: Die Millionen von Opfer der planetaren Klimakrise sind vorerst die Ärmsten und Verletzlichsten auf der Erde. Vor allem im globalen Süden leiden die Menschen unter zunehmenden Dürren und Überschwemmungen, unter Hungersnöten und Wassermangel. Das Coronavirus schlägt hingegen wahllos zu. Es unterscheidet nicht zwischen Nationalität oder Status. Auch privilegierte und gutbegüterte Menschen in wohlhabenden Ländern sind davon betroffen.

Politischer Wille und weltweite Solidarität

Die gegenwärtige Corona-Pandemie ist ein Weckruf. Sie lehrt uns zwei Dinge. Erstens: Schaffen wir es, das Coronavirus einzudämmen, kann uns auch ein sozial-ökologischer Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne der Nachhaltigkeitsagenda 2030 gelingen. Ausserordentliche Massnahmen und Unterstützungspakete sind möglich, sofern der politische Wille da ist.

Zweitens: Unsere Solidarität darf dabei nicht an den Grenzen unseres Landes haltmachen. Wie bei einer globalen Gesundheitskrise müssen auch in der Klimakrise die Schwächsten geschützt und unterstützt werden – in der Schweiz und weltweit.

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