Den Strukturwandel sozial gestalten

Über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft und Arbeitsmarkt - Mediendienst 05/2019

Die digitale Transformation birgt das Risiko, Gesellschaft als auch Arbeitsmarkt zu spalten und zu polarisieren. Bildung und Weiterbildung müssen deshalb eine Schlüsselrolle einnehmen. Doch es braucht Anpassungen – auch im Hinblick auf die soziale Absicherung der Arbeitnehmenden.

Bereits in den letzten Jahrzehnten hat sich die Beschäftigungsstruktur nach Branchen vom ersten und zweiten Sektor hin zum Dienstleistungssektor verschoben. Die Digitalisierung wird diese Verschiebung noch verstärken und beschleunigen. Zusätzlich bringen die technologischen Entwicklungen Möglichkeiten, um repetitive Routinetätigkeiten mit mittleren Anforderungen zu substituieren. Damit wird die Höherqualifizierung noch einmal an Bedeutung gewinnen und das Bildungssystem vor zusätzliche Anforderungen stellen.

Im Bereich der Durchlässigkeit konnten in den letzten Jahren grosse Verbesserungen erzielt werden, und mit der Förderung der höheren Berufsbildung wurden auch die Möglichkeiten zur Höherqualifizierung erweitert. Dafür dürfte in Zukunft eine historische Gegebenheit der Berufsbildung zu einem gewichtigen Nachteil werden: Das Berufsbildungssystem ist in erster Linie auf die Vermittlung von Fachkompetenzen und Berufswissen ausgerichtet. Gerade diesen droht bei raschem Strukturwandel aber die Gefahr der Entwertung. Querschnittskompetenzen (Allgemeinbildung, Sprachen usw.) müssen in der beruflichen Grundbildung stärker verankert werden. Weiter ist die Höherqualifizierung über die höhere Berufsbildung immer noch stark spezialisierend ausgerichtet, wodurch inhärent die Gefahr gegeben ist, dass Berufslaufbahnen durch technologische Veränderungen zu Sackgassen werden.

Strukturwandel und soziale Sicherheit

Der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit wird zur grundsätzlichen Herausforderung. In der Schweiz liegt die Verantwortung für die Arbeitsmarktfähigkeit stark bei den einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Sie haben sich selbstverantwortlich um ihre Weiterbildung zu kümmern und sollen diese auch selber bezahlen. Historisch wird begründet, dass mit einer Weiterbildung meistens auch eine Höherqualifizierung und folglich eine höhere Stellung und damit mehr Lohn einherging. Wenn jetzt Weiterbildungen zur Voraussetzung werden, um die Stellung im Arbeitsmarkt zu halten und nicht ins Hintertreffen zu geraten, so muss die Verantwortung für die Weiterbildung breiter verteilt werden. Die Sorgfaltspflicht des Arbeitgebers muss auch auf den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit angewendet werden, so dass sie stärker in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren müssen.

Neben dem Strukturwandel, der zu einer verstärkten Verschiebung und Veränderung von beruflichen Tätigkeiten führen wird, ist auch die Frage relevant, wie sich die Organisation der Arbeitserbringung verändern wird. Normalarbeitsverhältnisse werden zunehmend abgelöst durch kurzfristige, fragmentierte und (quasi-)selbständige Beschäftigungsverhältnisse, wobei die Organisation der Arbeitserbringung weitgehend über Plattformen geschieht. Mit Plattformarbeit eröffnen sich zwar durchaus neue Zugänge zum Arbeitsmarkt, die auch von tiefer qualifizierten oder bisher auf dem Arbeitsmarkt diskriminierten Personen genutzt werden können. Gleichzeitig erhöht sich aber der Konkurrenzdruck, da die Arbeitserbringung theoretisch weltweit geschehen kann und somit eine massive Zunahme des Angebots von zusätzlichen und kostengünstigeren Arbeitskräften ermöglicht wird. Crowdwork droht so einen prekären Beschäftigungsstatus mit niedrigem Entgelt zu verbinden, was eine Erwerbslage schafft, die zwar Integration in den Arbeitsmarkt ermöglicht, aber kaum eigenständige Existenzsicherung und verlässliche Lebensplanung garantiert.

Unfairer Wettbewerb

Das Hauptproblem der Plattformarbeit besteht darin, dass die Arbeitnehmenden als unabhängige Auftragnehmer klassifiziert sind und sie so von den klassischen Schutznormen für abhängige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgeschlossen werden. Sollten Unternehmen auf breiter Front ihre Rolle und Verantwortung als Arbeitgeber ablehnen, würden für die einzelnen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gröbere Lücken in der Einkommenskontinuität und der sozialversichungsrechtlichen Abdeckung entstehen. Gleichzeitig würden die Systeme der Sozialversicherungen und der dualen Berufsbildung einer wichtigen Säule beraubt. Auf diese Weise erhöht die Digitalisierung im Allgemeinen und die Plattformarbeit im Speziellen das Risiko einer Polarisierung von Einkommen und Lebenschancen.
Die Frage nach der Verteilung einer Digitalisierungsrendite wird sich mit Vehemenz stellen. Bereits heute hat eine wachsende Anzahl von Arbeitnehmern nicht mehr das Gefühl, am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu können, sondern ein Leben zu führen, das durch wachsende wirtschaftliche und soziale Unsicherheit geprägt ist. Es gilt, die Digitalisierung nicht als einen determinierten Veränderungsprozess zu begreifen, sondern als gestaltbaren Prozess. An der Diskussion über die Rahmenbedingungen der Veränderung sollten möglichst alle teilhaben können. Nur so können die Chancen der Digitalisierung ergriffen und Innovationen, Sicherheit, Lebens- und Arbeitsqualität gefördert und die Risiken von Abbau der Arbeitsschutz- und Sozialversicherungsnormen minimiert werden.

Gabriel Fischer ist Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. Dies ist eine gekürzte Version des Beitrages, der im Sozialalmanach 2019 von Caritas Schweiz erschienen ist. Die Buchpublikation mit dem Schwerpunkt «Digitalisierung – und wo bleibt der Mensch?» ist bestellbar unter www.caritas.ch/shop

Unser Engagement: Sozialalmanach 2019: «Digitalisierung – und wo bleibt der Mensch?»