Das doppelte Leiden der Entwicklungsländer

Klima-Krise verschlimmert die verheerenden Corona-Auswirkungen im Süden - Mediendienst 04/2020

Der Hitzesommer 2018 hat den Schweizerinnen und Schweizern die Folgen des Klimawandels eindringlich vor Augen geführt. 2020 könnte es erneut bedrohlich heiss und trocken werden. Am schlimmsten in ihrer Existenz bedroht sind jedoch die Ärmsten der Armen im Globalen Süden. Nicht nur kämpfen sie bereits jeden Tag mit den verheerenden Klimafolgen. Wegen Armut und fehlenden Ressourcen sind sie auch der globalen Gesundheitskrise Covid-19 schutzlos ausgeliefert

Blog: Das doppelte Leiden der EntwicklungsländerDas Corona-Virus hält die Schweiz fest im Griff. Wie in vergangenen Krisen geraten bei Covid-19 die schwächsten Mitglieder in der Gesellschaft am stärksten unter die Räder. Wer bereits vor der Pandemie am Existenzminimum lebte, für den ist eine angeordnete Kurzarbeit existenzbedrohend. Mit jedem Tag, an dem die Schulen geschlossen bleiben, verstärkt sich die Chancenungleichheit in der Bildung. Und auch beim Zugang zum Gesundheitssystem sind manche gleicher als andere.

Was für die Schweiz stimmt, gilt erst recht für ärmere Länder: Weil vielerorts öffentliche Sozialsysteme und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung fehlen, geraten die Ärmsten in Entwicklungsländern in existenzielle Nöte. Bereits vor der Gesundheitskrise hat der Hunger in der Welt zugenommen. Doch nun, mit dem Virus, wird sich die Lage nochmals deutlich verschlimmern. Bereits befürchtet die UNO, die Zahl der Hungernden könnte sich bis Ende Jahr verdoppeln.

Was für Covid-19 stimmt, trifft ebenso für die globale Klimakrise zu: Wie Corona betrifft auch die fortschreitende Erderwärmung jeden Menschen auf dieser Erde. Augenscheinlich ist indes, dass es dabei die Ärmsten im Globalen Süden weitaus am härtesten trifft. Ihnen fehlen schlicht die Möglichkeiten, sich angemessen auf Krisen jedweder Art vorzubereiten. Die betroffenen Menschen kämpfen zur selben Zeit gegen noch unabsehbaren Corona-Folgen und gegen die täglichen Verwüstungen durch die Klimaveränderung.

Klimafolgen erschweren den Umgang mit der Corona-Krise

Der vielbeachtete Klimarisikoindex von Germanwatch zeigt die besondere Verletzlichkeit ärmerer Länder: Die zehn Staaten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen waren, sind allesamt Entwicklungsländer. In einkommensschwachen Ländern wie Haiti, Myanmar, Nepal, Philippinen oder Mosambik sind Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter viel wahrscheinlicher. Und relativ zu deren Wirtschaftskraft sind die Schäden immens. 

In der Sahelregion zum Beispiel leiden schon heute wegen Dürren mehrere Millionen Menschen Hunger. Breitet sich das Virus in Ländern wie Niger, Tschad, Mali oder Südsudan aus, droht die Ernährungssituation noch prekärer zu werden. Massnahmen zur Corona-Eindämmung liessen sich kaum umsetzen. Ein Shutdown, wie er in Europa verordnet wurde, wäre eine existenzielle Bedrohung für arme, im informellen Sektor tätige Menschen. Überall fehlt es an sauberem Wasser und an sanitären Einrichtungen.

Ebenfalls besorgniserregend ist die Lage in Südasien. In Bangladesch beispielsweise, das ebenfalls stark unter der fortschreitenden Klimaveränderung leidet, machen Überschwemmungen und versalzene Böden ein Leben in der Landwirtschaft immer schwieriger. In der Folge geben viele Bäuerinnen und Landwirte auf und wandern in die überfüllten Vorstädte der Metropolen ab, auf der Suche nach besseren Lebensumständen und Verdienstmöglichkeiten. Ausgerechnet in jene Slums, die für eine Ausbreitung des Corona-Virus ein perfekter Nährboden sind.

Nun braucht es ausserordentliche Anstrengungen

Angesichts der bereits prekären Klimafolgen stellt der Umgang mit der Corona-Krise diese Länder vor zusätzliche Herausforderungen. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds IWF haben deshalb Milliardenschwere Covid-19-Hilfspakete für Entwicklungsländer ins Leben gerufen. Gleichzeitig hat die UNO einen weltweiten Nothilfeaufruf zur Bekämpfung des Virus in 51 Ländern in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien gestartet.
Inzwischen haben die G20, die grössten Volkswirtschaften der Welt, ein Schuldenmoratorium für die 77 ärmsten Länder beschlossen. Dadurch werden Milliarden für dringend notwendige Investitionen in die Gesundheitsversorgung freigesetzt. Private Gläubiger müssen nun folgen und ebenfalls Zahlungsaufschübe gewähren. Was es jedoch am dringendsten braucht, sind grosszügige und nachhaltige Unterstützungsleistungen der wohlhabenden Länder in Form von nicht rückzahlbaren Zuschüssen – zur Bewältigung der Gesundheitskrise und für existenzsichernde Anpassungs-Massnahmen an die Folgen der Erderhitzung. 

Was nach viel klingt, ist schlicht zu wenig

Am 30. April informierte der Bundesrat, die Schweiz beteilige sich finanziell und mit Hilfsgütern bei der Bewältigung der Corona-Krise. Bereits haben DEZA und Seco im Rahmen der bestehenden Budgets laufende Entwicklungsprogramme im Umfang von 100 Millionen Franken angepasst. Ausserdem will man zinslose, rückzahlbare Darlehen für das IKRK, den IWF und weitere Organisationen bereitstellen. Das ist ein wichtiger Schritt. Er reicht aber nicht. In einer Notlage muss der Bundesrat zusätzliche finanzielle Mittel und Ressourcen bereitstellen.

In den vergangenen Jahren bewegte sich der Anteil der schweizerischen Entwicklungshilfe (APD) am Bruttonationaleinkommen (BNE) um 0,4% herum. Damit ist die Schweiz weit vom international verankerten 0,7%-Ziel der UNO entfernt. Angesichts der fortschreitenden Erderwärmung und um negative Entwicklungsfolgen der Corona-Krise aufzufan­gen, sollte die Schweiz ihre Entwicklungsausgaben aufstocken – aus Solidarität, aber auch im eigenen Interesse an einer gemeinsamen, erfolgreichen Bewältigung solch globaler Krisen.

Corona-Krise: Solidarität mit den ärmsten Ländern ist gefordert

Bild: Bangladesch, Slums in Rohingya 2018. (c) fabian-berg.photo