Bloss kein Cash?

Wirksame Überlebenshilfen für Menschen in Krisensituationen - Mediendienst 05/2019

Viele kennen die Fotos von Lastwagen, die sich im Konvoi durch staubtrockene Landschaften oder über enge Pässe schlängeln, um Menschen in Krisensituation mit lebenswichtigen Gütern zu versorgen. Doch diese Art der Hilfe ändert sich zunehmend. Heute erhalten Menschen in Not Bargeld. Cash auf die Hand – was früher mit vielen Vorurteilen behaftet war, hat sich als effiziente und wirksame Methode bewiesen, um Menschen in Notsituation dabei zu helfen, in Eigenregie ihre wichtigsten Grundbedürfnisse zu decken und Lebensgrundlagen wiederaufzubauen.

Blog: Bloss kein Cash?Aiyah Khalaf ist 45 Jahre alt, als er im September 2018 eine schwere Thrombose im Gehirn erleidet. Er ist mit seiner Frau und fünf Kindern 2012, ein Jahr nach Beginn des Krieges, von Syrien in den benachbarten Libanon geflüchtet. Dort wohnt er mit seiner Familie in einem Zelt, für das er jeden Monat 50 Dollar Miete zahlen muss, denn es steht auf privatem Boden. Offizielle Flüchtlingscamps gibt es im Libanon nicht. Vor der Thrombose arbeiteten Aiyah und seine Frau als Tagelöhner; jetzt ist der 45-Jährige gelähmt, seine Frau pflegt ihn. Über 2000 Dollar Schulden hat die Familie seitdem angehäuft, um Miete und Essen zu bezahlen, eine enorme psychische Belastung. Alle fünf Kinder gehen nicht zur Schule; das kann sich die Familie nicht leisten.

Aiyahs Familie erhält Unterstützung aus einem Projekt der Caritas Schweiz, finanziert unter anderem durch die Glückskette. Sie erhalten ein halbes Jahr lang monatlich 250 Dollar und werden durch einen Sozialarbeiter begleitet. Die Familie zahlt mit dem Geld ihre Schulden zurück und entscheidet selbst, welche Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung und medizinische Versorgung gerade am dringlichsten sind. Aiyah und seine Familie erhalten damit auch ein Stück Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung zurück, nachdem sie im Krieg beides verloren hatten.

Nicht nur im Libanon führt die Caritas Schweiz solche Cash-Projekte durch, sondern hat auch die Nothilfe-Aktivitäten in Syrien und in Jordanien komplett auf Cash umgestellt. In verschiedenen Formen können Geldtransfers an Projektteilnehmer fliessen: An Bedingungen geknüpft, zum Beispiel den regelmässigen Schulbesuch der Kinder, als einmalige Zahlung oder über einen längeren Zeitraum hinweg, per Bargeldzahlung, Gutscheine oder über eine Geldkarte. Vom technologischen Fortschritt profitiert man auch hier, denn die Überweisung von Cash auf eine Geldkarte oder über ein Handy geht schnell und ist kostengünstig.

Cash als wirkungsvolles Mittel in der humanitären Hilfe

Die Caritas Schweiz ist mit ihrem Cash-Ansatz nicht allein: Seit 2016 wurden weltweit 2,8 Milliarden US-Dollar in der humanitären Hilfe in Form von Cash oder Gutscheinen verteilt – eine Verdoppelung im Vergleich zu 2014. Gleichzeitig gibt die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer von Cash-Projekten an, dass Bargeld als Form der Unterstützung ihr bevorzugtes Mittel ist.

Doch warum Cash? Die Vorteile sind überzeugend: Studien belegen, dass Cash effektiver und nachhaltiger wirkt als die Verteilung von Lebensmitteln oder anderen Gütern, denn Projektteilnehmer wie Aiyahs Familie können selbst auswählen, welcher Bedarf gerade am dringlichsten gedeckt werden soll. Wenn die Zahlung regelmässig über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgt, wird ausserdem Sicherheit vermittelt, wodurch eine Planung für die Zukunft überhaupt erst ermöglicht wird. Familien müssen nicht auf negative Bewältigungsstrategien wie die Reduzierung von Mahlzeiten, Medizin oder das Schulgeld zurückgreifen. Cash kann Menschen also davor bewahren, in die Armutsspirale zu fallen, und kann dort wo keine sozialen Sicherungssysteme existieren, insbesondere für Flüchtlinge, diese Funktion übernehmen.

Cash-Projekte stärken ausserdem die lokalen Märkte, das Geld wird schliesslich direkt vor Ort ausgegeben, kurbelt die lokale Wirtschaft an und schafft Arbeitsplätze. Die Organisationen sparen Zeit und Geld durch den verringerten logistischen Aufwand im Vergleich zur eigenen Beschaffung, Lagerung und Verteilung von Gütern. Bei Cash-Projekten steht nicht im Mittelpunkt, was Organisationen beschaffen können, sondern was Menschen benötigen. Ein fundamentales Umdenken. Die Befürchtung, dass Gelder zweckentfremdet durch die Projektteilnehmer ausgegeben werden könnten, wurde aus diesen Gründen bereits durch eine Vielzahl an Studien widerlegt.

Und trotzdem: Cash ist kein Allheilmittel. Komplementäre Massnahmen sind notwendig, zum Beispiel die psychosoziale Betreuung, und der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wie der Gesundheits- oder Wasserversorgung müssen darüber hinaus sichergestellt werden. Dennoch ist Cash heute eines der wichtigsten Instrumente der humanitären Hilfe, das Menschen in Not, ihre vielseitigen Bedürfnisse und aktive Teilhabe in den Mittelpunkt stellt.

Bild: Zeltlager, Bekaa-Ebene, Libanon, (c) Alexandra Wey

Caritas-Engagement: Humanitäre Hilfe