Betreuung im Alter soll für alle erschwinglich sein

Bei der Finanzierung von Betreuungsangeboten im Alter besteht Handlungsbedarf - Mediendienst 03/2019

Die Lebenserwartung in der Schweiz nimmt kontinuierlich zu. Mit der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer länger leben, geht auch der Wunsch nach Autonomie und Unabhängigkeit einher. Dies hat aber einen Preis. Damit auch finanziell weniger gut ausgestattete ältere Menschen länger zuhause leben können, braucht es gezielte Unterstützung.

Blog: Betreuung im Alter soll für alle erschwinglich seinWenn über eine gute Versorgung im Alter debattiert wird, steht in der Regel die Frage der medizinischen Pflege im Vordergrund. Diese ist in der Schweiz gut organisiert und auch die Finanzierung ist für die Menschen, die pflegebedürftig werden, klar geregelt. Zwischen der Phase eines einschränkungsfreien, selbstbestimmten Lebens und der Pflegebedürftigkeit gibt es aber eine immer längere werdende Betreuungsphase. Gebrechlich werdende Menschen brauchen Unterstützung, um ihren Alltag weiterhin im gewohnten Umfeld bewältigen zu können. 

Hinsichtlich dieser Betreuungsphase besteht Handlungsbedarf: «Die Betreuung hat bisher keinen Stellenwert. Im Hinblick auf den demografischen und gesellschaftlichen Wandel muss das Thema aber verstärkt in den Mittelpunkt der alterspolitischen Debatten rücken», bilanziert etwa der im vergangenen Jahr erschienene Bericht «Gute Betreuung im Alter – Perspektiven für die Schweiz» der Paul Schiller Stiftung. Der Bericht fordert politische Schritte. So soll das Anrecht auf Betreuung gesetzlich verankert werden. Eine zentrale Forderung ist auch, dass Betreuung für alle bezahlbar sein müsse.

Erschwingliche Betreuung in der Praxis

Die Erfahrung zeigt, dass der Weg zu einer für alle erschwinglichen Betreuung unter den heutigen Gegebenheiten mit Hindernissen durchsetzt ist. Caritas Schweiz hat vor zwei Jahren ein Pilotprojekt «Caritas Care ‒ stundenweise Unterstützung» in der Gemeinde Suhr im Kanton Aargau gestartet. Dabei ist Caritas mit einem Bauwagen physisch im Quartier präsent und spricht ältere Menschen gezielt an. Zu den Angeboten zählen Unterstützung im Haushalt, Hilfe beim Einkaufen, Begleitung bei Arztbesuchen, zum Coiffeur oder an Anlässe, einfache pflegerische Handreichungen oder schlicht das Leisten von Gesellschaft für eine gewisse Zeit. Damit diese Angebote auch von finanziell schlechter gestellten Personen genutzt werden können, gibt es ein stark abgestuftes Kostenmodell. Eine Stunde Betreuung ist bei einem Preis von 55 Franken kostendeckend. Für Menschen mit kleinem Budget gilt der halbe Preis, wie etwa bei der KulturLegi. Wer auch das nicht leisten kann, erhält eine ausserordentliche Vergünstigung.

Damit das Projekt tatsächlich die Zielgruppe erreicht, braucht es einen langen Atem. «Grundsätzlich besteht eine grosse Zurückhaltung bei älteren Menschen, eine solche Form von Hilfe anzunehmen. Wer finanziell dazu in der Lage ist, kann eine Vielzahl von Angeboten nutzen. Wir versuchen aber gezielt, Menschen anzusprechen, die keinen Zugang zu solchen Dienstleistungen haben», sagt Beat Vogel, Leiter von Caritas Care. In Suhr gelang dies in den zwei Jahren in zunehmendem Masse. Entscheidend ist die Kontinuität und die Präsenz der Caritas-Mitarbeitenden beim mobilen Büro im Ortszentrum sowie auch in den Quartieren. Zwischenzeitlich werden die Mitarbeitenden auch direkt angesprochen und erhalten Hinweise, wo im Quartier eine Hilfeleistung notwendig sein könnte. In Suhr betreut das vierköpfige Team zurzeit rund 20 Klientinnen und Klienten. 

Das Angebot deckt sich mit der Interessenlage anderer Akteure. Gemeinden möchten verhindern, dass ältere Menschen vereinsamen und im Alltag zunehmend überfordert sind – und dann eine Intervention der Sozialdienste notwendig wird. Für Immobilienfirmen bietet eine ältere Mieterschaft willkommene Kontinuität. Serviceleistungen erkennen sie als Bedürfnis. Sie tragen dazu bei, dass ältere Mieterinnen und Mieter tatsächlich auch länger in ihren Wohnungen bleiben können. Daher erstaunt es nicht, dass bei der Ausweitung des Caritas-Projektes in den Siedlungen Lochergut/Hardau in Zürich Wohnbaugenossenschaften sowie auch in Altstetten und Regensdorf weitere Immobilienfirmen mit an Bord sind.

Finanzierung als grosse Herausforderung

Die Finanzierung solcher Angebote ist durch das System der sozialen Sicherheit im Gegensatz zu der stationären Betreuung in Alters- und Pflegezentren nicht geregelt. Caritas finanziert den Aufbau und die Preisnachlässe bei den Dienstleistungen zurzeit über Beiträge von Stiftungen, die sich im Bereich der Versorgung im Alter engagieren. Eine nachhaltige Finanzierung, etwa eine Mischfinanzierung durch öffentliche Hand, Immobilienfirmen und die Betroffenen erweist sich bisher als schwierig realisierbar. Solange die Alterspolitik die Frage der Betreuung nicht stärker ins Zentrum rückt und auch Finanzierungsmodelle dafür bietet, wird die Betreuung für armutsbetroffene Menschen wohl ein lückenhaftes Angebot bleiben.

Bild: Alexandra Wey

Unser Engagement: Caritas Care