Bereits 4,7 Millionen Menschen auf der Flucht

Lateinamerika im Sog der venezolanischen Flüchtlingskrise - Mediendienst 01/2020

Die Flucht aus Venezuela hat ein enormes Ausmass. Dieses Jahr könnte die Flüchtlingskrise zur weltweit grössten anwachsen und die Fluchtbewegungen infolge des Syrienkrieges übertreffen. Die Aufnahmeländer sind überlastet, die Flüchtlinge leben oft unter unwürdigen Bedingungen.

Lateinamerika wird von einer Protestwelle erfasst. Seien es die Kundgebungen in Chile oder die Demonstrationen rund um den Generalstreik in Kolumbien: Die Menschen gehen auf die Strasse und fordern von den herrschenden Eliten soziale Reformen, mehr Chancengleichheit und bessere Lebensbedingungen. In Bolivien konnte sich der langjährige Präsident Evo Morales nach anhaltenden Protesten nicht mehr länger an der Macht halten und musste das Land verlassen. In Venezuela hingegen scheint sich, trotz wirtschaftlicher und sozialer Misere, kein Machtwechsel abzuzeichnen.

Die Bevölkerung leidet unter den immer prekären werdenden Lebensbedingungen. Durch die Hyperinflation ist selbst das Nötigste wie Nahrungsmittel und medizinische Grundversorgung unerschwinglich geworden. In den Spitälern können schwangere Frauen und Mütter nicht mehr betreut werden. Viele Familien sehen keinen anderen Ausweg, als zu fliehen. Bereits haben mehr als 4,7 Millionen Menschen das Land verlassen, Tendenz steigend. Damit ist der Massenexodus aus Venezuela, nach Syrien, die zweitgrösste Flüchtlingskrise der Welt und kann laut Prognosen der UNO für das Jahr 2020 diese sogar noch übersteigen.

Viele Flüchtlinge leben auf der Strasse

Mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge lassen sich in den umliegenden Ländern nieder. 1,6 Millionen leben in Kolumbien, 860 000 in Peru. Auch Chile, Ecuador, Brasilien, Bolivien und weitere Länder in Lateinamerika zählen zu den Aufnahmestaaten. Die Gastländer haben mit eigenen sozialen Missständen zu kämpfen und sind nicht auf die Aufnahme einer grossen Anzahl Flüchtlinge vorbereitet. Diese lassen sich vor allem in den Armenvierteln der grösseren Städte nieder oder suchen temporäre Unterkünfte in der Nähe von Grenzübergängen entlang der Migrationsroute. Einige können bei Gastfamilien unterkommen oder in Unterkünften, die von Hilfsorganisationen bereitgestellt werden.

Die grosse Mehrheit der Migrantinnen und Migranten leben derzeit jedoch unter schwierigsten Bedingungen auf der Strasse, da die Empfangszentren überlastet sind und anderweitige Unterstützung stark begrenzt ist. Während die Grenze nach Kolumbien für Grenzgänger und Migranten grundsätzlich offen ist, haben Peru, Ecuador und Bolivien Zulassungsbeschränkungen erlassen. Ohne Rechtsicherheit sind die Migranten kriminellen Netzwerken ausgeliefert und können leicht Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung werden. Sie sind besonders stark auf Schutz und Unterstützung angewiesen.

Caritas Schweiz unterstützt 72 000 Personen

Caritas Schweiz setzt sich für menschenwürdige Lebensbedingungen der venezolanischen Flüchtlinge und Migranten ein. Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Unterstützung von Frauen, Jugendlichen und Kindern. Zusammen mit Partnerorganisationen bietet Caritas Schweiz Unterstützung für mehr als 72 000 Flüchtlinge und Migranten in der Region und Mitglieder der Gastgemeinschaften.

Caritas Schweiz unterstützt Aufnahmezentren in Bolivien, Kolumbien, Brasilien und Venezuela, die medizinische Erstversorgung, Mahlzeiten und vorübergehende Unterbringung anbieten. Flüchtlinge erhalten Decken, Küchenartikel wie Wasserfilter, Hygieneartikel und minimale finanzielle Beiträge, um die allernötigsten Grundbedürfnisse abzudecken. Ein wichtiges Ziel ist es, Flüchtlingen Zugang zu sicheren Transportwegen zu verschaffen.

Die Partnerorganisationen von Caritas Schweiz haben Informations- und Anlaufstellen ins Leben gerufen, die die lokalen Behörden in der administrativen Bewältigung der Flüchtenden unterstützen und rechtliche Beratung anbieten, damit sich die Migranten und Migrantinnen selbst Zugang zu Nothilfe und Unterstützung sichern können. Weiter werden die Ankommenden aufgeklärt, wie sie sich vor sexueller Ausbeutung oder anderen illegalen Beschäftigungen schützen können. Viele Flüchtlinge stammen aus armen ländlichen Gebieten und haben oft nicht die entsprechende Ausbildung, um auf dem lokalen Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Caritas unterstützt sie durch praktische Berufsbildung dabei, einer selbständigen Tätigkeit nachzugehen und sich so ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Internationale Gemeinschaft muss sich stärker engagieren

Die wirtschaftliche und soziale Integration der Migrantinnen und Migranten ist für die bereits durch soziale Spannungen geprägten Gastländer eine grosse Herausforderung. Die ärmsten Familien leben bereits jetzt unter ähnlich prekären Verhältnissen wie die Flüchtlinge. Caritas engagiert sich auf für Integrationskampagnen, die das gegenseitige Verständnis zwischen Gastgemeinschaften und Flüchtlingen fördert und so Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit abbauen.

In einigen Aufnahmeländern ist es bereits zu gewalttätigen Übergriffen auf Flüchtende gekommen, weshalb weitere Schutz- und Integrationsmassnahmen dringend nötig sind. Die bestehenden sozialen Spannungen nehmen mit dem Zustrom der venezolanischen Flüchtlinge weiter zu und stellen die Stabilität der Lateinamerikanischen Staaten auf die Probe. Die internationale Gemeinschaft ist gefordert sich stärker zu engagieren, um die Folgen der bald grössten Migrationskrise der Welt zu lindern. 

Bild: Ankömmlinge an der kolumbianischen Grenze. (c) Alexandra Wey
 

Unser Engagement: Hilfe für die Menschen aus Venezuela