«Hier gibt es wenigstens etwas zu essen»
Venezolanerinnen und Venezolaner auf der Flucht in Kolumbien
 

Text: Nicole Lehnherr, Bilder: Alexandra Wey

Im Dezember 2019 reiste ich als Mitarbeiterin von Caritas Schweiz nach Kolumbien, um mir ein Bild der Lage der venezolanischen Flüchtlinge im Land zu machen: Eine Flüchtlingstragödie, die schon mehrere Jahre anhält, fernab des öffentlichen Interesses in weiten Teilen der Welt. Ich treffe auf Menschen, die alles verloren haben und sich nichts sehnlicher wünschen, als in ihre Heimat zurückkehren zu können. 

 

Ich stehe an der kolumbianischen Grenze zu Venezuela und bin überwältigt. Nichts kann einen auf die vielen verzweifelten Menschen vorbereiten, die versuchen, der Ausweglosigkeit in ihrer Heimat zu entfliehen. In den Schweizer Medien sind die Wirtschaftskrise in Venezuela und die grossen Flüchtlingsströme eher selten ein Thema. Die vielen Koffer und die grossen Taschen verraten mir, dass die Menschen ihr ganzes Hab und Gut mittragen. Sie verreisen nicht vorübergehend – sie lassen ihre Heimat zurück. 

 
 

Die Menschen haben alles verloren

In Begleitung des Caritas-Projektpartners SEPAS Riohacha fahren wir von der Grenze zu inoffiziellen Flüchtlingssiedlungen rund um die Grenzstadt Maicao. Die Menschen haben sich auf einem freien Stück Land niedergelassen und behelfsmässige Hütten gebaut mit Bauschutt und herumliegendem Plastikabfall. Fliessendes Wasser und sanitäre Anlagen gibt es hier nicht. Wohnungen können sich diese Menschen nicht leisten.

 

In einer dieser Siedlungen lernen wir Carmen Gomez (56) kennen. Sie ist vor zwei Jahren mit ihren beiden Enkelinnen nach Kolumbien geflohen. Sie erzählt mir von ihrer Familie und ihrem alten, schönen Leben. Sie arbeitete 26 Jahre lang bei der lokalen Polizei in Venezuela. Ihre Familie besass ein Haus und war finanziell abgesichert. 

«Doch dann kam die Krise. Es gab kein Essen mehr. Menschen starben an einfachen Krankheiten, weil die Medikamente fehlten. Es war eine Tragödie», berichtet sie erschüttert. Nie hätte Carmen gedacht, dass dies in ihrem Land passieren könnte, eigentlich einem der reichsten Länder des Kontinents. «Während dieser schweren Zeit starb mein Mann an einem Herzinfarkt. Ich sage immer: Er ertrug die Situation nicht und starb an gebrochenem Herzen. Er liebte sein Land so sehr.» Da stand sie dann alleine – in einem Land, das am Boden liegt. 

 

«Wir existierten nicht mehr.»

Ihr Sohn hatte Venezuela schon früher in Richtung Kolumbien verlassen. Kolumbien, eher bekannt als ein Land, aus dem Menschen in der Vergangenheit vor Terror und Gewalt geflohen sind, steht heute auf der anderen Seite. Nach offiziellen Angaben sind bis Januar 2020 1,6 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner in ihr Nachbarland geflohen. Hinzu kommen schätzungsweise über 2 Millionen Geflüchtete, die inoffziell eingereist und nicht gemeldet sind. Und es kommen täglich Tausende mehr Menschen an. 

Carmens Sohn wollte, dass auch sie nach Kolumbien kommt. «Er sagte immer: Mama, hier haben wir wenigstens etwas zu essen.» Die Ankunft in Kolumbien war ein riesiger Schock für Carmen. Es regnete die ganze Zeit und das Wasser lief durch ihre Behausung. In den ersten Wochen weinte sie viel. Sie kannte hier niemanden, alles war neu und sie fühlte sich von der Welt alleine gelassen. «Keiner wusste, dass es uns hier gibt. Wir waren im Niemandsland gestrandet. Wir vegetierten vor uns hin, mit Gelegenheitsjobs.» 

 

Neue Hoffnung

Diese Angst, vergessen zu werden, spornt die ehemalige Polizistin an, die Familien in ihrer Siedlung zu zählen und die Namen zu registrieren. Sie wendet sich mit ihrer Liste an die lokalen Behörden und findet bei unserem Projektpartner FAMIG jemanden, der sich für sie interessiert und sich um sie kümmert. Und so schöpft sie wieder ein wenig Hoffnung.

 

Video: unsere Mitarbeiterin zu Besuch in Kolumbien

 

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