Corona-Krise weltweit

Solidarität muss über Landesgrenzen hinaus reichen

 

Ein Beitrag von Patrik Berlinger, Leiter Fachstelle Entwicklungspolitik der Caritas Schweiz 

 

Noch scheint der Globale Süden kaum von der Coronavirus-Pandemie betroffen. Bislang vermelden beispielsweise die Länder Afrikas relativ niedrige Infizierten- und Opferzahlen. Die Zahlen sind allerdings trügerisch. Zum einen steigen die Corona-Fälle derzeit stark an. Anderseits werden wenige Menschen getestet, sodass die tatsächliche Zahl der infizierten Personen um einiges höher liegen dürfte. 

Es ist zu befürchten, dass das Virus Länder und Regionen mit schwachen Gesundheitssystemen stark treffen wird. Vielerorts mangelt es an Spitalbetten und Pflegepersonal, Medizin und Beatmungsmaschinen. Breitet sich das Coronavirus ebenfalls in afrikanischen Flüchtlingslagern aus, hätte dies verheerende Folgen.

In dichten Ballungszentren ist soziales Distanzhalten (social distancing) kaum einzuhalten. Und weil es häufig an Wasser mangelt, bleibt auch regelmässiges Händewaschen oder Duschen eine Illusion. Überfüllte Grossstädte und insbesondere Slums, wo die Hygiene besonders prekär ist, könnten zu unkontrollierbaren und gefährlichen Seuchenherden werden. 

Hoffnung für afrikanische Länder

Gegenwärtig haben rund 40 der 54 Staaten des afrikanischen Kontinents, auf dem rund 1,3 Milliarden Menschen leben, Corona-Fälle vermeldet. Angesichts des Tempos, mit dem sich das Virus ausbreitet, sind Sorgen um Afrika durchaus berechtigt. 

Hoffnungsvoll erscheint, dass viele afrikanische Regierungen im Kampf gegen das Coronavirus frühzeitig und beherzt handelten. Sie haben teils drastische Massnahmen ergriffen: Es wurden Einreiseverbote für Bürgerinnen und Bürger von pandemiebetroffenen Ländern verfügt. Grenzen werden stärker überwacht. Und vielerorts wurden Moscheen und Kirchen vorübergehend geschlossen. 

Ebenfalls Mut macht, dass Afrika bereits viel Erfahrungen im Umgang mit Epidemien hat. Viele Länder können auf die Lehren aus den Ausbrüchen des aggressiveren Ebolavirus zurückgreifen. 

Ärmere Länder stärker betroffen

Welches Ausmass die Coronakrise in Afrika annehmen wird, ist nicht absehbar. Aus drei Gründen ist allerdings zu befürchten, dass die Menschen in ärmeren Ländern die Ausläufer der Krise stärker zu spüren bekommen als hierzulande. 

Erstens ist der Gesundheitszustand bei Teilen der ärmsten Bevölkerung wegen mangelhafter Ernährung und fehlender sanitärer Grundversorgung schon heute prekär. Die Zahl geschwächter Menschen mit chronischen Krankheiten ist besonders hoch. Die Menschen sind von anderen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder Malaria bedroht und leiden zunehmend an nicht-übertragbaren Krankheiten. Gleichzeitig stossen die staatlichen Gesundheitssysteme vieler Entwicklungsländer bereits in «normalen» Zeiten an ihre Grenzen. Vielerorts mangelt es an gut ausgebildeten Gesundheitsfachkräften. 

Zweitens können es sich die reicheren Länder leisten, die Krise sozial und wirtschaftlich abzufedern. In der Schweiz hat der Bundesrat gerade ein 39-Milliarden-Franken-Hilfspaket zum Schutz der hiesigen Wirtschaft und von betroffenen Menschen auf den Weg gebracht. Und falls erforderlich, wird das Unterstützungspaket ausgebaut, wie der Bundesrat betonte. Ferner verfügen wir über umfassende soziale Sicherungssysteme. Den meisten Ländern des Globalen Südens fehlt hingegen der finanzielle Spielraum für derartige Massnahmen. Die grosse Mehrheit der Menschen lebt von Tag zu Tag, hat meist nur informell geregelte Arbeitsverhältnisse und verfügt über keine finanziellen oder staatlichen Absicherungen. Unter den absehbaren Folgen einer sich ausbreitenden Krise hätten ausgerechnet die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft wie Kinder und Frauen am stärksten zu kämpfen. 

Und schliesslich werden die finanziellen Hilfsmassnahmen in den Industrieländern den dortigen Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren ohnehin oft schwachen Konkurrenten in den Entwicklungsländern verschaffen. Dadurch werden sich die weltweiten Disparitäten zwischen wohlhabenden Ländern und dem Globalen Süden, zwischen reich und arm, weiter verschärfen. 

Solidarität über Grenzen hinweg

Um zu verhindern, dass die Coronakrise zu einer globalen Entwicklungskrise wird, darf Solidarität nicht an Ländergrenzen enden. Gerade in einer weltumspannenden Gesundheitskrise zeigt sich, wie wichtig das schweizerische Engagement in der Internationalen Zusammenarbeit gegenüber den ärmsten Ländern ist. Der Bund ist angehalten, seine Entwicklungshilfe zu stärken und bei seinen politischen Reaktionen die weltweiten sozio-ökonomischen und ökologischen Folgen systematisch mitzuberücksichtigen. 

Menschenrechte und nachhaltige Entwicklungsziele müssen integrale Bestandteile aller Massnahmenpakete weltweit gegen die Corona-Krise bilden. Gelingt dies, können die öffentlichen Gesundheitssysteme gestärkt aus der Krise hervorgehen. Und die umfassenden Konjunkturprogramme einen Beitrag zu einem sozial-ökologischen Wandel (sprich: Transformation) im Sinne der weltweit anerkannten UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung leisten. 
 

 
 

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