Interview zum Papier «Ernährung gerechter und klimaverträglich gestalten»

 

Wieso veröffentlicht Caritas Schweiz ein Positionspapier «Ernährung gerecht und klimaverträglich gestalten», das sich mit Landwirtschaft und der Art und Weise, wie wir uns weltweit ernähren, beschäftigt?

Drei Gründe sprechen dafür, dass sich die Caritas mit einem Papier im Bereich Ernährung positioniert:

  • Nach Jahren des Rückgangs nimmt der weltweite Hunger seit sechs Jahren wieder zu. Hauptverantwortlich dafür sind gewaltsame Konflikte und vermehrt die negativen Folgen der Klimaveränderung. Hinzu kommt mit Covid-19 eine weltweite Gesundheits- und Wirtschaftskrise, die den Globalen Süden hart trifft. Im Jahr 2015 haben sich die Weltgemeinschaft und die Schweiz mit der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung dazu verpflichtet, sich dafür einzusetzen, den Hunger bis 2030 aus der Welt zu schaffen. Die entsprechenden Anstrengungen müssen stark ausgebaut werden.
  • Das gegenwärtige Agrar- und Ernährungsmodell ist nicht nur ausser Stande, alle Menschen ausreichend und gesund zu ernähren. Es verursacht auch immense Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen – und es trägt massgeblich zur Erderhitzung bei. Tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen in landwirtschaftlichen Praktiken und im weltweiten Ernährungssystem sind dringend notwendig, damit wir das Pariser Klimaabkommen einhalten und die Menschheit vor einem Klimakollaps bewahren können.
  • Schliesslich ist Ernährungssicherheit in ärmeren Ländern eines der Kernthemen von Caritas Schweiz. Deshalb war es uns ein Anliegen, mittels einer entwicklungspolitischen Positionierung einen Beitrag zum ersten UN-Gipfel zu Ernährungssystemen im September 2021 in New York zu leisten. Die Caritas setzt sich für eine gerechte, krisenfeste und klimaverträgliche Landwirtschaft und Ernährungsweise ein.
     

Im Positionspapier werden Forderungen an den Bundesrat gestellt, die agrarökologische Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit voranzutreiben. Können Sie in wenigen Sätzen sagen, welche Art von Landwirtschaft hier gemeint ist? Wieso ist diese Art von Landwirtschaft gerechter und im Zusammenhang mit dem Klimawandel wichtig?

Agrarökologie kann als Gegenmodell zur industriellen und exportorientierten Landwirtschaft und zum konzerngetriebenen Ernährungssystem betrachtet werden:

  • Agrarökologie zielt darauf ab, dass sich die Menschen vor Ort ausreichend und gesund ernähren können. Notwendig dafür ist ein gerechtes Ernährungssystem, das die ökologischen Grenzen und die Menschenrechte ebenso wie die kulturellen und ökonomischen Interessen aller beteiligten Menschen berücksichtig.
  • Agrarökologie gründet auf traditionellem, lokalem Wissen und seinen Kulturen und verbindet es mit Erkenntnissen und Methoden moderner Wissenschaft. Ackerbau und Viehwirtschaft werden gemischt und integriert betrieben. Dies sorgt für eine grössere Vielfalt in der Ernährung und für mehr Stabilität gegenüber von Naturkatastrophen oder wirtschaftlichen Schocks. Gefördert wird eine ortsnahe Versorgung mit gesunden und erschwinglichen Lebensmitteln durch regionale und faire Vermarktungsnetzwerke.
  • Schliesslich ist Agrarökologie wichtig bei der Bekämpfung der Klimaveränderung. Agrarökologische Ansätze verursachen weniger schädliche Klimagase, da weniger Stickstoff gedüngt und damit weniger Lachgas freigesetzt wird. Gleichzeitig wir auf eine intensive Tierhaltung verzichtet, was den Ausstoss von Methan bei Wiederkäuern und von Ammoniak durch Hofdünger vermindert. Tiere werden ohne industriell hergestelltes Kraftfutter gehalten, das wegen Waldrodung und intensivem Ackerbau für hohe Emissionen verantwortlich ist.
     

Caritas Schweiz stellt klare Forderungen an den Bund in Bezug auf die anzuwendenden Landwirtschaftspraktiken. Wie setzt die Caritas dies in ihren eigenen Projekten um?

In Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Forschung und lokalen Partnerorganisationen arbeitet Caritas Schweiz in ihren internationalen Landwirtschaftsprojekten in Asien, Afrika und Lateinamerika seit vielen Jahren mit nachhaltigen Ansätzen aus der Agrarökologie und der Agrarforstwirtschaft. Diese Ansätze unterstützen besonders die ländlichen und vulnerablen Gemeinschaften darin, die vorhandenen Ressourcen umweltschonend und klimaverträglicher zu nutzen. Auf der Grundlage von umfassenden Klimaanalysen und Marktstudien werden Schulungen in nachhaltigen agrarökologischen Anbaumethoden sowie Aktivitäten zur Verbesserung der Qualität und Wertschöpfung von Produkten (z.B. lokale Verarbeitung von Sheabutter zu Seifen im Tschad ) und des Marktzugangs durchgeführt. Dies fördert nicht nur die Ernährungssicherheit der Projektbegünstigen auf nachhaltige Weise, sondern eröffnet auch neue Einkommensquellen.
 

Welche Veränderungen bzw. Erfolge zeigen sich in den Projekten?

In Uganda zum Beispiel hat Caritas Schweiz gemeinsam mit einer lokalen Partnerorganisation das soziale Unternehmen Roots of the Nile gegründet und eine Wertschöpfungskette für Moringa aufgebaut. Im Einklang mit sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit produzieren und verarbeiten Einwohnerinnen und Einwohner des abgelegenen Dorfes Awach Moringa. Damit entstehen Arbeitsstellen und die Lebensbedingungen und Ernährungssicherheit der örtlichen Bevölkerung verbessern sich. Projekte im Bereich Klima, Landwirtschaft und Ernährung leisten auf mehreren Ebenen einen wertvollen Beitrag: Sie fördern die Eigenständigkeit von Landwirtinnen und Landwirten und sorgen für verbesserte Ernährungssicherheit und höhere Einkommen. Sie unterstützen stabile kleinbäuerliche Strukturen und machen die Landwirtschaft und Ernährung krisenfester und widerstandsfähiger. Schliesslich leisten unsere Projekte einen Beitrag an die weltweiten Bemühungen in der Verminderung von Treibhausgasen und im Klimaschutz.

 

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  • Ernährung gerechter und klimaverträglich gestalten
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    «Das gegenwärtige Agrar- und Ernährungsmodell ist nicht nur ausser Stande, alle Menschen ausreichend und gesund zu ernähren. Es verursacht auch immense Umwelt- und Klimaschäden.» (September 2021) Download