„Erhöhtes Einkommen und Bewältigung der Klimakrise müssen kein Widerspruch sein“

 

Diesen Sommer besuchte Franziska Koller, Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei Caritas Schweiz, das Caritas-Projekt am Wegnia-See in Mali. Wir sprachen mit ihr über ihre Eindrücke und Begegnungen.

 

Wie müssen wir uns die Region und das Leben vor Ort vorstellen?

Die Menschen sind sehr arm. Mali rangiert am Schluss des Index der menschlichen Entwicklung, welcher den Wohlstand und die Entwicklung eines Landes misst. Die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als 1.75 Franken pro Tag leben. Die meisten von ihnen sind selbstversorgende Kleinbäuerinnen und -bauern. Dies bringt grosse Herausforderungen mit sich, denn Westafrika wurde im Zug der Klimakrise in den letzten Jahren zunehmend von Dürren getroffen.

Der Wegnia-See liegt etwa 100 km nördlich von der Hauptstad Bamako. Der See und die Region gehören damit zum Sahelgürtel und sind geprägt von der Trockensavanne. Am Rand des Sees ist ein kleines Dorf. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner lebten früher vor allem vom Fischfang, mussten inzwischen aber mehrheitlich auf die Landwirtschaft umstellen. Neben dem traditionellen Regenfeldbau gibt es heute immer mehr Malierinnen, die am Rande des Sees Gemüse anbauen und damit ein kleines Einkommen erzielen.

Wie beeinflusst der Klimawandel die Menschen vor Ort? Wie waren die Auswirkungen des Klimawandels am Wegnia-See für Sie sichtbar?

Als ich am Wegnia-See stand, sah ich, was einem die Medien zur Klimakrise ständig aufzeigen: Die Klimakatastrophe führt zum Verlust an Biodiversität und sie gefährdet das Ökosystem massiv. Der Wegnia-See füllt sich jedes Jahr zur Regenzeit mit Wasser. Das Wasser schwindet im Laufe des Jahres bis zur nächsten Regenzeit. Seit einigen Jahren füllt sich der See allerdings immer weniger und trocknet zwischenzeitlich oft vollständig aus. Das war früher nicht der Fall. Die zunehmende Trockenheit ist einer der Gründe, warum der See heute immer kleiner wird – sodass die Fischer ihre Arbeit aufgeben mussten. Der Druck auf den verfügbaren Boden nimmt zudem zu, da dieser unter noch mehr Menschen aufgeteilt werden muss. Die Viehzüchterinnen und Viehzüchter sowie auch die Bäuerinnen und Bauern müssen heute mit längeren Trockenphasen auskommen als früher. Konkret bedeutet die Klimakrise für die Malier und Malierinnen, dass ihre Lebensgrundlage zerstört wird. Vieh verendet, die Ernten bleiben teilweise aus, Besitz geht verloren, Hunger wird zur reellen Bedrohung. Im Gegensatz zu uns in der Schweiz können die Menschen in Mali nicht einfach auf Erspartes oder eine Versicherung zurückgreifen. Der Klimawandel zerstört die kleinen Erfolge und Mehreinnahmen, welche sich die Menschen mit mühsamer Arbeit in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben.

Sie sprachen mit Betroffenen. Was erzählten sie über die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf ihr Leben?

Die Betroffenen am See legten uns die vorhin geschilderten Probleme dar. Recht rasch standen in der Diskussion allerdings die Lösungen im Vordergrund. Dank des gemeinsamen Projekts pflegen sie heute agroökologische Landwirtschaft und verstärken den Gemüseanbau. Bemerkenswert war für mich die Tatsache, dass sie die agroökologische Landwirtschaft* stark verinnerlicht haben. Sicher auch aufgrund der positiven Entwicklung ihres Einkommens. Dazu ein kleines Beispiel: Heute ist die Herstellung und der Einsatz von Kompost Teil ihrer Arbeit. Die Kleinbäuerinnen und -bauern sparen damit einerseits die Kosten für künstlichen Dünger, da sie den Kompost mit eigener Handarbeit herstellen können. Andererseits wird der Boden laut ihren Aussagen durch die natürlichen Methoden viel weniger schnell ausgelaugt und ist für längere Zeit fruchtbar, sodass sie mehr ernten können. Während die Nachhaltigkeit bei uns vielerorts immer noch ein akademisches Prinzip geblieben ist, erfuhren die Malier und Malierinnen sie selbst und verkörpern sie. Das beeindruckte mich sehr.

Was beeindruckte Sie am Projekt darüber hinaus besonders?

Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren, der nachhaltige Ansatz und das Miteinander in der Umsetzung fand ich sehr eindrücklich. Es ist ein gemeinsames Projekt, das von den Menschen vor Ort besonders stark getragen wird. Es ist ein Suchen und Ringen um nachhaltige Lösungen, bei der alle Akteure ihr jeweiliges Wissen einzubringen versuchen. Hinzu kommt die Tatsache, dass in diesem Projekt die Ziele rund um Ernährung, Einkommen und Bekämpfung der Klimakrise eng miteinander verlinkt werden. Erhöhtes Einkommen und Bewältigung der Klimakrise müssen kein Widerspruch sein, sondern sie lassen sich auf eine nachhaltige Perspektive hin vereinen.

Welche Erzählung oder persönliche Geschichte ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Mir ist weniger eine Geschichte als vielmehr eine Situation in Erinnerung geblieben. Wir führten mit den Menschen unter einem Baum auf einfachen Bänken eine Diskussion. Sie erzählten uns von ihren Herausforderungen, was sie für eine bessere Ernährungssituation und gegen die Klimakrise unternehmen. Dann erklärten sie uns auch, welche Bedeutung unser Projekt für sie hat, was sie besonders wertvoll finden, aber auch, was man daraus lernen und besser machen kann. Wie dies in solchen Situationen üblich ist, wurde nachher getanzt. Ihr Mut, ihre Offenheit, ihre Diskussionen und ihre Reflexion beeindruckten mich sehr. Das wird mir in Erinnerung bleiben.

 

*Bei der agroökologischen Landwirtschaft werden Nahrungsmittel auf Basis natürlicher Kreisläufe produziert, das System schont Ressourcen, ist unabhängiger von externen Faktoren wie Erdöl und Pestiziden und stabiler gegenüber ändernden Bedingungen und Extremereignissen – und damit nicht zuletzt ein Lösungsansatz gegen die Klimakrise.
 
 

Unser Klima-Projekt in Mali