«Inside Caritas» mit Aline Masé, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik

«Jetzt ist der Moment, um armutspolitisch Themen zu setzen.»

Aline Masé war «eigentlich schon immer» fasziniert von Politik. Heute ist sie als Leiterin Sozialpolitik bei der Caritas am armutspolitischen Puls der Schweiz. Was ihr Job mit dem einer Übersetzerin gemeinsam hat und warum er heute, über ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie, besonders spannend ist – das erzählt sie im Gespräch.

 

Du leitest die Fachstelle Sozialpolitik. Was heisst das, was machst du?

Ich arbeite an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Im Grunde genommen leiste ich Übersetzungsarbeit: Ich analysiere Fachpublikationen und ‹übersetze› sie in politische Botschaften und Lösungsvorschläge zur Bekämpfung von Armut in der Schweiz. Der Bereich Grundlagen, zu dem neben meiner Fachstelle noch die Migrations- sowie die Entwicklungspolitik gehören, schafft mit dieser Arbeit die Basis für das politische Engagement der Caritas. Einerseits reagieren wir auf brennende Themen, beziehen Stellung. Wir versuchen andererseits auch, proaktiv Themen zu setzen.

Mit der Corona-Pandemie öffnete sich plötzlich ein grosses, sich schnell veränderndes Feld solch brennender Themen im Bereich der Sozialpolitik…

Das zeitweise hohe Tempo der politischen Reaktionen war sehr herausfordernd. Ich war da besonders froh um die Junior-Stelle, die bei mir angesiedelt ist. Welche Bevölkerungsgruppen werden unterstützt, wo gibt es Lücken im System, für wen müssen wir uns einsetzen? Sebastian Aebi, der Junior, behielt stets den Überblick über die nationalen und kantonalen Unterstützungsmassnahmen – er wurde unser «Mr. Corona». 

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich lese sehr viel, Studien, Statistiken, Medienberichte. Der Leuchtstift ist mein ständiger Begleiter. Es gilt, das Wichtigste herauszufiltern, sich eine Meinung zu bilden und Argumente oder Positionen auf Papier zu bringen: Ich verfasse Positionspapiere und Stellungnahmen, beantworte Medienanfragen. Dabei bin ich immer im Austausch mit meinem Team, mit dem Direktor, dem Leiter Politik und Public Affairs, dem Kommunikationsteam, aber auch mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Projektarbeit. Denn sie kennen die Lebensrealitäten armutsbetroffener Menschen aus erster Hand. Der Austausch – auch über Mandate in Gremien, die ich innehabe, zum Beispiel bei der SKOS oder bei der Nationalen Plattform gegen Armut – ist ebenso ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Die übers Jahr gesammelten Beobachtungen und Analysen fliessen in den sozial- und wirtschaftspolitischen Jahresrückblick, den ich jeweils im Sommer für den Sozialalmanach der Caritas verfasse.

Was hat dich dazu bewegt, dich beruflich mit Sozialpolitik zu beschäftigen?

Mich hat Politik und alles, was damit zu tun hat, schon immer interessiert. Ich komme aus einer politisch aktiven, diskussionsfreudigen Familie. Ich glaube, ich habe noch nie eine Abstimmung verpasst. Vor allem Gerechtigkeitsfragen haben mich immer sehr bewegt. Diese Leidenschaft und der Wille, gesellschaftliche Entwicklungen genau zu verstehen, haben sicher dazu beigetragen, dass ich (Sozial-)Geschichte studiert habe.

Was schätzt du an deiner Arbeit am meisten?

Die Arbeit bei der Caritas macht sehr viel Sinn für mich. Denn ich bin davon überzeugt, dass ein modernes Hilfswerk nicht ausschliesslich ‹helfen› soll. Mein Anspruch ist, dass wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen ändern können zugunsten benachteiligter Menschen. Diese politische Einflussnahme ist bei der Caritas im Kernauftrag verankert. Das Beste aber ist, dass ich dabei Positionen vertrete, die meinen Werten entsprechen. Ich kann ganz konkret dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft in die Richtung bewegt, die ich mir vorstelle. Und der Ausblick von meinem Büro über die Stadt Luzern und den Vierwaldstättersee ist auch nicht zu verachten. (lacht)

Welches Erfolgserlebnis hat dich im letzten Jahr besonders positiv gestimmt?

Letzten Herbst hat die Caritas mit der Berner Fachhochschule ein Modell für ein kantonales Armutsmonitoring entwickelt. Die SonntagsZeitung hat prominent darüber berichtet. Auch wenn natürlich auch etwas Glück dazugehörte: Es war mein persönliches Highlight, dass es uns gelang, ein führendes Schweizer Medium von der Relevanz dieses so wichtigen, aber doch eher technischen Themas zu überzeugen.

Dass das gerade im Corona-Jahr gelang, ist vielleicht kein Zufall: Mit der Corona-Krise ist die Armut in der Schweiz allgemein sichtbarer und medial präsenter geworden.

Absolut. Es ist eindrücklich zu sehen, wie sich das politische Klima gewandelt hat. Viele Themen, mit denen die Caritas vorher nicht durchkam, treffen nun auf offene Ohren. Dass Armut ein strukturelles Problem ist. Dass sie auch eine Folge von unguten Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ist, dass das Sozialversicherungssystem Lücken hat. Ein Beispiel dafür, dass sich politisch etwas tut, sind Familienergänzungsleistungen: Lange hatten sie keine Chance auf nationaler Ebene. Nun hat die zuständige Kommission des Nationalrates Anfang Juni eine parlamentarische Initiative gutgeheissen, die Familienergänzungsleistungen schweizweit einführen will. Die Schweiz hat nun gesehen: Es gibt Armut in unserem Land. Jetzt ist der Moment, um armutspolitisch Themen zu setzen! Dieses Momentum ist spannend, und es motiviert mich zusätzlich. Wir müssen es unbedingt nutzen.

 

  

 

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