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STEINE, WASSER UND GÄRTEN
Bewässerung und Ernährungssicherheit in Äthiopien
 

WASSER HAT IHR LEBEN VERÄNDERT

Dank des Assabol-Staudamms verfügen die Bauern über ausreichend Wasser, um ihre Felder und Gärten das ganze Jahr hindurch zu bewässern. Gab es früher nur eine Ernte im Jahr - oder gar keine, wenn nicht ausreichend Regen fiel -, so können die Bauern in der Region von Dawhan im Irob-Distrikt (Provinz Tigray im Nordosten von Äthiopien) heute bis zu drei Ernten im Jahr einbringen: Getreide, Früchte und Gemüse. Caritas hat das Bauwerk massgeblich finanziert. Jetzt arbeiten Caritas und ihre lokale Partnerorganisation daran, Bauernverbände aufzubauen, sie stellen hochwertiges Saatgut bereit und schulen die äthiopischen Landwirte in leistungsfähigen Anbaumethoden.

 

Karger und hügeliger könnte ein Gebiet kaum sein als der Bezirk Irob, der zwei Wegstunden östlich von Adigrat, der grössten Stadt in dieser Region, entfernt liegt. Die seit Jahrzehnten so heftig umkämpfte Grenze zu Eritrea liegt nur einen Steinwurf entfernt, zuletzt war es hier zwischen 1998 und 2000 zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen.

 
 

Es bedarf unendlicher Anstrengung der Bauern, um den kargen Boden der Region zu bewirtschaften. Und wie unglaublich viel Energie war und ist nötig für den Bau und Unterhalt der Strassen, für die Errichtung des Assabol-Staudamms, für das Verlegen von kilometerlangen Schläuchen und den Bau von kleineren Zwischendämmen, die die Ausdehnung der Anbaufläche entlang der Flüsse sowie das Anlegen von Hunderten von Gärten im Terrassenbau entlang der Hügel ermöglichen.

 
 
 

Arbeit mit der Bevölkerung

In Dawhan sind 208 Personen Mitglieder der Assabol Water Users Association (AWUA). Jedes Jahr zahlen die Begünstigten 187 Birrs für die Wassernutzung. Das entspricht 9 Schweizer Franken. Dank der mehrjährigen Unterstützung von Caritas können die rund 35 000 Einwohner des Bezirks Irob die Dürre überwinden.

Nach Fertigstellung des Staudammes teilte der Staat den lokalen Bauern kleine Landparzellen zu. Die Bauernfamilien machten die Erde durch Terrassenbau und mit Hilfe von nährstoffreicher Erde, die sie aus dem Flussbett gewannen, noch fruchtbarer. Im Flussbett sammeln sich regelmässig Sedimente an, die während der Regenzeit von den Hängen der Umgebung in den Fluss geschwemmt werden. Immer mehr Anbaufläche kann bewässert werden. Die Parzellen - regelrechte Gärten - werden von ihren Besitzern mit sehr viel Sorgfalt gehegt und gepflegt.

 
 

Vor der Bewässerung war nur eine Ernte im Jahr möglich, deren Ertrag wiederum entscheidend davon abhing, wieviel Regen die Regenzeit (Juni-August) brachte. Heute gibt es drei Ernten im Jahr mit sehr unterschiedlichen Erzeugnissen, unter anderem Mais, Kartoffeln, Kohl, Salat, Tomaten, Paprika, Orangen, Papaya, Guave, Mango und Bananen.

Zudem liefert das bewässerte Gartenland, das etwa 500 bis 1000 Quadratmeter umfasst, auch Futterpflanzen für die Tiere (Esel, Kühe, Ziegen, Schafe). Viele Bauern verkauften regelmässig ihre Tiere auf dem Markt.

 

TIBLES GEBRAY

Tibles Gebray ist 60 Jahre alt. Sie hat sechs Kinder, drei von ihnen wohnen noch im Elternhaus. 13 Enkel hat sie bereits. Vor 42 Jahren kam sie aus dem Nachbardorf Agreli Koma nach Dawhan um zu heiraten. Ihr Mann war auch Bauer. Seit 1993 ist Tibles Witwe.

 
 

60 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Äthiopien. Tibles ist hier also schon eine alte Frau, aber von unglaublicher Energie. Ihre Schwiegertochter hat gerade ein Kind zur Welt gebracht. Nun übernimmt Tibles die Feldarbeit und kümmert sich um die Tiere. Mindestens zweimal am Tag steigt sie den Hügel zu ihrem Garten hoch. Morgens, um die Erde umzugraben und den Tieren Futter zu bringen, am späten Nachmittag vor allem zum Giessen der Pflanzen.

 

Die Region während ihrer Jugend
«Alle Berge um uns herum waren bewaldet. Wir hatten viel Vieh, Kühe, Ziegen, die weiden konnten, wo immer sie wollten. Nahrung gab es im Überfluss. Aber zur Schule ging ich nicht, denn es gab keine. Und es gab auch keine Strassen, um in die grösseren Städte zu fahren.»

Wie war Dawhan damals?
«Als ich vor 43 Jahren heiratete, gab es nur wenige bewirtschaftete Parzellen und einige Felder. Mein Mann und ich arbeiteten sehr hart. Einige Produkte verkauften wir in Adigrat, der nächstgelegenen grösseren Stadt. Mit den Einnahmen wiederum war es uns möglich, andere Dinge zu erwerben, die wir brauchten. Aber da es keine Strasse gab, machte mein Mann die Reise zu Fuss mit unserem Esel, zwei Tage lief er hin und zwei Tage zurück. Später wurden die Dinge einfacher. Wenn man für die Regierung arbeitete, im Strassenbau oder beim Bau von öffentlichen Gebäuden, bekam man Nahrungsmittel. Heute ist die Reise einfacher. Mit dem Minibus kann man an einem Tag hin- und zurückfahren. Ausserdem gibt es Telefone.»

Ihre schönste Erinnerung
«Während meiner Jugend hatten wir fast so viel Milch und Butter, wie wir wollten. Und Honig.»

Ihre schlimmste Erinnerung
«In einem Jahr war die Dürre extrem. Wir hatten Hunger, die Tiere hatten nichts mehr zu essen. Monatelang mussten wir durch das Land ziehen und fast jeden Tag den Standort wechseln, damit die Tiere nicht verhungerten. Das war sehr hart.»

Und heute?
«Die Dürre kommt immer wieder. Aber das Wasser des Staudamms hat unser Leben verändert. Wir können mehrmals im Jahr eine Ernte einbringen. Wir haben genug zu Essen und meine Kinder finden ab und zu als Tagelöhner Arbeit. Und mit dem Telefon kann man sehr viel einfacher kommunizieren.»

 

SCHON BALD TRINKWASSER AUS DEM WASSERHAHN?

Der Staat baut eine Filterstation am Ufer des Wasserlaufs. Schon in zwei Jahren könnten die Einwohnerinnen und Einwohner von Dawhan Trinkwasser aus dem Wasserhahn haben. Das Wasser kommt vom nahe gelegenen Assabol-Staudamm.

 

SIE SIND STOLZ AUF DAS GELEISTETE

In Alitena, einem kleinen Dorf wenige Kilometer von Dawhan entfernt, leben Tsegay Fisuh und seine Frau Fiseha Berhe. Sie sind sehr stolz auf ihren Garten, den sie mit eigenen Händen gestaltet haben. Das Ergebnis ist wunderschön. Mann und Frau wechseln sich unermüdlich ab beim Umgraben der Erde und Schneiden der hohen Gräser, dem Futtermittel für ihre Ziegen und Schafe.

Die beiden haben vier Kinder. Tsegaye Fisuh war während des Kriegs gegen Eritrea, der 2000 zu Ende ging, Soldat in der äthiopischen Armee. Tsegaye scheut die Arbeit nicht. Wenn er nicht in seinem blühenden Garten arbeitet, beschäftigt er sich mit Mauern. Er baut wunderschöne Mauern. Der Mauerbau ist in seiner Region eine alte Handwerkskunst. Nicht nur die Mauern der Häuser und Terrassen sind beeindruckend, die Mauern aus behauenen Steinen, die die kurvige Strasse zwischen Alitena und Dawhan stützen, stehen ihnen in nichts nach.

Sowohl Tsegaye als auch Fiseha erlebten in ihrer Jugend - getrennt voneinander - die Emigration. Er im Jemen, sie in Saudi-Arabien. Tsegaye erzählt gerne, dass ihn die Anbaumethoden, die er im Jemen in Regionen mit noch kargerem Boden als in seinem Distrikt Irob kennenlernte, sehr inspirierten. So hat er sich gemerkt, dass die dortigen Bauern die nötige Erde für jede einzelne Pflanze genau abmassen, bevor sie sie auf die Felder brachten. «Wenn sie es bei sich machen, mache ich es bei mir», sagte sich Tsegaye, der seinen Garten hegt und pflegt wie ein Goldschmied seine Juwelen.

 
 
 
 

Hunger in Ostafrika