Lehrerinnen und Lehrer stossen an ihre Grenzen 

Unterrichten in Syrien - Mediendienst 03/2020

In Syrien fehlt es an ausgebildetem Lehrpersonal. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben keine Unterrichtserfahrung und sind von den speziellen Bedürfnissen der Kinder überfordert. Gemeinsam haben sie eines: Sie alle wurden vom Krieg aus dem normalen Leben gerissen. 

Das von Caritas Schweiz unterstützte Gemeinschaftszentrum liegt inmitten eines geschäftigen Viertels in Jaramana, einem überbevölkerten Vorort von Damaskus. Strassenverkäufer preisen lautstark ihr Gemüse an, streunende Hunde jagen nach Essbarem und vor der staatlich subventionierten Bäckerei warten Mütter in einer langen Schlange auf die Herausgabe frischen Fladenbrotes. Doch die Idylle täuscht – die meisten Menschen in Jaramana sind Vertriebene innerhalb Syriens. Sie haben hier vor Krieg und Gewalt Zuflucht gesucht und leben unter prekären Bedingungen. Die Situation im Bildungssektor ist dramatisch: aufgrund von Traumata, Vertreibung, finanzieller Not, mangelhafter Qualität des Schulunterrichts und vom Krieg zerstörter Schulhäuser schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef, dass eines von drei Kindern in Syrien nicht zur Schule geht. Viele weitere laufen Gefahr, die Schule vorzeitig abzubrechen. 

Das Zentrum «Kassab Hardini»* ist eine willkommene Bereicherung für die Nachbarschaft in Jaramana. Hier werden über 500 Kinder betreut, die nicht zur Schule gehen oder Schwierigkeiten haben, dem offiziellen Lehrplan zu folgen. Die Kinder werden auf das öffentliche Schulsystem vorbereitet und haben die Möglichkeit, den verpassten Schulstoff nachzuholen. Alle, die in das Zentrum kommen – Lehrpersonen wie Kinder – sind vom Krieg betroffen. 

Auf einmal Lehrerin

So zum Beispiel Farida. Sie hatte gerade ihr Englischstudium in Aleppo begonnen, als ihr Vater bei einem Bombenangriff getötet und die Familie zur Flucht nach Jaramana gezwungen wurde. Dort kam sie vor fünf Jahren zusammen mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Geschwistern an. Die kleine Zweizimmerwohnung, wo es häufig an Strom oder fliessendem Wasser fehlt, teilt die Familie mit ihrer Tante und deren Kindern. Durch eine Nachbarin erfuhr Farida vom Zentrum «Kassab Hardini» und dass man dort nach Lehrpersonen sucht. «Ich wollte einfach wieder eine Struktur im Leben. Einen Grund, morgens aufzustehen. Wir haben viel durchgemacht. Ich muss meinen Geist ablenken.» Wie die meisten der über dreissig Lehrerinnen und Lehrer von Kassab Hardini hatte Farida keine vorherige Erfahrung im Unterrichten. Aufgrund des Krieges fehlen in Syrien derzeit 140'000 ausgebildete Lehrpersonen. So begann Farida, grundlegende Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse zu unterrichten. 

«Das Leben ist voller Möglichkeiten, wenn man etwas lernt»

Obwohl Farida die niedrigste Stufe unterrichtet, sind die meisten Kinder älter, als es der Klasse und dem Unterrichtsinhalt entsprechen sollte. Ursachen dafür liegen im jahrelangen Ausnahmezustand in Syrien: einige Kinder konnten wegen Konflikt und Vertreibung jahrelang nicht zur Schule gehen. Andere besuchen zwar eine öffentliche Schule, teilen sich das Klassenzimmer jedoch mit bis zu achtzig anderen Kindern und haben noch nie einen Stift in der Hand gehalten. Wieder andere leiden aufgrund traumatischer Erlebnisse an Lernblockaden und benötigen Faridas ganz besondere Aufmerksamkeit.  

Farida bringt mehr als nur ihre pädagogischen Fähigkeiten in den Unterricht ein. Sie teilt eine gemeinsame Identität und eine Reihe ähnlicher Erfahrungen mit den Kindern: «Wenn die Kinder lachen, bin ich glücklich, aber ich weiss, dass mein Zustand genau derselbe ist wie der ihre. Ich lebe an einem fremden Ort, habe Familienangehörige verloren und das Geld reicht kaum, die Miete zu bezahlen. Das hilft mir, Verständnis für ihre Situation zu haben. Ich weiss, dass das Leben nicht immer schön ist. Aber ich weiss auch, dass wir unsere Situation ändern können, wenn wir studieren und arbeiten. Diese Kinder haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Sie können Anwalt oder Arzt werden, egal was. Sei produktiv. Das Leben ist voller Möglichkeiten, wenn man etwas lernt.»

Lehrpersonen in Krisensituationen brauchen zusätzliche Unterstützung 

Farida beschreibt, mit welch schwierigen Situationen sie tagtäglich konfrontiert ist. Die Kinder in ihrer Klasse haben unterschiedliche Lern- und psychosoziale Bedürfnisse. Einige sind aggressiv, andere brechen ohne Grund in Tränen aus oder sitzen teilnahmslos in der Gruppe. Wie die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen fühlt sie sich oft ungenügend darauf vorbereitet, den Kindern zu helfen, ihre Lernschwierigkeiten zu überwinden und den verpassten Lernstoff nachzuholen. «Manchmal habe ich einfach keine Werkzeuge und weiss nicht, wie ich ihnen helfen kann. Also versuche ich einfach, ein sehr gesundes Umfeld im Klassenzimmer zu fördern, und das kann ich tun. »

Farida und ihre Kolleginnen und Kollegen im Zentrum «Kassab Hardini» leisten eine bemerkenswerte Arbeit. Dennoch benötigen sie zusätzliche Unterstützung, um den besonderen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Sie wünschen sich mehr Weiterbildungsmöglichkeiten, die auf ihre spezielle Situation angepasst sind. Um Farida und ihre Kollegen in ihrer täglichen Arbeit zu stärken und den Kindern ein bestmögliches Lernumfeld zu ermöglichen, hat Caritas Schweiz gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation ein eigenes Weiterbildungsprogramm entwickelt und umgesetzt. Dank finanzieller Unterstützung der Generaldirektion Europäischer Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (GD ECHO) ermöglicht Caritas Schweiz Bildungs- und Betreuungsangebote in zwei weiteren Gemeinschaftszentren in Syrien mit insgesamt 2600 Kindern und über 100 Lehrpersonen. 

Bild: Hasan Belal

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