Die Herzen der Kinder in Syrien erreichen und ihnen eine Zukunft bieten

Reem Bou Shaheen, Programmmitarbeiterin Syrienkrise bei Caritas Schweiz, reist von Beirut nach Syrien. Dort gibt die Bildungsexpertin einen Kurs für Lehrerinnen und Lehrer und zeigt ihnen, wie sie die oft traumatisierten Kinder gut unterstützen können. Wie es Reem ergangen ist und wie beeindruckt sie vom Engagement der Lehrerinnen und Lehrer war, erzählt sie in diesem Blogbeitrag.

Blog Syrien: Die Herzen der Kinder in Syrien erreichen und ihnen eine Zukunft bietenIch heisse Reem und komme aus dem Libanon. Am 26. Januar 2020 fand ich mich in einem Auto auf dem Weg nach Syrien wieder, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich schaute zum Autofenster hinaus und dachte über meine Entscheidung nach: Statt meinen Geburtstag mit Familie und Freunden in Beirut zu feiern, hatte ich beschlossen, in Syrien (mir war etwas bange davor, in das Land zu reisen!) einen Kurs für ehrenamtlich tätige Lehrerinnen und Lehrer zu geben, die besonders verletzliche Kinder beim Lernen und mit psychosozialer Hilfe unterstützen. 

Doch dann fiel es mir wieder ein: Am Tag, an dem ich meine pädagogische Ausbildung abschloss, versprach ich mir und allen, die meine Abschlussrede hörten, Kinder zu unterstützen, die auch im 21. Jahrhundert noch für ihr Recht auf gute Bildung und damit auf ein Leben in Würde kämpfen. 2019 beschloss ich, mein Wissen beim Bildungsprogramm einzubringen, das Caritas Schweiz als Reaktion auf die Krise in Syrien ausrichtet.

Unterrichten nach dem Krieg – ein schwieriges Unterfangen

Im Januar 2020 hatte ich Gelegenheit, im Rahmen des Projekts «Ensuring Quality Learning and Child Protection in Syria» (EQUALS) von Caritas Schweiz einen Kurs für Lehrpersonen zu leiten. Das Projekt wird von Caritas Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Jesuit Refugee Service (JRS) durchgeführt und bietet Lernmöglichkeiten in drei Sozialzentren in Syrien. Die in den Zentren tätigen Lehrpersonen erhalten massgeschneiderte Weiterbildungen, um die spezifischen Herausforderungen zu bewältigen, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Viele der Kinder, die sie unterrichten, mussten die Schule zwischenzeitlich abbrechen und haben grosse schulische Lücken. Die Kinder haben einen lange dauernden Konflikt erlebt und sind vom Krieg traumatisiert. Die Lehrpersonen waren selbst Kriegsopfer und wissen um die Bedeutung von Bildung für die Zukunft der Kinder.

Doch meine Perspektive änderte sich, als ich in den Zentren in Syrien ankam. Ich sah, wie die Lehrpersonen am frühen Morgen zusammen lachten, Kaffee tranken und sich Geschichten von Kindern erzählten, die nur ins Zentrum kamen, um ein warmes Mittagessen zu erhalten, der Kälte in ihrer provisorischen Unterkunft zu entfliehen oder das Gefühl der Sicherheit zu geniessen, das ihnen das Zusammensein mit anderen Kindern und den engagierten Lehrpersonen vermittelte. Mir wurde warm ums Herz beim Gedanken, Teil einer internationalen Organisation sein zu können, welche die Bildung von Kindern fördert und ihre Grundbedürfnisse sichert. 

Mit grossem Einsatz lernen die Lehrerinnen und Lehrer Neues

Blog Syrien: Die Herzen der Kinder in Syrien erreichen und ihnen eine Zukunft bietenNachdem ich mich vorgestellt und über einige pädagogische, soziale und physiologische Themen gesprochen hatte, war ich erstaunt, wie engagiert sich die Lehrerinnen und Lehrer beteiligten. Mit grossem Eifer wollten sie lernen, wie sie die Kinder bestmöglich unterstützen können. Im Kurs erhielten sie praktische Tipps, wie sie die Motivation der Kinder fördern, partizipative und spielerische Unterrichtsmethoden einsetzen und mit Kindern arbeiten können, die wegen ihrer Traumatisierung besondere Bedürfnisse haben.

Mit praktischen Übungen und Rollenspielen konnten die Lehrpersonen das Gelernte gleich umsetzen. Ihr Enthusiasmus, zu lernen und sich zu verbessern, war nicht zu übersehen.
Mir kam der Gedanke, dass die im Rahmen des Projekts betreuten Kinder grosses Glück haben, an den Bildungs- und Freizeitaktivitäten teilnehmen zu können, die von diesen grossartigen jungen Leuten geleitet werden. 

«Wir kämpfen dafür, dass diese Kinder eine Zukunft haben»

Diese Erfahrung machte mir bewusst, dass es trotz der von diesen syrischen Kindern durchlittenen Erlebnisse möglich ist, etwas zu bewirken, und dass wir ihnen helfen können, wieder an sich und ihre Träume zu glauben. Die Lehrpersonen haben mich sehr berührt und mich in meinem Vorhaben bestärkt. Der Krieg konnte ihren Willen, vulnerablen Kindern Sicherheit und Bildung zu bieten, nicht zerstören. Trotz der tragischen Umstände haben sie es geschafft, nicht nur zu überleben: Sie sind so stark, dass sie alles geben, um das Leben kriegsbetroffener Kinder wieder aufzubauen. Sie sind als vertrauenswürdige Erwachsene für die Kinder da und setzen sich dafür ein, dass sie lernen und sich weiterentwickeln.

Ich fragte die Lehrpersonen, was sie motiviert, trotz aller Herausforderungen jeden Tag ins Zentrum zu kommen. Sie gaben mir alle eine ähnliche Antwort: «Wenn ich morgens die Augen öffne, denke ich daran, welches Privileg ich den Kindern vorenthalte, wenn ich nicht ins Zentrum komme. Das lässt mich all meinen Schmerz vergessen und treibt mich an, meine Aufgabe zu erfüllen. Wir kämpfen dafür, dass diese Kinder durchkommen. Doch wir tun wir es mit einem Lächeln. Wenigstens haben wir und die Kinder ein Zuhause.»

Aus Kursteilnehmenden werden Freunde

Der Kurs war für mich eine besondere Erfahrung. Seit jenem Tag hoffe ich, dass das Projekt diese künftigen Führungspersönlichkeiten weiter unterstützt. Sie sind es, welche die Gemeinschaften wieder aufbauen und stärken, indem sie sich um die Kinder kümmern. Heute sind die Lehrerinnen und Lehrer meine Freunde, und mein Herz schlägt für die Kinder. Und meinen Geburtstag habe ich dieses Jahr zweimal gefeiert, in Beirut, aber auch mit diesen wundervollen syrischen Lehrpersonen, die mich mit einer ganz besonderen und unvergesslichen Geburtstagsfeier in Syrien überraschten! 


Bild oben links: Reem bei der Kurseinführung im Zentrum in Jaramana, einem Vorort von Damaskus.
Bild oben rechts: Die Lehrpersonen bei einer Gruppenarbeit zu Ideen für ihre tägliche Arbeit mit den Kindern.
Bild oben: Die Lehrpersonen und Reem im Zentrum in Kafroun (Tartous) am letzten Kurstag.

Text und Bilder: Reem Bou Shaheen, Programmmitarbeiterin Syrienkrise, Schwerpunkt Bildung, Caritas Schweiz

 
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