Basis für eine wirksame Armutsbekämpfung

Caritas und die Berner Fachhochschule: ein Modell für ein Kantonales Armutsmonitoring - Mediendienst 12/2020

Die Corona-Krise hat bewusst gemacht, dass Armut auch in der reichen Schweiz weit verbreitet ist. Über die konkreten Armutssituationen in den Kantonen ist viel zu wenig bekannt. Deshalb haben Caritas und die Berner Fachhochschule ein Modell für ein kantonales Armutsmonitoring erarbeitet. Es kann als Grundlage dienen, um den Auftrag des Parlaments an den Bundesrat erfüllen zu können: ein schweizweites regelmässiges Armutsmonitoring zu erstellen.

Die Corona-Krise brachte zutage, dass prekäre Lebensverhältnisse in der Schweiz kein Randphänomen sind. Neben den rund 660 000 Menschen, die gemäss Bundesamt für Statistik 2018 armutsbetroffen waren, lebten zusätzlich eine halbe Million Menschen knapp oberhalb der Armutsgrenze. Insgesamt befanden sich bereits vor der Corona-Krise über eine Million Menschen in sehr schwierigen finanziellen Verhältnissen. 

Das Bewusstsein, dass es auch in der reichen Schweiz Armut gibt, hat infolge der Corona-Krise zugenommen. Allerdings wissen wir immer noch viel zu wenig über die konkreten Armutssituationen in der Schweiz. Wir können nicht genau bestimmen, wer besonders von Armut betroffen ist und welche Wirkung einzelne sozialpolitische Instrumente wie beispielsweise Bedarfsleistungen (Ergänzungsleistungen, Sozialhilfe, usw.) haben. Dazu fehlen uns schlicht die Grundlagen, das heisst Kennzahlen und regelmässige Analysen. Diese sind aber Voraussetzung für eine faktenbasierte Diskussion. Nur wenn wir genaue Aussagen über Armut und ihre Ursachen, über Risikogruppen und die Entwicklung von Armut machen können, ist es möglich, das Problem an seiner Wurzel anzupacken.

Die eidgenössischen Räte haben den Handlungsbedarf erkannt. Sie haben den Bundesrat im Juni 2020 beauftragt, ein regelmässiges Monitoring der Armutssituation in der Schweiz einzurichten. Das schweizweite Armutsmonitoring soll Bund, Kantonen und Gemeinden wichtige Erkenntnisse für die Prävention und Bekämpfung von Armut liefern und auf einer vergleichenden Analyse der Situation in den Kantonen aufbauen.

Dass ein nationales Armutsmonitoring namentlich auf Informationen aus den Kantonen aufbauen soll, ist folgerichtig: Die Armutspolitik liegt im Wesentlichen in der Kompetenz der Kantone. Entsprechend gibt es zwischen den Kantonen deutliche Unterschiede bei der Ausgestaltung der sozialstaatlichen Instrumente und den verfügbaren Sozialleistungen im Bereich der Existenzsicherung. Eine Analyse zur Armut in der Schweiz, die wie bis anhin ausschliesslich auf die nationale Ebene fokussiert, greift deshalb zu kurz. Nur mit einem regelmässigen Monitoring auf kantonaler Ebene können relevante Entwicklungen beobachtet und die Wirksamkeit von unterschiedlichen Massnahmen zur Armutsbekämpfung beurteilt werden.

Nur die Hälfte der Kantone hat Armutsberichte

Bisherige Analysen und Darstellungen in den Kantonen bilden Armut nur unvollständig und völlig unterschiedlich ab. In den vergangenen zehn Jahren haben nur gerade 12 Kantone einen Armutsbericht erstellt. Ein weiterer Kanton publiziert eine detaillierte Sozialhilfestatistik. Die Qualität dieser Berichte variiert jedoch stark. Die verwendeten Indikatoren beruhen auf unterschiedlichen Definitionen und stützen sich auf unterschiedliche Daten ab. Deshalb sind die Analysen zwischen den Kantonen nicht oder nur sehr beschränkt vergleichbar. Einige stützen sich in ihrer Berichterstattung auf die jährlich verfügbaren Sozialhilfedaten, andere haben einmalig umfangreiche Studien verfasst, die Armut in einem breiten Verständnis berücksichtigen. In vielen Kantonen sind Armutsberichte derzeit kein Thema.

Die Vergleichbarkeit der Armutsberichte, sprich der erhobenen Daten in den Kantonen, ist grundlegend, wenn ein gesamtschweizerisches Bild der Armutssituation entstehen soll. Nur mit einheitlich erhobenen, vergleichbaren Daten ist es möglich, Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut zu erkennen und die Wirkung von politischen Instrumenten zu messen. In diesem Sinne ist ein nationales Armutsmonitoring nur dann ein wirklicher Fortschritt gegenüber den heute publizierten Statistiken auf Bundesebene, wenn auf der kantonalen Ebene bessere und vor allem vergleichbare Analysen vorliegen. Oder anders gesagt: Kantonale Armutsmonitorings, die auf denselben Indikatoren aufbauen und vergleichbar sind, sind die wichtigste Grundlage für ein nationales Armutsmonitoring.

Ein Modell für die Kantone – einfach umsetzbar und vergleichbar

Die Caritas will einen konstruktiven Beitrag leisten, um in der Bekämpfung der Armut einen Schritt weiter zu kommen. Deshalb haben die Caritas und Forschende der Berner Fachhochschule ein Modell eines Armutsmonitorings entwickelt, mit dem die Kantone ihre Armutssituation und -entwicklung regelmässig auf einer vergleichbaren Grundlage beobachten können. Das Modell baut auf verfügbaren Daten auf und kann von allen Kantonen ohne viel Aufwand umgesetzt werden. Das vorgeschlagene Modell für ein kantonales Armutsmonitoring ist auch eine wichtige Grundlage für ein Armutsmonitoring auf nationaler Ebene, wie es das Bundesparlament verlangt. Es baut auf zuverlässigen Daten auf und liefert ein detailliertes Bild der Armutssituation in den Kantonen. 

Um Armut wirksam zu bekämpfen braucht es Wissen zur Armutssituation

Um Armut gezielter angehen zu können, fordert die Caritas, dass alle Kantone ein Armutsmonitoring mit den grundlegenden Basisindikatoren erstellen, um die Armutssituation und -entwicklung in ihrem Kanton umfassend und regelmässig untersuchen zu können. Das ist die Grundlage einer faktenbasierten und guten Armutspolitik. Die vergleichbar gestalteten kantonalen Armutsmonitorings können so auch zu einem Armutsmonitoring auf Bundesebene beitragen. Nur so ist ein Abbild der Armutssituation in der Schweiz und eine gesamtschweizerische, zielgerichtete Armutspolitik möglich.
 

Unsere Position: Wirksame Armutspolitik braucht solide Grundlagen

Unsere Aktion: Die Corona-Krise verschärft die Armut

 
Ersatzinhalt-Startseite-Standard-DE
 
 

Caritas Schweiz
Adligenswilerstrasse 15
Postfach
CH-6002 Luzern

 

PC 60-7000-4
IBAN CH69 0900 0000 6000 7000 4
Spenden können bei den Steuern in Abzug gebracht werden.

 

Spenden­beratung

Nehmen Sie mit uns Kontakt auf. Wir beraten Sie gerne persönlich. 

MEHR