Vermitteln zwischen zwei Welten

Dolmetschende übernehmen neu auch die Aufgabe von Integrations-Coaches - Mediendienst 10/2019

Interkulturelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher werden eingesetzt, um die Kommunikation zwischen fremdsprachigen Menschen und Fachpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich, den Schulen und der Justiz zu gewährleisten. Seit über 25 Jahren organisiert «se comprendre», der Dolmetschdienst von Caritas Schweiz, die Vermittlung von Dolmetschenden und fördert so die Zusammenarbeit zwischen Dolmetschenden und Fachpersonen, die zur Unterstützung der Migrantinnen und Migranten so wichtig ist. Seit kurzem stehen die Dolmetschenden den Geflüchteten auch als Coaches auf dem Weg der sozialen Integration zur Seite.

Blog: Vermitteln zwischen zwei WeltenEs sind ihre persönlichen Erfahrungen und ihr eigener kultureller Hintergrund, welche die Dolmetschenden befähigen, zwischen den Migrantinnen und Migranten und den Fachpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich, den Schulen und Ausbildungsstätten und der Justiz zu vermitteln. Die interkulturellen Dolmetscherinnen und Dolmetscher stellen sicher, dass sich beide Seiten richtig verstehen und ein Austausch stattfindet. Sie stehen dabei immer «zwischen zwei Welten» – eine anspruchsvolle Rolle. Seit kurzem stehen die Dolmetschenden den Geflüchteten auch als Coaches auf dem Weg der sozialen Integration zur Seite. 

Auch wenn viele Dolmetschende bereits vorher – oft unbewusst – Coachingaufgaben übernommen hatten, ermöglicht dieses neue Mandat eine gezielte und aktive Unterstützung im Sozial- und Gesundheitsbereich, in Schule und Ausbildung und Justiz. Die Begleitung findet innerhalb der Regelstrukturen wie Sozialämtern, Schulen oder Spitälern statt, sie beinhaltet aber auch die Teilhabe an Strukturen, die sich gezielt an Migrantinnen und Migranten richten (zum Beispiel Informationen vermitteln zur Schule, zur Sozialhilfe, zur Wohnungsvermittlung etc.), sowie spezifische individuelle Betreuung.

Spezifische Ausbildung für Integrationsfragen 

Die Coaches werden mit dem Modul 6 des Qualifizierungssystems «Interpret» geschult. «Se comprendre» entwickelte dieses Modul in Zusammenarbeit mit dem von Jean-Claude Métraux gegründeten Lausanner Verband «Nous autres», der die Bedeutung der gesprochenen Sprache für die Integration von Migrantinnen und Migranten ins Zentrum stellt. Nach Abschluss ihrer Ausbildung besitzen die Dolmetschenden das nötige Rüstzeug, um Migrantinnen und Migranten während ihres Integrationsprozesses mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aufgabe der Coaches ist es, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen, sie über ihre Ressourcen zu informieren und Sensibilisierungsarbeit zu leisten: Welche kulturellen, sozialen und juristischen Besonderheiten kennzeichnen das Aufnahmeland? Wie funktioniert sein Schul- und Gesundheitssystem? Immer mit dem Ziel vor Augen, das Potenzial und die Integrationsfähigkeit der Migrantinnen und Migranten zu fördern. 

Sich als arbeitssuchend melden, eine IV-Rente oder eine ärztliche Untersuchung beantragen, die Wohnungssuche oder «einfach nur» seine Post in den Griff bekommen – bei solchen Vorgängen brauchen die Geflüchteten oft Unterstützung und Beratung. «Unser Coach kam mehrmals zu uns nach Hause, um uns die vielen, komplizierten Schreiben der Schule zu erläutern», sagt Tadese Negash aus Eritrea, Vater von fünf Kindern. «Beim Gespräch mit der für uns zuständigen Sozialarbeiterin hatte ich dann bereits verstanden, um was es geht und hatte so mehr Zeit, mit ihr über andere Dinge zu sprechen.» Auch die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter schätzen das Coaching der Dolmetschenden. Es bringe Zeitersparnis und ermögliche eine effizientere Betreuung, so ihre Meinung. 

Sensibilisiert für Diversität 

Auch der Dolmetscher und Coach ist freier in seiner Rolle: «Als Coach fühle ich mich wohler, wenn ich Tipps gebe und über Erfahrungen spreche, die ich während meines Integrationsprozesses gemacht habe. Das wiederum fördert die Beziehung zu den Personen, die ich betreue, und das Vertrauensverhältnis wird gestärkt», erzählt Dawit Yohannes, Dolmetscher und interkultureller Mediator für die Sprachen Amharisch und Tigrinya. 

Mit einer solchen Unterstützung können die Neuankömmlinge die Massnahmen, die sie während ihres Integrationsprozesses durchlaufen müssen, besser verstehen. Zudem erhalten sie noch Unterstützung bei deren Umsetzung. Hinzu kommt, dass auch die Fachpersonen sensibilisiert werden im Hinblick auf «Diversity», Diskriminierungsgefahr und das Risiko der Kulturation. Denn es ist nur allzu leicht zu sagen, «das ist kulturell bedingt» oder «bei denen ist das einfach so», wenn man die Situation des Gegenübers aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen und Unkenntnis der anderen kulturellen Gepflogenheiten nicht versteht. Wenn ihnen niemand zur Seite steht und Wertschätzung entgegenbringt, können die Menschen statt sich zu integrieren während ihres Integrationsparcours leicht die Orientierung verlieren, einfach weil sie nicht zu den gleichen Informationen Zugang haben wie Menschen, die die Landessprache sprechen. 

Sozusagen eine «massgeschneiderte» Betreuung, welche die zuständige Fachperson entlastet und den Integrationsprozess beschleunigt, ganz zu schweigen von den Sackgassen, die sich so in den meisten Fällen vermeiden lassen. Es gilt, die Dinge gemeinsam mit der begleiteten Person zu tun und nicht an deren Stelle. Die Integrationsförderung ist oberstes Ziel. Gerade die eigene Migrationserfahrung des Dolmetschenden kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten, sie ist vielleicht noch wichtiger als seine Sprachkenntnis. Und seine Handlungsfähigkeit stellt er ganz in den Dienst der begünstigten Person, die somit die Fäden der Integration selbst in die Hand nehmen kann.  

Bild: Markus Forte

www.secomprendre.ch (französisch)

Caritas-Engagement im Asyl- und Integrationsbereich 

 

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