Unfreiwillige Teilzeitarbeit als Armutsrisiko

Die Corona-Krise macht strukturelle Probleme sichtbar – zum Beispiel Unterbeschäftigung - Mediendienst 03/2020

Immer mehr Menschen in der Schweiz sind unterbeschäftigt, sie arbeiten unfreiwillig Teilzeit. Im Jahr 2019 traf dies auf 357 000 Personen oder 7,3% aller Erwerbstätigen zu. Besonders Frauen sind betroffen. Unterbeschäftigung ist einer der wichtigsten Gründe für Armut. Teilzeitarbeit ist oft nicht existenzsichernd und geht vielfach mit prekären Arbeitsverhältnissen einher. Die Corona-Krise trifft Unterbeschäftigte besonders hart.

Gemäss den Mitte Februar publizierten Zahlen des Bundesamtes für Statistik waren 2019 in der Schweiz 357 000 Personen oder 7,3% aller Erwerbstätigen unterbeschäftigt. Als Unterbeschäftigte gelten Teilzeiterwerbstätige, die mehr arbeiten möchten und die für eine Arbeit mit erhöhtem Pensum verfügbar wären. Während die Erwerbslosigkeit in den letzten zehn Jahren eher abgenommen hat – 2019 waren 216 000 Personen erwerbslos gemäss ILO, also ohne Arbeit und auf Stellensuche –, ist die Unterbeschäftigung ein zunehmendes Problem. Für die Betroffenen hat sie ernstzunehmende finanzielle Konsequenzen. Die Corona-Krise zeigt dies deutlich.  

Unfreiwillige Teilzeitarbeit betrifft vor allem Frauen

Unterbeschäftigung ist auch ein Gleichstellungsproblem. Sie betrifft Frauen viel häufiger als Männer. 2019 waren 73,6%, also fast drei Viertel der Unterbeschäftigten, Frauen. 4 von 10 unterbeschäftigten Frauen möchten gerne Vollzeit arbeiten, die übrigen 6 möchten ihr Teilzeitpensum erhöhen. Dass so viele Frauen von Unterbeschäftigung betroffen sind, hängt nicht zuletzt mit der fehlenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf zusammen. Das zeigt auch der Umstand, dass Mütter – sowohl alleinerziehende wie auch solche in Partnerschaft – häufig von Unterbeschäftigung betroffen sind. Viele Mütter reduzieren ihr Arbeitspensum stark oder geben ihre Erwerbstätigkeit ganz auf, wenn die Kinder klein sind. Später haben sie Mühe, im Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen. Sie finden eher Teilzeitstellen, die wenig Qualifikationen voraussetzen. Zudem sind Frauen generell übervertreten in Branchen, in denen es mehr Teilzeitstellen und atypische, prekäre Arbeitsverhältnisse gibt, so beispielsweise im Detailhandel und in der Reinigungsbranche. Viele Angestellte in diesen Branchen erhalten nun Kurzarbeitsentschädigung. Das heisst, sie erhalten nur 80% des ausfallenden Lohnes. Bei Kleineinkommen, die bereits unter normalen Umständen kaum zum Leben reichen, ist diese Einbusse existenzbedrohend.

Unterbeschäftigung ist einer der wichtigsten Gründe für Armut

Unterbeschäftigung ist einer der wichtigsten Gründe für Armut. Wer unfreiwillig Teilzeit arbeitet, erhält sehr häufig ein Einkommen, das nicht existenzsichernd ist. Zudem geht unfreiwillige Teilzeitarbeit oft mit prekären Arbeitsverhältnissen und tiefen Löhnen einher. Prekäre Arbeitsverhältnisse zeichnen sich beispielsweise durch Arbeit auf Abruf aus. Wer nur wenige Tage im Voraus weiss, wann der nächste Arbeitseinsatz erfolgt und wie viele Stunden dieser umfasst, kann sich nicht für eine weitere Beschäftigung verpflichten. Gleichzeitig wird kein Minimum an Arbeitsstunden zugesichert. Das führt zu einer unsicheren Einkommenssituation. Diese Personen, die selten auf finanzielle Reserven zurückgreifen können, befinden sich sofort in einer existenziellen Notsituation, wenn die vorgesehenen Arbeitsleistungen nicht erbracht werden können. Die Folgen der Unterbeschäftigung sind auch langfristig spürbar: Teilzeitarbeit über mehrere Jahre hat grosse negative Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Ein Teilzeitpensum führt häufig zu einer Minderung der AHV-Rente – ganz besonders dann, wenn der Lohn grundsätzlich tief ist. Häufig sind Betroffene aufgrund des Koordinationsabzugs von knapp 25 000 Franken in der zweiten Säule gar nicht oder kaum abgesichert.

Das Problem der Unterbeschäftigung wird unterschätzt

Wird in der Schweiz über die Entwicklung des Arbeitsmarktes gesprochen, dann geht es meist um die Arbeitslosigkeit. Dabei betrifft die Unterbeschäftigung viel mehr Personen und nimmt seit Jahren zu. Und sie wird weiter zunehmen. Denn die Digitalisierung begünstigt die Verlagerung hin zu atypischen Arbeitsverhältnissen. Befristete Arbeitsverträge, Arbeit auf Abruf und Schichtarbeit sind auf dem Vormarsch. Dabei zeigt sich gerade jetzt: In Krisensituationen sind Arbeitnehmende mit Kleineinkommen und solche in prekären Arbeitsverhältnissen die ersten, die in existenzielle Notlagen geraten.

Caritas ist besorgt über diese Entwicklung. Sie fordert von den Arbeitgebern ernsthafte Bemühungen, Arbeitsmodelle zur Verfügung zu stellen, die existenzsichernd sind. Es ist nicht vertretbar, dass Arbeitgeber das Risiko bei Schwankungen in der Nachfrage auf Mitarbeitende abwälzen, indem sie diese auf Stundenbasis beschäftigen. Auch die Politik muss das Problem der Unterbeschäftigung dringend ernst nehmen. In erster Linie muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert und der Zugang zu familienexterner Kinderbetreuung für alle gewährleistet werden. Für Armutsbetroffene müssen Betreuungsangebote kostenlos sein. Parallel dazu braucht es ein Weiterbildungsobligatorium, das auch Niedrigqualifizierten eine nachhaltige berufliche Integration garantiert. Etwa 800 000 Menschen in der Schweiz fehlt es an Grundkompetenzen. Diese Leute sind zuallererst von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen und durch einen Stellenabbau gefährdet.

(c) Maria Ruppen

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