Ringen um ein Leben in Würde

Sechs Monate nach der Explosion in Beirut - Mediendienst 01/2021

Seit den ersten Stunden nach der Explosion im Hafen von Beirut ist die Caritas im Einsatz für die Betroffenen im von mehreren Krisen gebeutelten Libanon. Ende 2020 lancierten wir mit der DEZA ein neues Projekt. Denn auch heute, sechs Monate nach der Katastrophe, sind gerade die ärmsten Bevölkerungsgruppen auf viel Unterstützung angewiesen. Es fehlt an Mitteln für Grundbedürfnisse, für Reparaturarbeiten, Zugang zur Gesundheitsversorgung und Bildung – und vor allem an Hoffnung, erzählt Sarah Omrane, Programm­mitarbeiterin von Caritas Schweiz in Beirut, im Gespräch.

Blog: Ringen um ein Leben in Würde«Uns Libanesinnen und Libanesen bleibt nichts anderes übrig, als vorwärts zu schauen und uns weiter zu engagieren für ein Land, in dem alle in Würde leben können», sagt Sarah Omrane, die seit 2018 humanitäre Caritas-Projekte im Libanon betreut. Doch sie macht sich keine Illusionen: Auch sechs Monate nach der Explosion vom 4. August 2020 im Hafen der libanesischen Hauptstadt bleibt das eine Herkulesaufgabe, die kaum zu bewältigen ist. Während viele ihre Häuser inzwischen selbst oder mit der Unterstützung von Nichtregierungs­organisationen zumindest teilweise reparieren und erste Läden wieder öffnen konnten, brauchen insbesondere bedürftige Bevölkerungsgruppen weiterhin viel Unterstützung. «In meinem Viertel zum Beispiel sind jetzt, mitten im Winter und während der Corona-Pandemie, immer noch viele Reparaturarbeiten offen. Den Familien fehlen die Mittel, um ihre Wohnungen rascher – oder überhaupt – wieder instand zu stellen.»

Hohe Armut und Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit

Schuld daran hat auch die schwere Finanzkrise, in der sich der Libanon seit über einem Jahr befindet. «Sie erschwert den Wiederaufbau- und Erholungsprozess massiv», sagt Omrane. Die Preise steigen weiterhin ins Unermessliche. «Es mangelt zudem an Fremdwährung, während Bauunternehmen und Lieferanten meist nur US-Dollar akzeptieren. Die Menschen sind so gezwungen, einen weiter überhöhten Preis in libanesischen Pfund zu zahlen.» Importierte Güter wie Baumaterialen sind ohnehin kaum erschwinglich.

Über die Hälfte der libanesischen Bevölkerung und 98% der Flüchtlinge im Libanon leben heute unterhalb der Armutsgrenze. «Wie sollen sich gerade arme und verletzbare Menschen in diesem Kontext und bei rasant steigender Arbeitslosigkeit von den Folgen der Explosion erholen? Viele sind zu sehr schwierigen Entscheidungen gezwungen, müssen zum Beispiel zwischen dem Kauf von Lebensmitteln oder der Investition in Reparaturarbeiten abwägen. Selbstverständlich werden dann Essen oder auch Medikamente höher gewichtet, selbst wenn die Familien damit ihre Sicherheit riskieren.»  

Auch auf die psychische Gesundheit hatte die Explosion verheerende Auswirkungen. «Mit wem ich auch spreche: So viele hatten bereits ihr Erspartes oder den Job verloren. Der zusätzliche Verlust von Gesundheit oder Obdach durch die Explosion ist da kaum mehr zu verkraften.» Heute sind psychische Probleme häufiger denn je, Angststörungen und Depressionen haben in allen Altersgruppen zugenommen. Die grosse Mehrheit der Betroffenen hat jedoch keinen Zugang zu entsprechender professioneller Hilfe. «Deshalb bleiben Bargeldhilfe und psychologische Unterstützung wichtige Pfeiler des Caritas-Programms für die Menschen in Beirut.»

Nicht alleine gelassen werden

Trotz Corona-Pandemie konnte die Caritas ihr Hilfsprogramm bisher relativ unverändert durchführen. «Nichtregierungs­organisationen, die sich für die Rehabilitation nach der Explosion engagieren, waren von den Lockdown-Massnahmen stets ausgenommen», sagt Omrane. Gerade die Bargeldhilfe kann gut ohne Direktkontakt abgewickelt werden. «Wir konnten so unter Berücksichtigung aller Schutzmassnahmen sicherstellen, dass die dringend benötigte Hilfe die Begünstigten planmässig erreichte.» Doch für die krisengebeutelte Bevölkerung ist die Pandemie – Mitte Januar erreichte die Anzahl Fälle im Libanon ein Rekord-Hoch, worauf erneut ein harter Lockdown ausgerufen wurde – ein weiterer Schlag, der ihre bereits aufgebrauchten Kräfte erneut auf die Probe stellt.

«Wirklich am dringendsten brauchen die Menschen jetzt eine Ruhephase und Unterstützung dabei, die sozio-ökonomische Krise in ihrem Land zu bewältigen», sagt deshalb auch Sarah Omrane. «Und das Gefühl, dabei nicht allein gelassen zu werden. Ich traf Begünstigte, die in Tränen ausbrachen, als wir sie besuchten und ihnen Hilfe zusagten – nicht nur aus Erleichterung über die Unterstützung selbst, sondern vor allem weil wir uns die Mühe gemacht hatten, zu ihnen zu kommen und sie auch Monate nach der Explosion nicht vergessen hatten.»

Neues Projekt im Bildungsbereich lanciert

Auch die Schulbildung – für die Zukunft eines jeden Landes und seiner Kinder so unerlässlich – ist durch die Folgen der Explosion bedroht. 160 öffentliche und private Schulen wurden beschädigt oder zerstört. Dadurch laufen 85'000 Schülerinnen und Schüler Gefahr, ein gesamtes Schuljahr zu verpassen. In enger Zusammenarbeit mit der DEZA, die dafür 1 Million CHF zur Verfügung stellt, wurde deshalb Ende 2020 ein Projekt gestartet für umfassende und lückenlose Bildung für Kinder in Beirut.

Während die DEZA Schulen wiederaufbaut, ermöglicht die Caritas mit ihren lokalen Partnerorganisationen den betroffenen Schülerinnen und Schülern Fernunterricht. Auch im Kontext der Corona-Pandemie kommt dem Fernunterricht eine zunehmende Bedeutung zu. Mit Hausaufgabenbetreuung, Lehrerfortbildung, psychosozialer Betreuung und Geldzahlungen an besonders betroffene und vulnerable Familien verbessern wir an diesen Schulen zudem den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung. Caritas Schweiz kann dabei auf ihre langjährige Erfahrung im Libanon im Bereich von Bildung in Krisenkontexten zurückgreifen.

Bild: Sarah Omrane in den Strassen von Beirut, erste Woche nach der Explosion. Bild: Frederic Wiesenbach/Caritas Schweiz

Caritas-Engagement: Hilfe nach der Explosion in Beirut

 

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