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Zeit der Klage, Zeit der Hoffnung

Eine einzige Minute genügte, um all die Jahre von Ramjandras Familienglück zu zerstören. Es war die Minute von 11.56 auf 11.57 Uhr Ortszeit in Nepal, am 25. April 2015. Die Minute, die Ramjandra nie vergessen wird. Die Minute, in der das seit 92 Jahren schwerste Erdbeben in Nepal das ganze Land erschütterte und schockte. Und es wird wiederum Jahre dauern, bis Ramjandra damit fertig werden wird.

Die Katastrophe brachte ihn um seine Frau und sein einziges Kind, um sein Haus und allen Besitz. Die Familie hielt sich in jener Minute gerade in ihrem Haus in Taple auf, ein Bergdorf im Landkreis Gorkha, rund 25 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Es war kurz vor Mittag und das Ehepaar Ramjandra und Surasathi wollte sich mit seiner dreijährigen Tochter gerade zum Essen zusammensetzen. Da spürte Ramjandra plötzlich den Boden unter sich vibrieren, sah die von der Decke herabhängende Glühbirne hin- und herpendeln und die Fenster leicht zittern. „Lauft“, schrie er noch, „raus aus dem Haus! So schnell ihr nur könnt!“ Er lief voraus in der Annahme, Surasathi und die Tochter würden ihm sofort folgen. Er war nur einige Sekunden schneller. Aber diese Sekunden entschieden über das Leben seiner Frau und Tochter. Sie wurden von den über sie herabstürzenden Trümmern erschlagen.

Sechs Tage nach dem tragischen Vorfall treffe ich Ramjandra in Taple. Das erste, was mir im Dorf auffällt, sind die vielen Zelte, in denen die Menschen – selbst jene, deren Häuser noch stehen – leben. „Wir haben Angst“ ist ein Satz, den ich in Nepal immer wieder höre, von fast jeder Person, mit der ich spreche. Die Menschen fürchten sich vor den Nachbeben, die seit dem 25. April jeden Tag wenigstens ein- oder zweimal zu spüren sind. Angst vor allem vor einem neuen grossen Beben. Ramjandra sagt dazu nichts. Er ist kaum in der Lage zu sprechen. Was ihm und seiner Familie widerfahren ist, wird mir von seinem Bruder Mekh erzählt. Und jedes Mal, wenn Ramjandra versucht, auch etwas dazu zu sagen, bricht er in Tränen aus. Es gibt Situationen, in denen ein Journalist aufhören muss, Fragen zu stellen. Das hier ist – zweifellos – solch ein Moment. Ich kann nur Mitgefühl zeigen und versuchen, wenigstens einen Funken Hoffnung in Ramjandras Leben zu bringen. Ich erzähle ihm, warum ich mit Anjan, dem Leiter der Katastrophenhilfe der Caritas Indiens, in Taple bin. Die Caritas Indien, unterstützt von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, engagiert sich stark in der Katastrophenhilfe in Nepal. Die Caritas, sage ich Ramjandra, ist da, um zu sehen, was die Menschen in den betroffenen Regionen am meisten benötigen und sie damit zu versorgen. Ramjandra hat noch nie etwas von solchen Hilfsorganisationen gehört, geschweige denn hätte er je gedacht, dass er einmal in seinem Leben auf eine angewiesen wäre. Ich bemerke, wie sein Blick sich leicht verändert. Von einem Mann, der gerade seine Familie und seinen kompletten Besitz verloren hat, kann man kein Lächeln erwarten. Aber ein kleines Aufflackern von Hoffnung glaube ich in Ramjandras Augen zu erkennen, als Anjan und ich ihm näher erklären, was die Caritas ist und tut. Die Caritas, erzählen wir ihm, baut nach grossen Katastrophen wie jetzt der in Nepal Häuser wieder auf für die, die ihres verloren haben. Die Caritas hilft jenen, die durch das Erdbeben in wirtschaftliche Not geraten sind, wieder zu neuen Perspektiven und verbessert deren Lebensbedingungen. Die Caritas hilft den Traumatisierten psychosozial. Vielleicht, hoffen wir, sieht Ramjandra seine Lage, so tragisch diese auch ist, nicht als völlig hoffnungslos und verzweifelt.

Natürlich steht fest: Keine Hilfe kann den Verlust eines geliebten Menschen ersetzen. Aber sie bewirkt, dass das Leben weitergeht und die Zeit, nach und nach, die Wunden heilen kann. Ramjandra hat genau zugehört und stammelt nur ein leises „Danke“. Mehr kann er jetzt nicht mehr sagen.

Wir verstehen. Es gibt eine Zeit der Klage. Es gibt eine Zeit der Hoffnung. Für Ramjandra herrscht jetzt noch die Zeit der Klage. Wenige Meter von ihm entfernt zelebriert sein Schwiegervater auf der Wiese das „Kriya“ – ein Hindu-Ritual, mit dem man verstorbener Angehöriger gedenkt und sie ehrt. 13 Tage lang noch wird Surasathis Vater seinen Kopf täglich kahlscheren und auf dem Erdboden Wasser, Reis und andere Nahrung zubereiten – als symbolische Nahrung für die Seelen der Verstorbenen, sie von ihrer Vergangenheit zu befreien und ihnen Kraft für eine neue Inkarnation zu geben. Kraft für ein neues Leben - das ist auch das, was die Caritas Ramjandra und allen anderen vom Erdbeben so schwer Betroffenen geben will.

Text: Stefan Tepla, Caritas Deutschland
Foto: Caritas Schweiz

 

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