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Wo bleiben Solidarität und Empathie?

Gemeinsam mit ihrem Mann lebte Barbara* mehrmals unter dem Existenzminimum. Zum grossen Teil sei die Gesellschaft daran schuld, die sich, klischeebehaftet, gegenüber Ausländern und arbeitenden Müttern wenig solidarisch zeige. Darum wünscht sich Barbara, auch für ihre Tochter, eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt.

«Ich wurde schwanger, kurz nachdem mein Mann in die Schweiz kam. Ich hatte ihn im Ausland kennen gelernt, und die erste Zeit war geprägt von viel Papierkram damit er überhaupt einreisen durfte. Nach dem ersten Schock über die ungeplante Schwangerschaft, haben wir uns aber sehr auf unser Kind gefreut. Langfristig wollten wir ja eine Familie gründen. Doch das Ganze wurde immer überschattet von der schwierigen Situation in der wir steckten: Ich war mit meinem Job für das Einkommen verantwortlich, mein Mann versuchte, in den Arbeitsmarkt zu kommen und etwas dazu zu verdienen. Es hat ihn sehr belastet, dass man Ausländern gegenüber so misstrauisch ist und ihm keinen «anständigen» Job bot, schon gar nicht einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Er wollte seine Chancen erhöhen, indem er sein Pensum auf 200 Prozent anhob. Ihn so in die Betreuung unserer Tochter Elisa* mit einzuplanen, war damit nicht möglich. Zwei Mal standen wir kurz davor, uns beim Sozialamt anzumelden. In letzter Minute fand mein Mann jeweils wieder eine Temporäranstellung. Zu unserer grossen Erleichterung!

Das negative Bild, dass in dieser Gesellschaft vorherrscht über Sozialhilfebezüger, war tief in mir eingebrannt und übertrug sich auch auf meinen Mann. Ist man mit einem ausländischen Partner auf Unterstützung angewiesen, ist man quasi auf der tiefsten Stufe der verachtenswerten «Profiteure» der Gesellschaft angekommen. Also haben wir versucht, dies um jeden Preis zu verhindern. Das eine hat zum anderen geführt: Die Belastung durch Arbeit, Kind, Integration meines Mannes und die ständige Sorge, ob Ende Monat alle Rechnungen bezahlt werden können, ob man sich Schwangerschafts- oder Winterkleidung leisten kann, hat über kurz oder lang zur permanenten Überlastung geführt. So habe ich mich mehrere Jahre irgendwie durchgeschlagen. Dass dabei die Beziehung zu kurz kam, ist nur die traurige Spitze des Eisberges, was letztendlich auch zur Trennung vor einigen Wochen führte.

Ich habe immer gearbeitet, über lange Strecken unterhalb des «Existenzminimums» gelebt. Ein Begriff, der für mich blanker Hohn bedeutet, denn demnach hätten wir ja gar nicht existieren dürfen. Genauso tönte es auch, als ich einmal einen Anruf vom Steueramt bekam: Ob ich vergessen hätte, etwas anzugeben bei der Steuererklärung? Gemäss ihren Budgetberechnungen hätten wir mindestens 10 000 Franken mehr zum Leben gebraucht für einen 3-Personen-Haushalt.

Für mich war immer klar, dass ich trotz der Mutterschaft arbeiten würde. Wir hatten Glück und eine wunderbare Kita in der Nähe, in der wir einen Platz mit einkommensabhängigem Tarif bekamen. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass der Mutterschaftsurlaub länger als 14 Wochen dauert. Zwei Wochen meiner Ferien habe ich noch angehängt. Unbezahlte Ferien konnte ich mir nicht leisten und hätten mich vermutlich auch den Job gekostet. Von Vaterschaftsurlaub sprechen wir gar nicht, dieser Begriff ist in der Schweiz noch nicht angekommen. Ich habe mich von Anfang an dafür entschieden, die finanzielle Einbusse in Kauf zu nehmen und nur so viel zu arbeiten, wie für mich und meine Tochter erträglich war.

Das Verständnis meines Umfeldes zu dieser Entscheidung war ziemlich bescheiden. Manche Menschen erwarteten von mir, dass ich mit meiner Ausbildung mehr arbeite, vor allem potenzielle Arbeitgeber, die selten bereit sind, ein Arbeitspensum unter 80 Prozent zu akzeptieren. Aber auch mein Mann gehörte dazu, der sich durch ein höhres Pensum von mir weniger Druck für sich erhoffte. Allerdings war er nicht bereit, selbst in Teilzeit zu arbeiten um Elisa mitzubetreuen. Die andere Hälfte der Leute fand es schlimm, dass ich mein Kind in einer Kita «abgebe» und degradierte mich zur berufstätigen Rabenmutter. Man fühlt sich nicht gut, zwischen diesen beiden Vorurteilen.

Als ich dann später auf Arbeitssuche war, wurde ich vom RAV als erstes auf Herz und Nieren geprüft, ob ich als Mutter denn auch wirklich vermittelbar sei. Drei Monate Altkleider sortieren mit der Begründung, dass man prüfen müsse, ob Elisa wirklich soviel betreut werden kann, wie ich arbeiten möchte. Ein Anruf in der Kita hätte meines Erachtens gereicht. Es half alles nichts, ich musste die ganzen drei Monate in diesem Beschäftigungsprogramm arbeiten, um nicht finanzielle Einbussen durch Sanktionen zu riskieren.

Etwas Ruhe und Entspannung hätten mir damals sicher gut getan, wären sogar dringend nötig gewesen. Unnötig zu erwähnen, dass mein Mann während der Arbeitslosigkeit nie befragt oder überprüft wurde, wie es um seine Vermittelbarkeit durch unsere Tochter steht.

Ich habe dann auf eigene Initiative ein qualifiziertes Eingliederungsprojekt (ich habe einen Hochschulabschluss) gefunden, beim RAV vorgeschlagen und bin so zu meiner heutigen Arbeitsstelle gekommen.

Ich bin dankbar für mein Arbeitsumfeld. Es ist nie ein Problem, wenn meine Tochter krank ist und ich habe sehr flexible Arbeitszeiten.

Ich würde rückblickend einiges anders machen. Doch ich habe eine wunderbare Tochter, die mir zeigt, dass das meiste, was ich getan habe, richtig war. Für ihre Zukunft wünsche ich mir, dass die Gesellschaft Fortschritte macht, die man fühlt und nicht messen kann. Das Gefühl, geradeheraus jedem sagen zu können, dass man noch vom Staat unterstützt wird. Das Gefühl, nicht mit Sozialschmarotzern in einen Topf geworfen zu werden. Das Gefühl einer Gemeinschaft in sich tragen zu dürfen, in der man sich gegenseitig stützt. Das vermisse ich heute sehr oft.»

Barbara, 32 Jahre, aus dem Kanton Bern (*Namen von der Redaktion geändert)

Text: Caritas Schweiz
Foto: Symbolfoto (das Bild zeigt nicht die Schreiberin des Textes). Bild: Natasha Chub-Afanasyeva

 

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