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Was geht uns der Kinofilm «Lion» an?

Prävention von Menschenhandel: Die Arbeit von Caritas Schweiz in Indien - Mediendienst 4/2017

 

Ein Film über einen kleinen Jungen, der dem Strassenleben Kalkuttas entkommt, liefert ausser Gefühlskino auch Einblick in den von Armut und Gewalt geprägten Alltag vieler Menschen in Indien. Caritas Schweiz weiss Ähnliches zu berichten.

Die märchenhaft anmutende, auf wahren Begebenheiten beruhende Odyssee eines kleinen Jungen aus Indien, der von den Strassen Kalkuttas zu liebevollen Adoptiveltern in Australien und wieder zurück zu seiner Mutter in ein abgelegenes Dorf in Indien findet, füllt gegenwärtig die Kinos. Was kann der Film uns vermitteln? Eine Ahnung von der ausgeprägten Armut in vielen Teilen Indiens, von dem Ausgeliefertsein unzähliger Kinder, die sich auf der Strasse durchschlagen müssen, und von den Machenschaften, die hinter all dem stehen mögen. Aber auch einen Eindruck von Liebe, Mut, Glück und Ausdauer.

Vom Kino zur Wirklichkeit

Der Film inszeniert erfolgreich die Geschichte von Saroo, der seinen älteren Bruder auf der steten Suche nach einem kleinen Verdienst im abgelegenen Indien begleitet, sich plötzlich in der Grossstadt Kalkuttas wiederfindet und mit sicherem Instinkt den Fängen von Menschenhändlern zu entkommen weiss. Er durchlebt eine herzlose Zeit in einem Kinderheim, von wo aus er schliesslich ein liebevolles Zuhause durch Adoptiveltern in Australien findet. Als Erwachsener überkommen ihn die Erinnerungen und mit unermüdlichem Eifer und einer Portion Glück findet er zurück zu seinem Heimatdorf und in die Arme seiner leiblichen Mutter. Stoff für einen eindrücklichen Kinoabend; beunruhigend durch die biographischen Bezüge. Am Schluss des Films wird darauf hingewiesen, dass in Indien jährlich über 80'000 Kinder verschwinden.

In der Tat leben in Indien fast 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Franken pro Tag und 35 Prozent mit weniger als 90 Rappen pro Tag. Und dies obwohl Indien zu den grossen Wirtschaftsräumen der Welt gehört. Eindrückliche 326 Millionen Menschen leben als interne Migrantinnen und Migranten in Indien, unterwegs auf der Suche nach Einkommen und sicheren Lebensbedingungen. Die Zahl der von Ausbeutung und Menschenhandel Betroffenen geht ebenfalls in die Millionenhöhe, wobei es sich um eine Grauzone handelt, zu der es keine verlässlichen Zahlen gibt. Kinder gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen; sie werden für Sex gehandelt, zu Zwangsarbeit in Privathaushalten, auf Baustellen und in Fabriken gehalten oder in die organisierte Bettelei gezwungen.

Vom Film zur Praxis

Caritas Schweiz engagiert sich in Indien seit vielen Jahren in der Prävention von Menschenhandel. Mit unseren Projekten sind wir in den Ursprungsorten ebenso wie in den Zieldestinationen von Menschenhandel tätig. In Bihar, im Norden Indiens, arbeiten wir auf Dorfebene mit der Bevölkerung zusammen, um die Rechte von Kindern und die Mechanismen von Kinderhandel bekannt zu machen. Die Einschulung von Jungen und Mädchen wird gezielt gefördert und die Qualität des Unterrichts verbessert, arbeitende Kinder wieder eingeschult. Es werden Dorfkomitees gebildet, die zum Schutz von Kindern agieren und welche die lokalen Ordnungshüter in die Pflicht nehmen. Staatliche Institutionen werden darin gestärkt, für die Einhaltung der Grundrechte von Kindern zu sorgen, Missbrauch zu erkennen und Gesetze anzuwenden. In der Metropole Delhi wiederum initiierten und unterstützen wir eine Vereinigung von Haushaltsangestellten. Allein in Delhi arbeiten schätzungsweise 400'000 sogenannte «domestic workers». Begünstigt durch den kaum reglementierten «privaten Raum» ihres Arbeitsortes sind sie vielfach Ausbeutung, Übergriffen und Missbrauch ausgesetzt. Unsere Partnerorganisation vor Ort unterstützt sie mit rechtlichen und anwaltschaftlichen Mitteln, agiert zu ihrem Schutz und fördert ihre Vernetzung. Dank breiter Mobilisierung und Zusammenarbeit gleichgesinnter Organisationen gelang es bereits, Einfluss auf die indische Gesetzgebung zugunsten der Haushaltsangestellten zu nehmen.

Es bleibt viel zu tun. Ernstgemeinte Prävention von Menschenhandel steht unweigerlich vor sehr komplexen und undurchsichtigen gesellschaftlichen Situationen, kriminellen Machenschaften und schier unüberwindbaren Hindernissen. Caritas Schweiz verpflichtet sich dennoch bewusst dem Ziel, dem Menschenhandel einen Riegel zu schieben. Einen Weg sieht sie darin, die zahlreichen, aber oft isolierten Initiativen gegen den Menschenhandel unter sich zu vernetzen, die staatlichen Institutionen darin zu stärken, Recht anzuwenden, und eine starke Zivilgesellschaft zu fördern, die Ausbeutung und Zwangsarbeit ächtet. Dazu braucht es auf alle Fälle Ausdauer. Aber auch Mut, Liebe zum Detail und eine Portion Glück.

 

Bild: Pia Zanetti 

 

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