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«Vorübergehend wie Gäste behandelt»

In Griechenland hilft Caritas besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen: In Zusammenarbeit mit Caritas Hellas stellt sie während den Wintermonaten insgesamt 450 Betten für zwei bis drei Nächte in leer stehenden Hotels als Unterkünfte bereit. Romea Brügger ist derzeit in Griechenland, um die Nothilfe zu koordinieren. Sie gibt Auskunft über ihre Eindrücke.

Romea Brügger, wie sieht die Lage in Griechenland derzeit aus? Hat die Zahl der Flüchtlinge in Lesbos und Athen angesichts des Winters abgenommen? Davon ging man eigentlich aus, doch gerade auf Lesbos ist das Gegenteil eingetroffen. Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist in den letzten Tagen wieder auf 2500 Personen pro Tag gestiegen. Und auch in Athen befinden sich derzeit mehr Flüchtlinge, weil unzählige Personen von der Grenze zu Mazedonien nach Athen zurückgeschickt wurden, nachdem Mazedonien seine Einreisebestimmungen verschärft hat. Im Moment stellen sich die Hilfsorganisationen darauf ein, dass die Situation sich in nächster Zeit kaum verändern wird. Und wenn im Winter die Schiffe von Lesbos nach Athen und von Athen in Richtung Festland nicht mehr regelmässig fahren, könnte sich die Lage eher noch verschärfen.

Wie muss man sich die Situation in den Flüchtlingscamps vorstellen? Auf Lesbos stehen nur in einem der zwei offiziellen Lager stabile provisorische Unterkünfte zu Verfügung, aber bei weitem nicht genug für alle Menschen. Für die restlichen Flüchtlinge werden einfachste Zelte abgegeben, welche die Menschen selbst aufstellen. Besonders das zweite Lager ist unorganisiert, zum Teil muss hier sogar im Freien übernachtet werden. Es ist eiskalt, besonders in der Nacht, dazu kommen Wind und Regen. Die Ankömmlinge sind erschöpft von der Überfahrt, viele stehen unter Schock. Sie wollen nur Eines, nämlich so schnell wie möglich weiterreisen. In Athen übernachten die Flüchtlinge in Fussballstadien, auch dort ohne Schutz und im Freien. Unzählige Menschen schlafen auf der Strasse.

Worin besteht die Hilfe der Caritas Schweiz? Gemeinsam mit Caritas Hellas stellen wir auf Lesbos und in Athen besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen eine sichere Unterkunft zur Verfügung. Konkret können insgesamt 450 Kranke, Behinderte, Betagte, schwangere und allein reisende Frauen sowie Familien mit kleinen Kindern in drei leer stehenden Hotels übernachten. Dort haben sie eine geheizte und sichere Unterkunft, warmes Wasser und zwei warme Mahlzeit. Es ist ein Ort, um die Strapazen der Flucht zu bewältigen und Kraft zu tanken.

Wie erfahren diese Menschen von diesem Angebot und in welchem Zustand sind sie, wenn sie zu Caritas kommen? Sie werden uns entweder von anderen Organisationen zugewiesen oder von zwei Caritas-Mitarbeitern ausfindig gemacht, die täglich in den Camps verletzliche Personen identifizieren. Wenn die Flüchtlinge zu uns kommen, sind viele von ihnen in einem Zustand der absoluten Erschöpfung. Sie sind durchnässt, haben nichts als eine Aluminiumdecke und schlafen zum Teil sogar im Stehen ein. Umso erstaunlicher ist es, was eine Nacht im Hotel ausmacht, wo sie in einem warmen Bett schlafen, sich duschen und ihre Kleider waschen können. Hier werden sie wie Gäste behandelt und können eine warme Mahlzeit am Buffet auswählen. Ich habe noch nie vorher erlebt, wie gebeugte und erschöpfte Menschen sich so schnell aufrichten und sogar zum Tee einladen. Und trotzdem: Die meisten wollen so schnell wie möglich weiterreisen, auch wenn sie drei Nächte bleiben dürften.

Wie geht es den Kindern? Sie erholen sich von allen fast am schnellsten. Beim Spiel können sie die Strapazen vorübergehend vergessen – doch die Traumata werden sich teils später bemerkbar machen. Es gibt auch vernachlässigte Kinder, deren Eltern aus purer Erschöpfung ihre Verantwortung nicht mehr wahrnehmen können. Diese Kinder freuen sich, wenn endlich wieder jemand mit ihnen spielt.

Aus welchen Ländern stammen die Flüchtlinge? Auf Lesbos sind 95 Prozent der Flüchtlinge in unserer Unterkunft Syrer und Iraker. In Athen hat es auch viele Afghanen, Libanesen oder Iraner darunter.

Wie reagiert die lokale Bevölkerung in Griechenland? Die griechische Bevölkerung leidet stark unter der Wirtschaftskrise und die Flüchtlingskrise kommt noch dazu. Trotz grosser Armut ist es erstaunlich, wie hilfsbereit die Menschen sind. Gerade auf Lesbos gibt es unzählige Freiwillige, die Kleider spenden oder Essen und Decken verteilen. Viele von ihnen haben eine Nähe zu den Flüchtlingen und sie sagen «We are all refugees». Denn ihre Eltern oder Grosseltern waren früher selbst aus der Türkei nach Griechenland geflüchtet. Das Caritas-Projekt schafft einerseits neue Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung und ermöglicht es zweitens dem bestehenden Personal der drei Hotels, auch während den Wintermonaten ohne Touristen ihre Arbeit zu behalten. Langfristig wäre unser Ziel, auch unter den Griechen die Ärmsten zu unterstützen.

Was macht Caritas in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze? In Idomeni gibt es keine Flüchtlingslager, weil sich die Menschen dort meist nur ein paar Stunden beim Grenzübertritt aufhalten sollten. Wir stellen 40 chemische Toiletten sowie Duschen zur Verfügung, Caritas Griechenland verteilt zudem auch 4000 Mahlzeiten pro Woche, damit den Menschen während den Stunden in Idomeni das Nötigste zur Verfügung steht.

Das Interview führte Dominique Schärer, Caritas Schweiz (Bild: Zwei Flüchtlingskinder beim Essen im Hotel)

 

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