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Vertriebene helfen Vertriebenen

Wir wohnen seit 11 Jahren hier. Der damalige Präsident von Kurdistan nahm uns auf und baute uns diese Häuser, damit wir hierbleiben und arbeiten können.“ Chalida Duku hält die Hand ihres Sohns Sinan, während sie erzählt. „Wir mussten aus Bagdad fliehen, Hals über Kopf, die Lage dort wurde für Christen einfach zu gefährlich. Wir waren Vertriebene, jetzt sind wir hier Zuhause.“ Und es scheint tatsächlich so, als wäre Chalida in Bajidda ‚angekommen’, einem kleinen Dorf an der syrischen Grenze. Sie hat ihre Arbeit als Lehrerin wieder aufgenommen und ihr Sohn, 22 Jahre alt, studiert in der kleinen Stadt Zakho Elektronikingenieur. Chalida ist Witwe, denn ihr Mann starb in den Kriegswirren in Bagdad.

Was Chalida für mich so beeindruckend macht? Seit sechs Wochen hat sie zwei zusätzliche Familien bei sich einquartiert. Die Familie ihrer Tante und eine fremde Familie. Anstelle der Kleinfamilie, sie und ihr Sohn, teilen sich nun zehn Menschen das Haus. „Manchmal ist es ein wenig laut, manchmal ein wenig eng. Wir müssen jeden Tag die Möbel hin- und herschieben, damit die Matratzen nachts Platz haben, aber sonst geht das. Nach unserer Flucht aus Baghdad war es viel, viel schwieriger,“ meint sie achselzuckend und fügt hinzu: „Unsere Nachbarn haben 14 Menschen im Haus, das ist noch etwas enger. Diesen Winter überstehen wir zusammen, aber auf die Dauer …“. Besuche wie diese versetzen uns meist in eine gehobene Stimmung. Wir werden mit Nahrungsmitteln (die im Haushalt von Chalida knapp werden) helfen, sie ausserdem mit einigen Decken, Hygieneartikel und einem zusätzlichen Heizgerät versorgen. Chalida und 20 weitere Familien, die 27 Gastfamilien bei sich haben, werden so über die Runden kommen.

Einige Kilometer weiter, noch zum Ort Bajidda gehörend, steht ein grosses Zelt auf den Gemüsefeldern, gleich dahinter ist die Uferböschung des Flusses Tigris. Im Gespräch mit den Bewohnern, sieben Jesiden Familien, die seit Mitte August hier kampieren, entwickelt sich ein bedrückendes Szenario. Das Zelt hält keinem einzigen Regen stand, es bietet allenfalls etwas Schutz vor Wind und Sonne. Es hat keinen Boden, nachts werden die Matratzen auf dem harten Lehmboden ausgebreitet, das Zelt ist dann mit 42 Personen dicht an dicht belegt. „Wenn es regnet, weicht der Boden auf, wir können dann nur noch barfuss laufen, die Schuhe bleiben im Matsch stecken. Wo sollen wir dann unsere Matratzen hinlegen? Könnt Ihr uns Zelte mit Bodenplane schicken? Und Decken? Und warme Kleidung für unsere Kinder?“ Wir werden es versuchen. So bald wie möglich, die ersten Regen werden im Oktober erwartet. Sie sind erste Vorboten für den einbrechenden Winter – bis dahin müssen die Vorbereitungen auf die kälteren Temperaturen abgeschlossen sein.

Text: Thomas Hoerz, Caritas International / Bild: Thomas Hoerz

 

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