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Schwere Ernährungsunsicherheit zu befürchten

Fünf Fragen an Vincent Schmitt zur Situation auf Haiti zwei Monate nach Matthew - Mediendienst 12/2016

Auch zwei Monate nach dem Hurrikan Matthew bleibt die Situation auf Haiti sehr prekär. Der Viehbestand ist dezimiert, die Ernte verwüstet: Die Situation in der Landwirtschaft ist alarmierend und die Angst vor einer schwerwiegenden Ernährungsunsicherheit ist gross. Caritas unterstützt die Familien in der grössten Not. Mit dem gezielten Einkauf aus lokaler Produktion kämpft sie für einen Wiederaufbau der Landwirtschaft. Vincent Schmitt, der Caritas-Delegierte für Ernährungssicherheit auf Haiti erläutert die Situation vor Ort.

Vincent Schmitt, wie würden Sie die aktuelle Situation auf Haiti beschreiben?

Wir konnten erste Hilfe mit Lebensmittelverteilungen an die Haushalte durchführen, die in den am stärksten betroffenen Gebieten leben. Die Wasseraufbereitung ist zumindest teilweise wieder in Gang. Die Dächer der beschädigten Häuser wurden mehrheitlich renoviert und auch das Telekommunikationsnetz ist teilweise wieder funktionsfähig. Dennoch bleibt die Situation weiterhin prekär. Fakt ist, dass die zerstörten Häuser und Schulen noch nicht wieder aufgebaut sind. Schulen, die unzerstört blieben, dienen in vielen Fällen als Notunterkunft. Angesichts des Unmuts der Schüler und Studierenden beginnt die Polizei mit der Zwangsräumung der Schulgebäude. Doch die Menschen wissen einfach nicht wohin. Der Hurrikan hat sie zu Obdachlosen gemacht. Für viele Studenten startet das Schuljahr so mit einer schweren Hypothek. Auch in der Landwirtschaft ist die Situation alarmierend. Ein grosser Teil des Viehbestands hat den Hurrikan nicht überlebt. Für den haitianischen Bauern ist Vieh gleichbedeutend mit Kapital. Hinzu kommt, dass auch die Ernteerträge verwüstet wurden und kein Kapital vorhanden ist, um die landwirtschaftliche Produktion wieder anzukurbeln. Die vom Hurrikan verwüstete Region war die landwirtschaftlich produktivste Gegend der Insel. Bedenkt man zudem, dass Haiti ohnehin mehr als 50 Prozent seines Lebensmittelbedarfs importiert, dann liegen düstere Zeiten bevor. Bleiben die natürlichen Ressourcen, deren Zustand alarmierend ist. Der Hurrikan Matthew hat zusätzlich kaum vorstellbare Schäden hinterlassen.

Wie wird die Hilfe von Caritas und anderen Organisationen derzeit geleistet?

Um rasch und effizient helfen zu können, arbeitet Caritas Schweiz in Partnerschaft mit der lokalen Caritas von Les Cayes und einer lokalen Organisation namens Ahaames. Mit der Unterstützung der Glückskette und mit privaten Spenden unterstützen wir einen Teil der Lebensmittelverteilung im Rahmen des Uno-Welternährungsprogramms. Über einen Telekommunikationsanbieter lassen wir Familien in der grössten Not gezielt Geldbeträge zukommen. Diese Zahlungen geben den Eltern zumindest wieder etwas Würde und ermöglichen es ihnen, die dringlichsten Bedürfnisse zu erfüllen. Caritas sensibilisiert die Bevölkerung für die Gefahren einer Choleraepidemie und anderer über Wasser übertragbarer Krankheiten und zeigt auf, wie man sich schützen kann. Angesichts des Ausmasses der Bedürfnisse wird Caritas auch den Neustart in der Landwirtschaft unterstützen und dazu beitragen, dass der Viehbestand wieder aufgebaut werden kann. Zurzeit stellen wir den Bauern Saatgut zur Verfügung. Auch die einheimischen Bauernverbände können beim Ersetzen der zerstörten landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge auf die Unterstützung von Caritas zählen. Geplant ist, die benötigten Pflüge von lokalen Handwerkern anfertigen zu lassen, um so die einheimische Wirtschaft anzukurbeln. All unsere Projekte sind so konzipiert, dass der grösstmögliche Teil der benötigten Produkte vor Ort erworben wird zur Stärkung der lokalen Wirtschaft. Auch das Saatgut und die Substanzen zur Wasseraufbereitung werden auf Haiti hergestellt. Wir sprechen unsere Hilfe an regelmässigen Treffen mit andern Hilfsorganisationen und der Regierung ab. Die Koordination aller Akteure erweist sich als sehr komplex und ressourcenintensiv. Angesichts des immensen Bedarfs sind die Ressourcen bei weitem nicht ausreichend.

Sind die Bauern in der Lage, die Agrarproduktion wieder anzukurbeln?

Die Agrarproduktion wird wieder in Gang kommen. Doch niemand kann voraussagen, wie lange es dauern wird. Die Regenzeit endete im November und mit ihr die Aussaatperiode der aktuellen Agrarsaison. Wenn im März und April des nächsten Jahres die Ernte nicht ertragreich ist, wird es wahrscheinlich zu einer schweren Ernährungsunsicherheit kommen. Die Gefahr, dass die Situation ab März noch schwieriger wird, ist beträchtlich. Es droht eine Hungersnot, die Familien werden sich gezwungen sehen, in die Elendsviertel der Städte zu ziehen, die bekannt sind für ihre hohe Kriminalität.

Können die Kinder in die Schule zurückkehren?

Trotz der aktuellen Notlage sollte keineswegs vergessen werden, dass die niedrige Bildungsquote ein grundlegendes Problem Haitis ist. Sie stellt eine grosse Hypothek für die Entwicklung der Insel dar. Auch vor diesem Hintergrund ist es dringend notwendig, dass der Schulunterricht für einen Grossteil der Schülerinnen und Schüler wieder startet. Doch die Not ist so gross und es fehlt einfach an allem, an Unterkünften, Lebensmitteln, medizinischer Versorgung. Der Schulunterricht hat für die Helfer schlicht und einfach nicht die oberste Priorität.

Erdbeben in 2010, Hurrikan mit immenser Zerstörung in 2016  ̶  woher nehmen die Haitianer die Kraft, immer wieder aufzustehen?

Das haitianische Volk konnte sich 1804 vom Joch der französischen Kolonialherrschaft befreien und einen eigenen Staat gründen. Haiti war die erste Nation, welche die Sklaverei abschaffte. Seitdem gab es unzählige politische Krisen, aber niemals liessen sich die Haitianer in die Knie zwingen. Nach jedem Schicksalsschlag hat sich das Volk unermüdlich wieder erhoben. Die Haitianer besitzen eine unglaubliche Kraft, sie lehren uns Demut. Nicht umsonst gibt es sehr viele Künstler und Kunst auf der Insel. Dennoch forderten die zahlreichen Naturkatastrophen einen hohen Tribut. Doch dank der nationalen und internationalen Hilfe konnten sich die Haitianer immer wieder aufrappeln. Absehbar ist, dass der Niedergang dieser Nation nicht aufzuhalten sein wird, wenn der immense Raubbau an der Umwelt und den Naturressourcen kein Ende findet. Dies gilt für Haiti genauso wie für den Rest der Welt. Und so wie weltweit, so ist auch auf Haiti das Bewusstsein für die Dramatik der Situation in weiten Teilen der Zivilbevölkerung noch nicht richtig vorhanden. 

 

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