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Schüsse statt Schutz

„We are all ok“, antwortet eine Sozialarbeiterin von Caritas Libanon auf mein besorgtes SMS am Tag des Bombenattentats in Beirut. Aufatmen für den Moment. „We are all ok.“ Heute. Doch auch am nächsten Tag sind die Schlagzeilen aus Beirut wieder voll mit beängstigenden Nachrichten: „Gefechte“. „Schwere Krawalle“. „Angst vor Bürgerkrieg“.

Ich kann das kaum nachvollziehen. Ich war doch noch vor eine Woche in Beirut, in dieser ungewöhnlichen, schillernden Metropole. Habe noch vor einer Woche dumme Bemerkungen gemacht, als unser Minibus angehalten wurde und wir erst weiterfahren konnten, nachdem ein Hund das gesamte Auto von aussen nach Sprengstoff abgeschnüffelt hatte. Habe noch vor einer Woche mit Flüchtlingen aus Syrien gesprochen, alle dankbar, dass sie im Libanon in Sicherheit sind, weg von Bürgerkrieg, Bomben und Gewalt.

Und jetzt? Ich denke an Mirna, die mir erzählt hat: „Meine Kinder mussten so viel durchmachen. Für sie sind wir aus Syrien geflohen. Dass sie es hier besser haben. Dass sie nicht mehr so viel Angst haben müssen und nicht so viel weinen.“ Doch in diesen Tagen der Unruhen werden sie wieder schreien und wimmern und nicht verstehen was vor sich geht. Ich denke an Fatima mit ihrem 4 Tage alten Kind. Hochschwanger war sie erst in Syrien von einer in eine andere Stadt geflohen. Dann wurde auch die angegriffen und Fatima floh in den Libanon. Dort gebar sie ihr Baby, lebt in einem Stall. „Ich hatte solche Angst“, sagt sie und beginnt zu weinen. Ob meine Fragen der Auslöser für ihre Tränen seien, will ich wissen. Doch die junge, blasse Frau sieht mich an und meint: „Ob Sie Fragen stellen oder nicht, ich muss immer weinen. Es war so schlimm.“ Fängt für sie nun alles von Vorne an, muss sie sich erneut auf die Flucht begeben, um sich und das winzige Kind in Sicherheit zu bringen? Vom Libanon nach – wohin?

Mir kommt Emira in den Sinn, die ein Kind auf der Flucht aus Syrien verloren hat. Der kleine Mohammed, der nachts vom Krieg träumt und vor Angst schreit. Hadija, die ihren Kindern im Libanon beibringen wollte, dass Gewalt nicht die Lösung ist. Siwar, die panische Angst vor Feuerwerken hat, weil sie nach Krieg klingen. Sie alle sind in den Libanon geflohen, um in Sicherheit zu sein. Doch statt Schutz gibt es Schüsse.

Wie sehr wünschte ich mir, ich bekäme von ihnen allen in den nächsten Tagen ein SMS: „We are all ok.“

 

Text: Livia Leykauf-Rota / Bild: Livia Leykauf-Rota 

 

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