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«Schreiben Sie das!»

Abdil ist mir gleich aufgefallen. Mit dem weissen Tuch auf dem Kopf, aufrecht sitzend und den blitzenden Goldzähnen. Ein stolzer, schöner, alter Mann. Er war zu meiner grossen Verwunderung bereit, sich fotografieren zu lassen. Er erzählt bei der Registrierung im Caritas-Zentrum von der winzigen Wohnung, in der er im jordanischen Zarqa lebt. Es ist kalt und er braucht Decken und eine Heizung. Er schwärmt von dem Häuschen in dem er in einem syrischen Dorf in der Nähe von Deraa gelebt hat – bis der Krieg ausbrach und die Kämpfe irgendwann nicht mehr auszuhalten waren.

Vier Kinder hat Abdil, zwei sind in Syrien geblieben. Seit vier Monaten hat er nichts mehr von ihnen gehört. „Nichts. Das ist nicht gut. Gar nicht.“ Er sieht mich direkt an und seine Augen füllen sich mit Tränen. Er wäre in Syrien geblieben, sagt er, aber seine Frau ist krank. Die behinderte Tochter hat er auch mit nach Jordanien genommen, die wurde bei den ständigen Gefechten ganz panisch. Und der vierte? Der ist seit kurzem auch in Jordanien. «Fast tot war er. Sie mussten ihm ein Bein und einen Arm amputieren, so schlimm wurde er verwundet. »

Sein Gesicht verhärtet sich zusehends. Sein schalkhaftes Lächeln verlischt. «Warum interessiert sich niemand für uns Flüchtlinge aus Syrien? Warum tut die Welt nichts?» Natürlich bekomme er Hilfe vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Alle zwei Wochen 36 Dinar. Aber alleine das Taxi zum Büro des UNHCR kostet jeweils 6 Dinar, wettert er. Der ganze aufgestaute Ärger bricht aus ihm heraus, seine Enttäuschung, seine Verzweiflung. «Wovon sollen wir leben?». Auf einmal hält er inne. Schaut mich mit seinem klaren, scharfen Blick an, den Gehstock fest umklammert. «Schreiben Sie, ja, schreiben Sie, dass sich niemand für Syrien stark macht. Man lässt uns im Stich. Schreiben Sie das! Die Welt hat Syrien vergessen.»

Sein «Schreiben Sie das!» hallt noch lange in meinem Kopf nach.

Text: Livia Leykauf-Rota, Caritas Schweiz / Foto: Livia Leykauf-Rota, Caritas Schweiz

 

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