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Schmerzgrenze nach oben offen

Gabriela hat drei Kinder und Schulden. Sie pendelt zwischen Jobs, Haushalt und Organisatorischem hin und her. Der finanzielle Druck ist hoch, die tägliche Belastung auch. Hat sie die Schmerzgrenze erreicht? Sie sagt, dass die stetig wachsen würde.

«Während meiner ersten Schwangerschaft nahmen die Schwierigkeiten bei meinem Partner zu. Er hatte schon länger ein Alkoholproblem, nun aber änderte sich dazu seine Persönlichkeit, wir hatten kaum noch Kontakt zu Kollegen und unser Verhältnis zueinander war gestört. Die Zustände verschärften sich im Laufe der Jahre, hinzukam, dass ich selbst gesundheitlich angeschlagen war. 2012 war ich mit meinem dritten Sohn Mattias schwanger. Zu dieser Zeit waren die Probleme bei meinem Partner massiv geworden, und ich hatte kein gutes Gefühl, meine drei Jungs bei ihm zu lassen, während ich arbeitete. Verschiedene Gespräche brachten keinen Erfolg, einem Entzug stimmte er nicht zu.

Ich konnte so nicht weiterleben und trennte mich im Juni 2012, suchte für mich und meine Kinder eine neue Wohnung in der Nähe meiner Familie. Unterstützung bekomme ich vor allem durch meine Schwester und ihre Familie. Meine Eltern unterstützen mich punktuell, wenn ich abends Termine habe.

Ich habe das Glück, dass ich eine Arbeitsstelle als Nachtwache gefunden habe, in der ich meine Arbeitseinsätze selber planen kann. Da das nur ein Teil unseres Lebensbedarfs deckt, betreue ich zusätzlich ein Tageskind.

Beide Einkommen und die Alimente reichen gerade so, allerdings habe ich hohe Schulden. Vor kurzem erhielt ich einen Vorschuss meines Arbeitgebers, um mal alle Rechnungen bezahlen zu können. Ein Teil der Schulden gelte ich monatlich ab. Dadurch muss ich gut budgetieren, und oft ist das Geld sehr knapp auf Ende Monat.

Unser Alltag ist gut eingespielt und stark strukturiert. Mein Erstgeborener, Pascal hat eine ADHS, mein zweiter Sohn Dominic ist hörbehindert. Beides macht den Alltag nicht einfacher, aber spannend.

Meist stehe ich vor den Kindern auf, mache mich parat für den Tag und bereite schon mal das Frühstück vor. Dann wecke ich Pascal, kurze Zeit später kommt schon das Tageskind, welches ich vier halbe Tage in der Woche betreue. Nun schaue ich, dass sich Pascal anzieht, was er meist schon selbstständig tut, erinnere ihn an seine Ämtli und gebe das Ok für das Frühstück. Während Pascal frühstückt, wecke ich Dominic, er braucht morgens etwas mehr Zeit. Mattias liegt meist noch im Bett und trinkt seinen Morgenschoppen. Nacheinander verlassen die beiden Grösseren dann das Haus und bei uns kehrt etwas Ruhe ein.

Mattias und mein Tageskind spielen, während ich die Küche und den Haushalt mache. Wenn möglich, binde ich die beiden ein und wir kochen zum Beispiel zusammen. Gegen 12 Uhr kommen Pascal und Dominic nach Hause, und wir essen gemeinsam. Anschliessend wird das Tageskind abgeholt und wir machen eine Stunde Mittagsruhe. Der Nachmittag ist relativ frei und ich widme mich den Kindern. Die Tage sind recht unterschiedlich, da die Kinder noch Therapien haben und Nachmittagsunterricht.

Am Abend essen wir, die Kinder erledigen ihre Ämtli, machen sich für die Nacht parat – entweder eigenständig oder mit meiner Hilfe. Sie dürfen dann noch etwas fernsehen, während ich putze, Büro oder Wäsche erledige. Im Kinderzimmer singen wir dann noch gemeinsam, und ich lese eine Geschichte vor. Dann sollte Ruhe einkehren, was es aber selten tut: Oft stehen die Kinder nochmals auf oder kommen in der Nacht zu mir. In drei von sieben Nächten bin ich wegen der Kinder wach. Feierabend in diesem Sinne gibt es nicht, nur einen ruhigere Zeit.

Im Alltag kämpfe ich meist mit dem Zeitmanagement, der Organisation von Terminen von Therapien und Ärzten und der Betreuung der Kinder. Einfach alles unter einen Hut bringen. Manchmal wünschte ich mir eine Hand mehr, gerade dann, wenn alle drei etwas von mir wollen.

Kann eine Mama eine Schmerzgrenze haben? Ich glaube, dass die Schmerzgrenze stetig wächst. Klar, komme ich an meine physischen und psychischen Grenzen, aber aufgeben ist mit Kindern keine Option. Bevor ich alleinerziehend wurde, hatte ich totale Panik, dass alle Kinder Krank werden könnten. Dann wurden alle Kinder krank, und ich organisierte mich. Dann kam die Angst, dass ich selbst krank werden könnte, und eines Tages kam es auch so. Ich habe das Beste daraus gemacht und mich organisiert. Es gibt immer eine Lösung. Belastend ist jedoch wirklich unsere finanzielle Situation.

Kraft geben mir vor allem meine Kinder, meine Schwester und eine sehr gute Freundin. Ich gönne mir zwei bis dreimal die Woche ein Fitnesstraining, das gibt ein tollen Ausgleich. Motivation zum Weitermachen sind ganz klar meine Kinder, es gibt nichts schöneres, als leuchtende Kinderaugen und Aussagen wie “Mama ich hab dich lieb“!

Ich finde nicht, dass ich bemitleidet werden muss, und ich will das auch nicht. Ich habe mich für diesen Weg entschieden, und das ist gut so. Ganz oft habe ich Hilfe erfahren, sei es mit einer finanziellen Spende oder praktischer Hilfe. Vor allem passiert das im näheren Umfeld, Menschen die uns nicht kennen, verurteilen mich wohl eher. Gerade weil ich alleinerziehend bin mit mehr als einem Kind.

Ich denke die Familienpolitik in der Schweiz sollte sich den tatsächlichen Gegebenheiten anpassen. Mir fehlen gute Kinderbetreuungsangebote, wenn man arbeiten will/kann. Oder Vergünstigungen für Alleinerziehende, die zum Beispiel AHV Bezüger oder Studenten erhalten. Unterstützend wäre auch eine Anerkennung der Belastung, welcher Alleinerziehende ausgesetzt sind. Das ist ein Grund, warum ich bei diesem Blog mitmache. Kinder ins Leben begleiten ist ein Sieben-Tage und 24-Stunden-Job, nebenbei muss der Haushalt erledigt, eingekauft und die Kinderbetreuung organsiert werden. Und das mal abgesehen vom Job, welcher einen 100% fordert und der für die finanzielle Existenz benötigt wird. Da braucht es einfach noch mehr Aufklärungsarbeit und Sensibilisation.

Alleinerziehende sollten finanziell besser unterstützt werden, sei es mit Vergünstigungen oder Zuschüssen.

Hätte ich selbst drei Wünsche frei, würde ich mir finanzielle Erleichterung wünschen und Ferien mit den Kindern. Und ich wünsche mir, dass ich meine Kinder auf ihrem Weg ins Leben bestmöglich begleiten kann und ihnen ein gut gefülltes Rucksäckchen mitgebe, wenn sie das „Nest“ verlassen.

Gabriela, 35 Jahre, aus dem Kanton Bern 

Text: Caritas Schweiz
Bild: Caritas Schweiz

 

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