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Mounirs kleiner Zoo

Vor rund drei Wochen habe ich in Tripoli Sirage und seine Familie kennen gelernt. Vater, Mutter und ihre fünf Kinder wohnen in einem Hochhaus-Rohbau, seit sie vor einigen Monaten aus der Region Homs fliehen mussten. Die Eltern geben sich grosse Mühe, den Kindern die unerträgliche Situation so erträglich wie möglich zu machen. Die grauen Mauern sind mit gelben Vorhängen verdeckt. Grünpflanzen und Trockenblumen stehen so eng wie eine Gartenhecke nebeneinander– mitten in der Betonwüste. Im Schlafzimmer – drei der Kinder schlafen auf dem blanken Boden – hängen Bilder, alles ist sehr akkurat hergerichtet, trotz aller Tristesse irgendwie wohnlich.

Als ich heute Sirage und seine Familie erneut besuche, fällt mir eine Neuerung sofort auf: die Familie hat Zuwachs bekommen. Zwischen den zwei alten Sofas, die im Freien stehen, schwimmen ein paar Fische in einem sauber geputzten Aquarium. Kaum werfe ich einen Blick in das Bassin, stürmt der kleine Mounir auch schon auf mich zu und erklärt mir die Fische. Ich verstehe kein Wort. Er ist gar nicht mehr zu bremsen. Dann flitzt er ins Schlafzimmer, das gleichzeitig Esszimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer und Garderobe für die ganze Familie ist und kommt mit einer durchsichtigen kleinen Box mit rotem Deckel zurück – auch darin ein Fisch. Wieder redet er auf mich ein, bis er gestenreich Futter aus einer Plastiktüte holt und seinen Fisch füttert. Dazu erzählt er pausenlos etwas. Weil ich nichts verstehe, bringt er seinen Fisch wieder an seinen Platz und verschwindet. Er hat wohl das Interesse an mir verloren, verstehe ich ja noch nicht, was er sagt. Doch einige Momente später kommt er freudestrahlend zurück. Er rennt auf mich zu, baut sich vor mir auf und zeigt mir stolzerfüllt zwei Eier. Eier, von seinen Hühnern, zu denen er mich auch gleich führt. Er ist enttäuscht, als ich keines seiner Hühner fangen und herumtragen will. Vielleicht die Katzen? Ich lehne dankend ab, lasse mir aber noch alle ihre Lieblingsplätze und Verstecke zeigen. In seinem kleinen Zoo ist Mounir ganz in seinem Element. Glücklich. Unbeschwert.

In dem Moment sehe ich, dass sich an der groben, grauen Hauswand etwas bewegt. In diese Aussenwand des Rohbaus sind ein paar Regale gebohrt, darauf Teller, Tassen, Gläser, Dosen mit Pudding. Und mitten durch diese improvisierte Küchenzeile krabbelt eine Maus. Sie gehört nicht zu Mounirs Zoo, aber zu seiner traurigen Lebenswirklichkeit als Flüchtlingskind aus Syrien. So liebevoll sich der kleine Wirbelwind um seine Tiere kümmert, so häuslich Vater Sirage der Familie das improvisierte Zuhause im Libanon auch einrichtet: sie leben in einem offenen Rohbau, Ungeziefer, Regen und Kälte chancenlos ausgesetzt.

Text: Livia Leykauf-Rota, Caritas Schweiz / Foto: Livia Leykauf-Rota

 

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