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Mit der Pensionierung verdoppelt sich das Armutsrisiko

5 Fragen an Bettina Fredrich zur Existenzsicherung im Alter - Mediendienst 4/2017

Im kommenden Herbst kommt die vom Parlament verabschiedete Rentenreform zur Abstimmung. Die politische Diskussion um die Reform rückt die Frage nach der Existenzsicherung im Alter ins öffentliche Interesse. Wie steht es um die Altersarmut in der Schweiz und wer ist davon betroffen? Bettina Fredrich, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik der Caritas Schweiz, beantwortet Fragen.

Welches Ausmass hat die Altersarmut in der Schweiz?

Was wir auf jeden Fall feststellen müssen: Altersarmut existiert. Personen über 65 sind überdurchschnittlich oft von Armut betroffen. Die Armutsquote ist mit 13,6 Prozent doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung, wo sie bei 6,6 Prozent liegt.

Oft hört man den Einwand, dass die Armutsquote nur die Einkommensarmut misst und ältere Menschen in vielen Fällen auf Ersparnisse, also ihr Vermögen zurückgreifen können. Trifft dies zu? 

Das Bundesamt für Statistik hat diese Frage genauer untersucht und 2014 eine Sonderpublikation zu Armut im Alter publiziert. Diese zeigt: Vermögen haben nur Personen, die bereits in der Erwerbsphase bessergestellt waren. Die Ungleichheit ist unter den älteren Menschen noch grösser als in der Erwerbsbevölkerung. Dies betrifft nicht nur das Einkommen, sondern auch das Vermögen. Zu bedenken ist zudem, dass ein Drittel der Rentnerinnen und Rentner ausschliesslich von der AHV leben. Sie verfügen also aufgrund von geringen Einkommen in der Erwerbsphase über keine Pensionskassenansprüche. Für Frauen trifft dies besonders häufig zu.

Wer ist in der Schweiz besonders gefährdet, das Alter in Armut verbringen zu müssen?

Altersarmut ist oft weiblich. Die wichtigsten Gründe sind Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrüche und tiefe Löhne. Davon sind Frauen in besonderem Ausmass betroffen. Sei es in der Betreuung von Kindern oder von betagten und kranken Angehörigen: Noch immer übernehmen Frauen einen Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit. Die Vereinbarkeit ist – zum Beispiel aufgrund von unregelmässigen Arbeitszeiten – gerade für Frauen in der Tieflohnbranche oft unmöglich. Gleichzeitig bleibt die Existenzsicherung an die Erwerbsarbeit gekoppelt. Allgemein negativ auf die Rentenhöhe wirken sich auch ein niedriger Bildungsstand und Arbeitslosigkeit aus. Das trifft auf Männer ebenso wie auf Frauen zu.

Eine oft gehörte Empfehlung ist es, das Arbeitspensum nicht unter 70 Prozent fallen zu lassen. Gemeint sind damit primär Frauen. Ist das die Lösung? 

Diese Empfehlung ist leichter ausgesprochen als im Alltag umgesetzt. Gerade in Niedriglohn-Jobs ist es oft schwierig, Pensen frei zu wählen. Die Frauen müssen nehmen, was man ihnen anbietet. Nicht selten müssen sie mehrere Jobs gleichzeitig ausüben. Das wiederum erschwert die Kinderbetreuung, vor allem auch weil die Krippen sich an «Normalarbeitszeiten» orientieren. Es braucht daher günstigere Angebote für Kinderbetreuung und flexiblere Öffnungszeiten in Kindertagesstätten. Nicht in allen Berufen enden die Arbeitstage um 18 Uhr.

Ist die Rentenreform ein wirksames Instrument gegen die Altersarmut?

Grundsätzlich betrachte ich die AHV als zentral in der Armutsbekämpfung. 70 Franken mehr ist sicher gut. Ob dies die Leute aus der Armut bringt, ist allerdings fraglich. Entscheidender und auch zielgerichteter im Kampf gegen die Armut ist die Ausgestaltung der Ergänzungsleistungen. Insgesamt müssen wir uns aber bewusst sein, dass der Grundstein für Altersarmut im Erwerbsleben gelegt wird.

 

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